SCHWEINFURT

Haben wir Heinrich Böll vergessen?

Lesung im Augustinum: Hans Driesel stellte Heinrich Böll vor.
Lesung im Augustinum: Hans Driesel stellte Heinrich Böll vor. Foto: dpa

Nach dem Tod des Schriftstellers Heinrich Böll am 16.7.1985 schrieb Siegfried Lenz in einem Nachruf: „Heinrich Böll, der in seinem Werk die Zeit darstellen wollte und damit für alle Zeit schrieb, wird nicht in Vergessenheit geraten.“ Genau das aber scheint geschehen zu sein. Umso erfreulicher, dass sich Hans Driesel im Augustinum ausführlich mit dem Leben und Werk des Nobelpreisträgers für Literatur beschäftigte, dass er Böll präsent machte. Driesel: „Es lohnt sich noch immer, Böll zu lesen. Auch weil er lebte, was er anmahnte: Menschlichkeit in einer immer mehr entmenschlichten Zeit.“

Mit gewohnter Verve und Eindringlichkeit präsentiert Driesel in einer literarisch-politischen Geschichtsstunde Böll, den Unbequemen. Immer spannend-kurzweilig dank einer ausgeklügelten Dramaturgie: Mal ist Driesel Rezitator der Originaltexte, Berichterstatter, Kommentator - immer spürt man die hohe Wertschätzung Driesels für Heinrich Böll, die nicht frei ist von gelegentlichen kritischen Anmerkungen.

Zur Beschreibung seiner beiden ersten Lebensjahrzehnte in Köln kommt Böll selbst zu Wort: „Mein Vater, ein Schreiner, holte die Lohngelder für seine Gesellen mit einem Leiterwagen von der Bank - für eine Billion Mark bekam ich eine Zuckerstange. Einige Jahre später waren die Arbeitslosen untergebracht, sie wurden Polizisten, Soldaten, Henker, Rüstungsarbeiter, der Rest zog in die Konzentrationslager - die Statistik stimmte.“

Macht verführt zur Gewalt

Driesel ergänzt Bölls Daten: Gymnasium, Abitur, abgebrochene Buchhändlerlehre, 1939 bis 1945 Soldat. Heirat mit Annemarie Cech, vier Söhne. Die Kriegserlebnisse lassen Böll fragen: „Warum macht der Mensch Krieg?“ und „Was macht der Krieg aus den Menschen?“

Von nun an wird er Poet werden: Ein Mahner der unbewältigten Vergangenheit, aber auch der unbewältigten Gegenwart. Ein Anwalt für Gerechtigkeit.

Böll schreibt an gegen die Macht, die Gewalt ausübt. Die auch von der sogenannten Öffentlichen Meinung aus geht, die meist „gemacht“ wird von der Macht einer gewissen Presse. In seinem Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ wird in kürzester Zeit die Persönlichkeit einer Frau vor den Augen der Öffentlichkeit von „der ZEITUNG“ zerstört. „BILD lässt grüßen“, bemerkt Driesel.

Zunächst wendet sich Driesel Bölls früherem Roman „Gruppenbild mit Dame“ von 1971 zu, der den Ausschlag zur Verleihung des Nobelpreises im folgenden Jahr gab. Mit großer Empfindsamkeit liest Driesel einige Passagen von der Liebesbeziehung der Leni mit dem russischen Kriegsgefangenen Boris: Ihre gemeinsame Arbeit in einer Friedhofs-Kranzbinderei, ihre Liebe auf dem Friedhof in einer Kapelle inmitten der mörderischen Bombenangriffe. „In der Welt der Toten entsteht neues Leben, beider Sohn.“

1972 sorgte Böll für einen innenpolitischen Skandal, als er sich in einem Spiegel-Beitrag „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit“ mit der Person der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof beschäftigte und die Berichterstattung der Springer-Presse attackierte. Schnell machte im konservativen Lager das Wort vom Terrorismus-Sympathisanten die Runde.

Zerstörerische Gewalt von Worten

BILD brandmarkte Böll als geistigen Wegbereiter der Gewalt. Böll sah sich als Opfer einer Rufmord- und Hetzkampagne. Er reagierte mit dem erwähnten Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. Damit prangerte er den Sensationsjournalismus an: „Die Gewalt von Worten kann manchmal schlimmer sein als die von Ohrfeigen und Pistolen.“

Driesel: Böll war unbequem, reagierte spontan, sicher auch unüberlegt und missverständlich. Dennoch wurde er mehr und mehr zur moralischen Instanz. In seinen letzten zehn Lebensjahren lebte Böll seine Nächstenliebe: Er bürgte für Reich-Ranicki, er öffnete Wolf Biermann, Alexander Solschenizyn sein Haus, Rupert Neudeck und andere fanden in ihm einen großzügigen Förderer. Driesel schließt: „Niemand muss die politische Anschauung Heinrich Bölls teilen. Dass die manchmal einäugig ausfiel, macht ihn mir nicht schlechter. Im Gegenteil. Er lebte, was er anmahnte: Menschlichkeit.“

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