Dittelbrunn

Glosse: Mehr Farbe ins Leben und in die Politik

Im November 2020 soll es eine Tattoo-Messe in Dittelbrunn geben. Warum das Anlass für einen Blick in die Geschichte ist.

Es gibt sie noch, die großen Aufreger-Themen in der Dittelbrunner Gemeindepolitik. Geschichten, die einem unter die Haut gehen. So wie die dritte "Tattoo & Art Convention", die November 2020 im Marienbachzentrum stattfinden soll. Nicht jeder ist ein Freund der bunten Hautbilder, wenn sie gehäuft vor der eigenen Haustür auftreten. "Wieviele Dittelbrunner sind tätowiert?" stichelte Gemeinderat Franz Geus vor der Abstimmung. Andere Ratskollegen hatten eher Probleme mit der Parksituation als mit dem monotonen Summen von Injektoren oder in frischem Entzündungsrosa glänzender Körperkunst. Dem Freien Wähler sticht es schon beim Gedanken, die eigene Haut bei einer Tattoomesse zu Markte zu tragen. Ihm erschließe sich grundsätzlich der Sinn des Ganzen nicht.

Eine berechtigte Frage: Was ist eigentlich der tiefere Sinn von Tattoos? Die Rede ist nicht etwa vom scheu über die Kimme lugenden "Arschgeweih" und anderen Geschmacks-Verirrungen der Moderne, nahe am ästhetischen Abgrund. Wer farblich punkten kann, ragt irgendwie heraus, aus einer Reihe blasser Gestalten. Schon Gletschermumie Ötzi war tätowiert (der DJ ist es vermutlich auch), ebenso Seefahrer James Cook. Die Sitte, seinen Body mit Bildli zu verzieren, ist so alt wie die Menschheit selbst, ebenso wie deren Ablehnung: "Geätzte Schrift sollt ihr an euch nicht machen", heißt es im dritten Buch Mose, dem Levitikus (nicht verboten sind hingegen ätzende Schriften, um anderen die Leviten zu lesen).

Das Wort "Tatau" stammt vom Südseearchipel Samoa und lässt sich mit "das Richtige einklopfen" übersetzen. Der Überlieferung nach sollen die göttlichen Zwillingsschwestern Taema und Tilafaiga über das Meer nach Fidschi geschwommen sein, um die Kunst des Tatauierens zu lernen. Vorm Zurückschwimmen gaben ihnen die Farbklopfer eine Botschaft mit auf den Weg: Tatau fafine, ae tatau tane - Tatauiert die Mädels, nicht die Jungs! Allerdings bekamen Taema und Tilafaiga am Riff Hunger, tauchten nach einer leckeren Muschel und brachten im Tiefenrausch den Zungenbrechersatz durcheinander: Tatau tane, ae le tatau fafine - Tatauiert die Jungs, nicht die Mädels ?

Seitdem geht es offenbar darum, das jeweils andere Geschlecht zu verwirren (und zu betören). Jedenfalls erhalten die Samoaner nun Farbe, nicht nur ins Gesicht, in einer schmerzhaften und blutigen, oft monatelang dauernden Zeremonie. Eine Tatauierung gilt auch als eine Art magische Rüstung, deren Umfang den Rang eines Häuptlings oder Mitglieds im Dorfrat anzeigt. "Der Weg zur Macht heißt Dienen", lautet eine Weisheit der Insulaner. Nur wer die Stecherei in der Kommunalpolitik aushält, ist auf Samoa ein ganzer Kerl. Womit sich der Kreis zu den Tatau-, pardon, Dittelbrunner Farbenspielen schließt. Aloha Samoa.

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