SCHWEINFURT

Großeinsatz: Festgenommene Flüchtlinge noch nicht frei

Asylunterkunft durch Polizei abgeriegelt
Mit dem massiven Polizeiaufgebot an der Erstaufnahmeeinrichtung wollte die Polizei den aufgebrachten Flüchtlingen demonstrieren, dass sie gut aufgestellt ist. Foto: NEWS5/Herse

Alles ist wieder ruhig, einen Tag nach dem Großeinsatz der Polizei in der Erstaufnahmeeinrichtung der Regierung von Unterfranken in Schweinfurt. Auslöser für die Tumulte war die Kontrolle eines mit Haftbefehl gesuchten 22-jährigen Asylbewerbers, der flüchten wollte und dabei von einem Fenster im zweiten Stock in die Tiefe stürzte (wir berichteten). Der verletzte junge Mann befindet sich jetzt im Krankenhaus.

Die Polizei hatte ein massives Aufgebot an Einsatzkräften aus dem Streifendienst, der Bereitschaftspolizei und dem Unterstützungskommando sowie zahlreiche Einsatzkräfte des Rettungsdienstes und der Feuerwehr an der Unterkunft in der Niederwerrner Straße zusammengezogen. „Wir wollten Stärke durch Kräfte demonstrieren“, begründet Polizeisprecher Andy Laacke die starke Polizeipräsenz. Die Stimmung sei zwar aufgeheizt gewesen, aber die Lage „nicht so dramatisch, wie es von außen ausgeschaut hat“.

Festgenommene noch nicht frei

Immerhin gab es am Dienstag elf Festnahmen und Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. Wie Polizeisprecher Enrico Ball am Mittwochabend mitteilte, wurde einer der Festgenommenen dem Ermittlungsrichter vorgeführt, der Haftbefehl wegen Fluchtgefahr erließ. Die anderen zehn wurden einem Richter vorgeführt. Der habe auf der Grundlage des Polizeiaufgabengesetzes angeordnet, dass sie für drei Wochen in Gewahrsam bleiben.

Polizei erhielt Hinweis

Die Polizei hatte einen Hinweis bekommen, dass sich der mit Haftbefehl gesuchte Flüchtling von der Elfenbeinküste in der Schweinfurter Erstaufnahmeeinrichtung aufhalten würde. Als Beamte die Identität des 22-Jährigen feststellen wollten, sei er über den Flur zum Fenster gerannt und habe sich nach draußen gehangelt. Dabei sei er abgestürzt, schildert Polizeikommissar Laacke das Unglück.

Unter den Flüchtlingen machte dann das Gerücht die Runde, dass der junge Mann geschubst worden sein soll. „Das hing aber mit Sprachbarrieren zusammen“, dementiert Laacke diese Behauptung. Ein Dolmetscher sei deshalb hinzugezogen worden, der den Asylbewerbern den Vorfall schilderte. Die Gruppe habe sich zwar beruhigt, „Hitzköpfe“ hätten die Stimmung dann jedoch weiter aufgeschaukelt. Hier sei es aber um die Unterbringung der Ivorer in der Aufnahmestelle gegangen. Es seien „die schlechten Zustände“ bei der medizinischen Versorgung und dem Essensangebot angeprangert worden.

„Kein Grund zur Beanstandung“

Regierungssprecher Johannes Hardenacke sieht diesbezüglich keinen Handlungsbedarf. Was die ärztliche Betreuung anbetrifft, sei die medizinische Grundversorgung durch Ärzte des Sankt-Josef-Krankenhauses in der Einrichtung sichergestellt. Auch die Verpflegung sei nicht zu beanstanden. „Die ist vielfältig und reichhaltig“, versichert Hardenacke. Für Moslems gebe es zudem Sonderverpflegung. „Es gibt überhaupt keinen Grund zu Beanstandungen.“ Den Unmut der Flüchtlinge führt Hardenacke eher auf deren unsichere Perspektive zurück. Manche leben dort schon mehrere Monate oder ihnen droht die Abschiebung.

