Kreis Schweinfurt

Hausarztmangel: Nördlicher Landkreis ist "drohend unterversorgt"

6,5 freie Hausarztsitze gibt es zwischen Wasserlosen und Stadtlauringen. Damit ist man in Bayern hinter Tischenreuth trauriger Spitzenreiter. Welche Lösung gibt es?
Zwischen Wasserlosen und Stadtlauringen gibt es nach wie vor große Schwierigkeiten in der Hausarztversorgung. Foto: Bernd Weissbrod

Es klingt vielversprechend für die hausärztliche Versorgung im Westen des Landkreises: Ein junger Mediziner aus Serbien hat soeben die Landarztpraxis in Obbach übernommen, in Niederwerrn hat sich vor wenigen Tagen eine junge Ärztin niedergelassen, und in Wülfershausen ist seit Oktober ein Allgemeinmediziner präsent. Also alles bestens im Bedarfsplanungsbereich Schweinfurt-Nord? Mitnichten.

Die guten Nachrichten können nicht verbergen, dass es zwischen Wasserlosen und Stadtlauringen nach wie vor große Schwierigkeiten in der Hausarztversorgung gibt. "Es stehen nicht mehr ausreichend Hausärzte zur Verfügung, um die Versorgungssituation langfristig zu stabilisieren", konstatiert auch die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB). Aktuell gibt es in der Region Schweinfurt-Nord 6,5 freie Hausarztsitze, was in ganz Bayern hinter Tirschenreuth mit sieben freien Sitzen trauriger Spitzenreiter ist.

Formal "unterversorgt" ist das Gebiet derzeit zwar nicht. Berechnet wird dies von der KVB nach dem Verhältnis Ärzte zu Einwohner. Wenn der Versorgungsgrad unter 75 Prozent liegt, wie es noch im Frühjahr 2019 der Fall war, liegt eine Unterversorgung vor. Derzeit weist der KVB-Versorgungsatlas 88,41 Prozent aus und damit eine "drohende Unterversorgung".

Um einen neuen Hausarzt zu gewinnen, ließ die Gemeinde Niederwerrn ein neues Gebäude in der Niederwerrner Straße erstellen. Dort eröffnete kürzlich die junge Medizinerin Dr. Eva Maria Nied ihre Praxis. Foto: Silvia Eidel

"In Schweinfurt-Nord pendelt das immer", weiß auch Adam Hofstätter von der KVB-Sicherstellung in München. So hätten sich dort 2019 drei neue Ärzte niedergelassen. Bei der Berechnung werde aber auch das Alter der Ärzte berücksichtigt.

Bei Unterversorgung können es bis zu 120 000 Euro Fördergelder fließen

In Schweinfurt-Süd – Werneck bis Grettstadt und Kolitzheim – liegt der rechnerische Versorgungsgrad bei 99,75 Prozent, in der Stadt Schweinfurt bei 103,04. Ab 110 Prozent muss die KVB den Raum für weitere Niederlassungen sperren. "In Gerolzhofen haben wir erstmals auch eine drohende Unterversorgung", sagt Hofstätter über diesen Bereich mit 83,58 Prozent Versorgung.

Die Feststellung "unterversorgt" oder "drohend unterversorgt" wird vom gemeinsamen Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen zweimal jährlich getroffen. Davon ist abhängig, wieviel Förderung ein Arzt bei einer Niederlassung von der KVB erhält. Bei Unterversorgung können es bis zu 120 000 Euro sein, bei drohender Unterversorgung bis zu 60 000 Euro. Zudem können auch von der bayerischen Staatsregierung Fördermittel bewilligt werden.

Dass solche finanzielle Unterstützung Wirkung zeigt, weiß der Regionale KVB-Vorstandsbeauftragte für Unterfranken, Christian Pfeiffer. Er bestätigt aber auch, dass es zuweilen anders laufen könne, dann, wenn sich während einer Niederlassung in einem Bezirk der Versorgungsgrad ändert.

Das reklamiert beispielsweise Dr. Peter-Michael Scherliess für sich, der im Oktober im Wasserlöser Gemeindeteil Wülfershausen in einem gemeindlichen Gebäude nach 18 Jahren wieder eine Allgemeinarztpraxis eröffnete. Weil laut Scherliess Sanierung und Einrichtung länger dauerten als gedacht, hatte sich bis zur Eröffnung der Versorgungsgrad in Schweinfurt-Nord von "unterversorgt" auf "drohend unterversorgt" verändert. Was für ihn weniger Förderung bedeutete. "Für mich ist das ein willkürliches Vergeben von Fördergeldern", meint der Arzt aus Südbayern.

Dagegen ist Pfeiffer der Ansicht, dass eine Förderung nur die Hemmschwelle für Investitionen verringern solle. Und: In solch einem Gebiet könne jede Praxis lukrativ sein.

In Niederwerrn hat die Gemeinde ein neues Ärztehaus erstellt

Um einen neuen Hausarzt zu gewinnen, hat die Gemeinde Niederwerrn mit einem Bauträger ein neues Gebäude in der Schweinfurter Straße erstellt. Dort hat sich vor wenigen Tagen im Obergeschoss die junge Internistin Dr. Eva Maria Nied mit ihrer Hausarztpraxis niedergelassen. Im Erdgeschoss wird das Diakonische Werk Schweinfurt eine Tagespflege für Senioren eröffnen. "Für die Gemeinde ist das ein Sechser im Lotto", urteilt Bürgermeisterin Bettina Bärmann.

Ihrer Ansicht nach würden junge Ärzte lieber neue Räume beziehen als bestehende Praxen zu übernehmen. Die unter drei Bewerbungen ausgewählte Ärztin konnte bereits beim Bauen ihre Vorstellungen einbringen.

Auch in anderen Teilen der Republik geht man ungewöhnliche Wege, um Hausärzte zu finden. An einer Straße bei St. Georgen steht ein Hinweisschild mit der Aufschrift: "Hausarzt für St. Georgen gesucht". Foto: Winfried Rothermel

Anders entschieden hat sich Dr. Ivan Zmiric, der zu Jahresbeginn die eingeführte Landarztpraxis Müller in Obbach übernahm. Allerdings wird er die Zweigstelle in Schwemmelsbach nicht weiterführen können. Diese hatte sein Vorgänger 2015 für zwei Tage die Woche eröffnet. Gelungen war dies durch die Praxis-Unterstützung durch Diplom-Medizinerin Uta Geiling und durch Zmiric in seiner Assistenzarztzeit. Landarzt Gerhard Müller und Geiling haben jetzt altersbedingt aufgehört, Zmiric führt nun allein die Praxis.

Weil der Gesetzgeber im Sommer 2019 eine Neuregelung der Bedarfsplanung veranlasste, die die Realität vor Ort besser abbilden soll, wurden für eigentlich gesperrte Bereiche neue Niederlassungsmöglichkeiten für Ärzte geschaffen. Möglich wurde dies zum Jahresende durch das veränderte Verhältnis Arzt-Patient: Statt 1671 sind nun 1609 Personen die Berechnungsgrundlage für einen Hausarztsitz. Was für Schweinfurt-Nord statt fünf jetzt 6,5 freie Arztsitze bedeutet. Beim aktuellen Ärztemangel verbessert das die Situation dort allerdings gar nicht.

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