Schweinfurt

Gutenbergs Werk und Teufels Beitrag

Pressearbeit: Willy Denzer (links) und Manfred Wolf lassen zwei Besucherinnen kurbeln. Foto: Uwe Eichler

"Eine schöne alte Tiegel", freut sich ein Veteran der Schweinfurter "Schwarzen Kunst" beim Anblick einer handbetriebenen Druckerpresse im WerkDruck: "Laboratorium für Handsatz und Versuchsanstalt zur Bewahrung des Buchdrucks", sprich in der Druckerwerkstatt von Werner Enke an der Gutermann-Promenade 7. Gerade war Sommersonnenwende mit lodernden Johannisfeuern zu Ehren des Heiligen Johannes des Täufers. Die Druckfans ehrten einen anderen Johannes, den, der die Weltgeschichte in neue Bahnen gelenkt hat.

Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, geboren um 1400 zu Mainz, war der Mark Zuckerberg seiner Zeit: ein Tüftler, der den Buchdruck vielleicht nicht erfunden, aber vorhandene Techniken erstmals zum effizienten Vervielfältigungssystem kombiniert hat, mit Druckerpresse und beweglichen Metall-Lettern, als echte Medienrevolution. Seit etwas mehr als einem Jahrzehnt betreibt Enke seine Werkstatt im Disharmonie-Gebäude am Main, wo im Sommer die Schweinfurter zum fleißigen Drucken eingeladen sind, bei Gesang und Verköstigung. Der ehemalige Gochsheimer Drucker Willy Denzer und der Lehrer a.D. Manfred Wolf helfen bei der Arbeit an Setzkasten und Maschine.

Keine museale Veranstaltung

"Als Gutenberg den Druck erfand, ein Engel ihm zur Seite stand", lautet der mit Engelchen und Teufelchen bebilderte Spruch, den die Besucher 2019 durch die Presse kurbeln dürfen. "Doch ohne allen Zweifel – dahinter stand der Teufel." Schließlich war Gutenberg auch ein bisschen der Julian Assange seiner Zeit. Waren Abschriften von Bibeln oder Fachbüchern zuvor nur einer kleinen Elite zugänglich gewesen, stand dank Blei und Papier plötzlich jedermann "Insiderwissen" zur Verfügung, wie von Zauberhand vermehrt. Ab sofort wurde im Volk Druck gemacht, mit Flugblättern, Zeitungen oder der übersetzten Luther-Bibel in (künstlerisch anspruchsvoller) Massenproduktion.

Zünftige Gutenberg-Jünger mit Barett und Wams, die den Lehrling zur Freisprechung im Bottich gautschen, sprich untertauchen – Werner Enke ist nicht der größte Fan solcher Traditionen. Letztes Jahr sei zwar gegautscht worden, sagt er bei der Begrüßung vor vollen Bänken. Aber: "Wir wollen keine museale Veranstaltung sein", meint der Schweizerdegen, der sowohl die Druck- als auch die Setzkunst erlernt hat. Der Ausdruck kommt wohl daher, dass die Eidgenossen mit ihren Klingen sowohl hauen als auch stechen konnten. Enke, der in München Handpressen-Bücher für Sammler hergestellt hat, geht es ums gelebte, liebevoll gestaltete Kunsthandwerk, vom Kalender über Karten bis zum Sinnspruch-Blatt.

Werner Enke begrüßte zahlreiche Besucher zum Druckerfest am Main. Foto: Uwe Eichler

In seiner Rede hat er die Jubiläumsschrift "Druck und Werbekunst" von 1940 dabei. Das Jahr, in dem das "Dritte Reich" 500 Jahre "deutsche" Erfindung des Buchdrucks feiern wollte (in Leipzig sollte es eine eigene Reichsausstellung geben, mitorganisiert vom in Schweinfurt geborenen Autor Erhart Kästner). Im Heft, das sich an ein internationales Publikum richtete, gibt es nicht nur deutschtümelnde Töne. Die Asiaten waren wieder mal (Jahrhunderte) früher dran, erfuhr der staunende Leser. Der Holländer Laurenz Janszoon Coster soll in Haarlem schon vor dem "großen deutschen Meister" an ähnlicher Technik  gebosselt haben.  

Der Buchdruck sei nicht Sache eines Augenblicks und eines einzigen Menschen gewesen, sondern "Kulturziel aller Gebildeten", hieß es 1940 etwas kokett. Na also. Bühne frei für die Disharmoniker, unter Leitung von Dirigent Theodor Spannagel, die ihr Druckerliedgut ("Als Gutenberg den Druck erfand") fast schon pantomimisch zum Besten geben. Die Arbeit von WerkDruck lässt sich über einen Förderkreis unterstützen. Die Werkstatt hat Mittwochs ab 19 Uhr geöffnet, vorherige Anrufe sind unter  Telefon (09721) 44373 erwünscht (www.harrisfeldwegpresse.de/werkdruck).

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