SCHWEINFURT

Geschichtswettbewerb: Ein Tagebuch für Maisaa

Das Tagebuch, in dem Maisaas Freundinnen ihre Geschichte erzählen. Die Geschichte einer Flucht und eines Neuanfangs – in Deutschland. Auf dem Foto ist Maisaas kleiner Bruder zu sehen. Foto: Hannes Helferich

Die ursprüngliche Idee war, „eine Migrationsgeschichte über einen Menschen zu schreiben, der geflohen ist und jetzt in Schweinfurt lebt“. Sabrina Zehe und Katherine Gaydash haben, was naheliegend war, mit ihrer Klassenkameradin Maisaa gesprochen. Sie stammt aus Syrien, besuchte die sechste Klasse des Humboldt-Gymnasiums. „Ihre Schilderungen über die schlimme Flucht haben uns so beeindruckt, das wir irgendwann die Idee hatte, ihre Geschichte als Tagebucheintrag, also aus ihrer Sicht, aufzuschreiben“, schildert Sabrina. „So kann man sich viel besser in ihre Lage hineinversetzen“, sagt Katherine.

Mit der Hand geschrieben und reich bebildert

Mit ihrem Tagebuch „Maisaas Flucht“ haben die beiden AvH–Schülerinnen beim Geschichtswettbewerb der Initiative gegen das Vergessen den ersten Preis erhalten, der heuer zweimal vergeben wurde, dotiert mit jeweils 500 Euro. „Vom Fremdsein und Daheimsein“ hatte die Initiative ihren zum zweiten Mal veranstalteten Wettbewerb überschrieben. Die Geldpreise über insgesamt 1300 Euro für die drei Sieger (es gab keinen dritten Platz) spendete wieder die Oskar-Soldmann-Stiftung.

Das Tagebuch ist ein Büchlein im Format DIN A 6. Ihm beigelegt ist eine Landkarte, die den Fluchtweg der Familie, Mutter, Vater, vier Kinder aufzeigt: Syrien, Ankara/Türkei, Athen/Griechenland, Sofia/Bulgarien, Zagreb/Kroatien, Wien/Österreich, Budapest/Ungarn, Deutschland. Sabrina und Katherine haben alles mit der Hand geschrieben – mit einem Bleistift. Eindrucksvoll. Jeder Eintrag beginnt mit der Anrede „Liebes Tagebuch“, daneben, um das Ganze einordnen zu können, das Datum.

Eindrucksvolle Schilderung der Flucht

1. Oktober 2015, der erste Eintrag: „Liebes Tagebuch, mein Name ist Maisaa und ich lebe in Syrien“. Einer ihrer zwei Brüder ist gerade „zu mir ins Bett gekommen, weil er Angst vor den Bomben hat. Ich auch, jeden Tag wird es mehr“. Sabrina und Katherine haben nur aufgeschrieben, „was Maisaa uns auch erzählt hat“, sagen sie. Der Leser erfährt vom täglichen Tod vieler Menschen, von Hunger und der anhaltenden Todesangst. Ihren Vater hat Maisaa das letzte Mal 2013 gesehen, schreibt sie imm ersten Eintrag. „Wir spielen alle mit dem Gedanken, dass er nicht mehr am Leben sein könnte“. Aber er lebt.

Maisaa schildert einen Bombenangriff auf ihre Schule und die Entscheidung der Eltern zur Flucht. Das Tagebuch enthält viele Bilder. An dieser Stelle ist ein Foto der Familie auf ihrem Fußmarsch eingeklebt. Mit einem Boot geht es übers Meer nach Griechenland. Es kippt um, vier Menschen sterben„. „Das waren die schlimmsten 45 Minuten meines Lebens“, notieren die Schulkameradinnen ins Tagebuch. „Von Serbien bis Kroatien mussten wir großteils laufen“, in Mazedonien übernachtet die Familie in einem Park. Am 20. Oktober 2015 kommt Maisaa in Schweinfurt an. Sie schaut aus dem Fenster und ist verblüfft: „Nirgendwo lagen Trümmer, es ist so friedlich in Deutschland“.

Vieles ist noch fremd und ungewohnt

Im November 2015 erster Deutschkurs. „Es war leichter, als ich es mir vorgestellt habe“, wenngleich Maisaa wieder schildert, dass die „andere Sprache“ schon noch fremd ist, aber „wir versuchen, damit zurecht zu kommen“. Maisaa ist vom Advent und Weihnachten beeindruckt, „dennoch behalten wir unseren Glauben“. Im März schreiben die Autorinnen ins Tagebuch, dass Maisaa „schon Leute nach dem Weg fragen kann“.

Mit ihrem jüngeren Bruder baut sie einen Schneemann, ein Bild zeigt das. Maisaa erinnert sich oft an Syrien, im Eintrag vom April zeigt ein Foto das zerstörte Haus. Wenig später kommt sie ins Humboldt. Alle in ihrer Klasse seien nett: „Ich fühle mich sehr wohl hier, betrachte Schweinfurt als mein Zuhause und habe gemerkt, wie wichtig die Sprache ist, um sich zurecht zu finden“. Der letzte Eintrag.

Maisaa und ihre Familie sind zur Preisverleihung gekommen

Sabrina Zehe und Katherine Gaydash haben bei der Präsentation „ihres“ Tagebuchs Anfang Juli einige Passagen vorgelesen. Sie erhielten viel Beifall von den beeindruckten Zuhörern in der proppenvollen Disharmonie, auch von der syrischen Familie und natürlich von Maisaa, die zur Preisübergabe auf die Bühne kam . Dass sie fürs Tagebuch ausgesucht worden sei, habe sie „sehr stolz gemacht“.