Ein weiterer Grund für Unzufriedenheit könnte laut Hardenacke auch die Residenzpflicht in der Einrichtung sein. Die Flüchtlinge können zwar ein- und ausgehen, müssen sich aber immer an- und abmelden. Auch gibt es regelmäßig Polizeikontrollen, um „die Sicherheit in der Erstaufnahmeeinrichtung zu gewährleisten“. Hardenacke verweist in diesem Zusammenhang auf das Gewaltschutzkonzept für Familien und auf die eigenen Häuser für allein geflüchtete Frauen. „Wir haben Vieles getan, was positiv ist.“

Bei manchen Flüchtlingen kommen die Sicherheitsmaßnahmen trotzdem nicht gut an. Ein Landsmann des 22-jährigen Ivorers, der sich seiner Festnahme entziehen wollte, zeigte im Gespräch mit dieser Redaktion wenig Verständnis. Er fühlt sich durch die polizeilichen Kontrollen gegängelt.

Rückblick

  1. Jugendkriminalität in Würzburg: Hoher Anteil von Flüchtlingen
  2. In drei Jahren Deutsch gelernt: Syrerin besteht Abitur
  3. Personal fehlt: Abschiebungen treffen Gastronomen
  4. Timothy darf bleiben: "Ich kann wieder ruhig schlafen"
  5. OB Schuchardt: "Integration ist jahrzehntelange Aufgabe"
  6. Hohe Beschäftigungsquote von Flüchtlingen in Würzburg
  7. In Deutschland einmalig: Flüchtlinge helfen Geflüchteten
  8. Integrationsexperten aus eigener Erfahrung
  9. Drei Monate Anker-Zentrum: Eine erste Bilanz
  10. Geflüchteten schneller helfen dank Hermine
  11. Ankerzentren: SPD sieht Nachbesserungsbedarf
  12. So reagiert die Polizei auf das neue Ankerzentrum
  13. Sie helfen Flüchtlingen und fragen sich: Warum wird das Positive nicht gesehen?
  14. Sicherheitskräfte werden im Ankerzentrum aufgestockt
  15. Großeinsatz: Festgenommene Flüchtlinge noch nicht frei
  16. Warum wir uns keine Kriege leisten können
  17. Überprüfung in Schweinfurt: Hier bekamen weniger Flüchtlinge Asyl
  18. Netzwerkprojekt für Flüchtlinge: Bessere Chancen haben
  19. Die Flüchtlinge kommen wieder über das Meer
  20. Kirchenasyl auch in Dreieinigkeit Schweinfurt
  21. Kirchenasyl im Visier der Justiz
  22. „Hier wird der Falsche abgeschoben“
  23. Afghane kann Kirchenasyl verlassen
  24. „Wir brauchen Menschen wie Timothy“
  25. Geschichtswettbewerb: Ein Tagebuch für Maisaa
  26. Flucht und Psyche: Nicht nur der Körper leidet
  27. Psychosoziales Modellprojekt in der Erstaufnahme
  28. Polizeiaufmarsch am Weltflüchtlingstag
  29. Aus der Ukraine in den Steigerwald geflüchtet
  30. Nach dem Asyl Kampf um eine Wohnung
  31. Quartiere für Flüchtlinge teils leer
  32. Erstaufnahme: Bedarf an Kinderkleidung
  33. Madiama Diop sehnt sich zurück
  34. Viele Flüchtlinge suchen Wohnraum
  35. Hoffnung auf ein Ende des Streits in der Flüchtlingspolitik
  36. Der lange Weg zurück in den Zahnarzt-Beruf
  37. Andrii und Vitalii wollen helfen
  38. Warum Farid nicht arbeiten darf
  39. Lieber das Leben riskieren, als das Leben verlieren
  40. Stress und Langeweile statt Spielen und Lernen
  41. In Würzburg gelandet: Stationen zwischen Flucht und Freiheit
  42. Vision: Ein Pate für jeden Flüchtling
  43. Abschiebungen: Stadt soll Widerstand gegen Freistaat leisten
  44. Mit Hilfestellung ins Arbeitsleben
  45. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel will keine Auffanglager
  46. Fränkisch für Flüchtlinge
  47. Standpunkt: Abschiebungen dienen dem Stimmenfang
  48. Afghanistan: Abschiebung in die Ungewissheit
  49. Standpunkt: Abschiebungen dienen dem Stimmenfang
  50. Status syrischer Flüchtlinge wird verhandelt

Schlagworte

  • Schweinfurt
  • Irene Spiegel
  • Flucht
  • Haftbefehle
  • Johannes Hardenacke
  • Regierung von Unterfranken
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
3 3
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!