SCHWEINFURT/KRAMATORSK

Hass hat der Ex-Zwangsarbeiter Vitali nie empfunden

Zwangsarbeit in Schweinfurt: Vitali Melichov ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Das Bild zeigt ihn 2004. Foto: Leonid Melichov

Im Alter von 88 Jahren ist kürzlich der ehemalige Zwangsarbeiter Vitali Melichov in seiner ukrainischen Heimatstadt Kramatorsk gestorben. Melichov war als 16-Jähriger 1942 von den Nazis aus der Ukraine nach Deutschland verschleppt worden, um in Schweinfurt die kriegswichtige Produktion aufrechtzuerhalten.

Ihm und vier weiteren ehemaligen Zwangsarbeitern hatte die „Initiative gegen das Vergessen“ den Wunsch erfüllt, „in der Stadt meiner Jugend“ mit jungen Menschen zusammenzutreffen.

Melichov und die anderen besuchten die Stadt im Mai 2003 für eine Woche. Es gab Begegnungen mit Schülern am Humboldt-Gymnasium und dem Bayernkolleg sowie mit der Bevölkerung im Schrotturmkeller. Eindrucksvoll schilderte Melichov dabei seine Verschleppung in Güterwaggons. Über seine Lebensgeschichte wurde im Jahr 2010 auch in der Schweinfurter Mainleite des Historischen Vereins berichtet.

Ziel war damals zunächst Hammelburg, wo die jungen Männer „verteilt wurden“. Für acht Reichsmark wurde er von der Firma Vereinigte Kugellager Fabrik (später SKF) gekauft und „unter Bewachung nach Schweinfurt gebracht“, berichtete Melichov. „Damals waren wir alle immer sehr hungrig und arbeiteten jeweils zwölf Stunden in zwei Schichten.“

Beim Besuch vor zehn Jahren schilderte er auch die unwürdige Behandlung und die tägliche Angst. Fast verzweifelt wäre er wegen des Todes einer jungen Landsfrau, die 15-jährig verschleppt worden war, und um die er sich, so weit es ging, kümmerte. Sie überlebte den Luftangriff der Alliierten am 23. Februar 1944, bei dem auch die Lager in Oberndorf getroffen wurden, nicht. Melichov zeigte sich bei seinem ersten und letzten Besuch Schweinfurts nach dem Krieg dankbar, er schilderte seine schrecklichen, ihn prägenden Erlebnisse ohne Hass und Groll.

Melichov wurde 1945 von den Amerikanern zwar befreit, nach der Rückkehr in die Heimat setzte sich sein Leidensweg aber fort. Alle ehemaligen Zwangsarbeiter erlitten Drangsal, mussten schwerste und schmutzigste Arbeit verrichten, „weil ich für Deutschland gearbeitet hatte“. Melichov konnte in den 1950ern nach einer Ausbildung ein Studium zum Bautechniker beenden und in diesem Beruf arbeiten.

Die Initiative hat den Kontakt gehalten und alle Jahre ein kleines Präsent geschickt, worüber sich der ehemalige Zwangsarbeiter jedes Mal sehr freute, wie seine Reaktionen zeigten. Sein 1953 geborener Sohn Leonid Melichow übersandte der Initiative die traurige Nachricht und berichtete, dass sein Vater „gerade auch am Ende seines Lebens ein Mensch war, der die Deutschen geachtet hat, obwohl er viel Gewalt und Unterdrückung von deren Seite erlitten hat“. Er habe aber verstanden, dass den Deutschen der Nationalsozialismus aufgezwungen worden sei. Am Ende seines Lebens habe er gesagt, dass er die schlimmen Erlebnisse nicht vergessen könne, aber „die Deutschen werden niemals die Feinde von mir und meinen Kindern sein“.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Bautechniker
  • Entführung
  • Luftangriffe
  • Nationalsozialisten
  • Tod und Trauer
  • Unterdrückung
  • Zwangsarbeiter
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!