Sabrina und Katherine sagen, dass ihnen das Projekt geholfen hat, „die Situation von Flüchtlingen besser zu verstehen“. Und weiter: „Uns ist auch klar geworden, wie wichtig gerade die Sprache für die Integration ist“. Maisaa besucht derzeit im Deutschhaus-Gymnasium Würzburg einen Intensiv-Sprachkurs. Bald kehrt sie ans AvH zurück.

Der Geschichtswettbewerb

2014 hat die Initiative gegen das Vergessen erstmals einen Geschichtswettbewerb für Schulen in der Region ausgeschrieben. Das Konzept zum Wettbewerb hatte Initiativenmitglied Johanna Bonengel ausgearbeitet. Der erste Wettbewerb hatte das Motto „Die Region Schweinfurt stellt sich der Vergangenheit des 20. Jahrhunderts“. Die Resonanz war enorm. Wie geplant im Zweijahresrhythmus erfolgte 2016 die Ausschreibung für Durchgang zwei mit dem Titel „Vom Fremdsein und Daheimsein“. Anfang Juli erfolgte in der Disharmonie die Preisübergabe. Das Ziel, bei jungen Menschen Interesse für die regionale Geschichte in der Stadt und auf dem Land, aber auch für die eigene persönliche Geschichte zu wecken und auch die demokratischen Traditionen der deutschen Geschichte zu reflektieren., ist gelungen. Vor allem die Siegerarbeiten waren bei der Premiere 2014/2015 und jetzt erneut von großer Qualität. Die Oskar-Soldmann-Stiftung unterstützt das Projekt von Anfang ideell – der Vorsitzende des Stiftungsvorstands und Alt-OB Kurt Petzold gehört der Wettbewerbsjury an – und finanziell. Der nächste Wettbewerb – Thema noch offen – wird 2018 ausgeschrieben. hh
Die Flucht der syrischen Familie von Maisaa (Mitte) haben die Humboldt-Schülerinnen Katherine Gaydash und Sabrina Zehe (rechts) in einem Tagebuch festgehalten. Foto: Hannes Helferich
Maisaa nach der Preisverleihung. Foto: Johanna Bonengel

Rückblick

  1. Jugendkriminalität in Würzburg: Hoher Anteil von Flüchtlingen
  2. In drei Jahren Deutsch gelernt: Syrerin besteht Abitur
  3. Personal fehlt: Abschiebungen treffen Gastronomen
  4. Timothy darf bleiben: "Ich kann wieder ruhig schlafen"
  5. OB Schuchardt: "Integration ist jahrzehntelange Aufgabe"
  6. Hohe Beschäftigungsquote von Flüchtlingen in Würzburg
  7. In Deutschland einmalig: Flüchtlinge helfen Geflüchteten
  8. Integrationsexperten aus eigener Erfahrung
  9. Drei Monate Anker-Zentrum: Eine erste Bilanz
  10. Geflüchteten schneller helfen dank Hermine
  11. Ankerzentren: SPD sieht Nachbesserungsbedarf
  12. So reagiert die Polizei auf das neue Ankerzentrum
  13. Sie helfen Flüchtlingen und fragen sich: Warum wird das Positive nicht gesehen?
  14. Sicherheitskräfte werden im Ankerzentrum aufgestockt
  15. Großeinsatz: Festgenommene Flüchtlinge noch nicht frei
  16. Warum wir uns keine Kriege leisten können
  17. Überprüfung in Schweinfurt: Hier bekamen weniger Flüchtlinge Asyl
  18. Netzwerkprojekt für Flüchtlinge: Bessere Chancen haben
  19. Die Flüchtlinge kommen wieder über das Meer
  20. Kirchenasyl auch in Dreieinigkeit Schweinfurt
  21. Kirchenasyl im Visier der Justiz
  22. „Hier wird der Falsche abgeschoben“
  23. Afghane kann Kirchenasyl verlassen
  24. „Wir brauchen Menschen wie Timothy“
  25. Geschichtswettbewerb: Ein Tagebuch für Maisaa
  26. Flucht und Psyche: Nicht nur der Körper leidet
  27. Psychosoziales Modellprojekt in der Erstaufnahme
  28. Polizeiaufmarsch am Weltflüchtlingstag
  29. Aus der Ukraine in den Steigerwald geflüchtet
  30. Nach dem Asyl Kampf um eine Wohnung
  31. Quartiere für Flüchtlinge teils leer
  32. Erstaufnahme: Bedarf an Kinderkleidung
  33. Madiama Diop sehnt sich zurück
  34. Viele Flüchtlinge suchen Wohnraum
  35. Hoffnung auf ein Ende des Streits in der Flüchtlingspolitik
  36. Der lange Weg zurück in den Zahnarzt-Beruf
  37. Andrii und Vitalii wollen helfen
  38. Warum Farid nicht arbeiten darf
  39. Lieber das Leben riskieren, als das Leben verlieren
  40. Stress und Langeweile statt Spielen und Lernen
  41. In Würzburg gelandet: Stationen zwischen Flucht und Freiheit
  42. Vision: Ein Pate für jeden Flüchtling
  43. Abschiebungen: Stadt soll Widerstand gegen Freistaat leisten
  44. Mit Hilfestellung ins Arbeitsleben
  45. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel will keine Auffanglager
  46. Fränkisch für Flüchtlinge
  47. Standpunkt: Abschiebungen dienen dem Stimmenfang
  48. Afghanistan: Abschiebung in die Ungewissheit
  49. Standpunkt: Abschiebungen dienen dem Stimmenfang
  50. Status syrischer Flüchtlinge wird verhandelt

Schlagworte

  • Schweinfurt
  • Hannes Helferich
  • Deutsches Institut für Normung
  • Deutschhaus-Gymnasium Würzburg
  • Flucht
  • Kurt Petzold
  • Tagebücher
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!