GEROLZHOFEN

Großes Interesse an Führung über den israelitischen Friedhof

Der Zahn der Zeit nagt an den meisten Grabsteinen auf dem israelitischen Friedhof in Gerolzhofen.
Der Zahn der Zeit nagt an den meisten Grabsteinen auf dem israelitischen Friedhof in Gerolzhofen. Foto: Peter Pfannes

Dass 60 Frauen und Männer an der Sonderführung über den israelitischen Friedhof in Gerolzhofen mit Evamaria Bräuer teilnahmen, war in Anbetracht des regnerischen und kühlen Wetters schon überraschend. Die routinierte Stadtführerin nahm ihre Gäste mit auf eine Reise durch die Jahrhunderte.

Anlass der Führung war die Ausstellung „Drum immer weg mit ihnen! - Luthers Sündenfall gegenüber den Juden“, die zurzeit in der Erlöserkirche in Gerolzhofen zu sehen ist. Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde hatte zur Vertiefung des Themas ein umfangreiches Begleitprogramm zur Ausstellung konzipiert, darunter die Sonderführung auf dem Friedhof. Das Begleitprogramm zielt darauf ab, die Verbindungslinie zwischen dem Antijudaismus des Theologen über den rassisch motivierten Antisemitismus der Nationalsozialisten bis zur Judenfeindlichkeit unter heutigen Jugendlichen nachzuzeichnen.

Rituelle Waschungen

Pfarrer Reiner Apel begrüßte die Gästeschar aus Gerolzhofen und dem Umland. Der Geistliche gab den Startschuss für den eineinhalbstündigen Rundgang mit Evamaria Bräuer. Los ging es am Eingangstor des Friedhofs und dem dahinter liegenden Tahara-Haus. In dem Gebäude wurden die Leichen rituellen Waschungen unterzogen. Wer wollte, konnte im Innern des Tahara-Hauses den originalen Waschstein besichtigen, auf dem die Toten auf das Begräbnis vorbereitet wurden.

Am israelitischen Friedhof: Vor dem Tahara-Haus begrüßte Evamaria Bräuer (links) etwa 60 interessierte Gäste. Die Stadtführerin nahm die Teilnehmer mit auf eine kurzweilige Zeitreise durch die Jahrhunderte.
Am israelitischen Friedhof: Vor dem Tahara-Haus begrüßte Evamaria Bräuer (links) etwa 60 interessierte Gäste. Die Stadtführerin nahm die Teilnehmer mit auf eine kurzweilige Zeitreise durch die Jahrhunderte. Foto: Pfannes

Evamaria Bräuer nannte Zahlen und Fakten des 1631 angelegten Areals. Der Friedhof liegt an einem Nordhang am Stadtrand. „Da wächst nicht einmal Wein. Also hat man den steinigen und schwer zu bearbeitenden Hang damals den Juden verkauft“, erklärte die Tourleiterin.

Zug um Zug wurde der Friedhof erweitert. Heute hat er eine Größe von 10 000 Quadratmeter, auf dem etwa 500 Grabsteine in 44 Reihen stehen. Vor 15 Jahren hat Bräuer zusammen mit einer Schulklasse aus Prichsenstadt die Grabsteine katalogisiert, weil kein Bestattungsbuch gefunden werden konnte. „Die Hälfte der Gräber konnten wir nach den Orten und die anderen 50 Prozent nach den Namen der Verstorbenen zuordnen“, erklärte Bräuer.

Die jüngeren Steine seien mit hebräischen und lateinischen Buchstaben beschriftet, die älteren ausschließlich hebräisch.

Deutlich konnten die Teilnehmer den starken Verwitterungsprozess an den Grabmälern wahrnehmen. „Die Grabsteine müssen dringend archäologisch begutachtet und von Fachleuten übersetzt werden“, nannte die Stadtführerin einen Herzenswunsch der gesamten Kultusgemeinde, bevor Frost und Regen den Steinen zu arg zugesetzt haben.

Bisher sei eine Begutachtung an den notwendigen Finanzmitteln gescheitert. Der Rundgang endete am mannshohen Grabstein von Therese Marschütz aus Frankenwinheim. Ihr Bruder Carl war Gründer des Nürnberger Fahrradunternehmens Hercules und Erbauer des Hercules-Velodroms (1898).

„Die Grabsteine und der Friedhof sind steinerne Zeugnisse und geben Auskunft über den Umgang einer Gesellschaft mit dem Tod“, sagte Bräuer. Das Interesse der nachkommenden Generationen am Schicksal ihrer Vorfahren sei groß.

Zur Person: Evamaria Bräuer ist seit 1993 als ehrenamtliche Stadt- und Museumsführerin im Auftrag der Stadt Gerolzhofen tätig. Ihr Motto: „Nicht nur verstehen, sondern auch begreifen, und damit der Geschichte besser nachspüren können.“ Weitere Infos gibt es unter www.evamaria-braeuer.de.

 

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