SCHWEINFURT

Hebammenalltag: Schmerzen, Flüche und ein lauter Schrei

Hebamme Annemarie Lorz wiegt die kleine Clara.
Hebamme Annemarie Lorz wiegt die kleine Clara. Foto: Anand Anders

Zwei große blaue Augen fixieren mich, beobachten mich aufmerksam durch die Gitterstäbe. „Wer bist du?“, scheinen sie zu fragen, „Und was soll das alles hier?“. Auf einmal verändern sich die Gesichtszüge, die Augen schließen sich und – HATSCHI! Clara hat geniest. Sieben Stunden ist es erst her, dass das kleine Mädchen das Licht der Welt im Kreißsaal des St.-Josefs-Krankenhauses erblickt hat. Im Jahr 2017 wurden hier ganze 920 Babys geboren. Immer mit dabei: die Hebammen.

Unerwartete Stille

Als ich zu Beginn der Spätschicht um 14.30 Uhr die Entbindungsstation betrete, herrscht völlige Stille. Vorsichtig gehe ich in den Empfangsraum, in dem gemütliche Sessel Familienangehörige zum Warten einladen. An den Wänden hängen große Bilder von Neugeborenen. Plötzlich höre ich leise Stimmen hinter einer Tür neben den Kreißsälen. Dort angekommen, nehmen mich die Hebammen Empfang.

Eine von ihnen ist Helene Brändlein. Seit 20 Jahren übt sie ihren Beruf aus und hat selbst vier Kinder zur Welt gebracht. Die Schmerzen, die ihre Patientinnen durchlaufen, kann sie gut nachvollziehen. Und obwohl sie bei zwei bis drei Geburten am Tag eine Menge Leid zu Gesicht bekommt, ist sie mehr als zufrieden mit ihrer Jobwahl.

Eine ihrer sechs Kolleginnen ist Annemarie Lorz. Auch sie arbeitet heute in der Spätschicht. Schon seit sie 14 war, wusste sie, dass sie Hebamme werden wollte. Nach einem Praktikum im Kreißsaal stand ihr Entschluss fest. „Es ist einfach toll, bei so einem schönen Ereignis dabei zu sein“, schwärmt sie. Vor allem die Dankbarkeit, die Mütter und Paare ihr für ihre Arbeit entgegenbringen, gebe ihr viel Kraft.

Kreißsaal hautnah

Hebamme Helene Brändlein führt im Vorwehenzimmer ein Aufnahmegespräch.
Hebamme Helene Brändlein führt im Vorwehenzimmer ein Aufnahmegespräch. Foto: Anand Anders

Da ich Claras Geburt um einige Stunden verpasst habe und sich gerade keine werdende Mutter auf der Entbindungsstation befindet, starten wir mit einer Führung durch die Kreißsäle. Drei hat das St.-Josefs-Krankenhaus zur Auswahl. In jedem befindet sich eine sogenannte Wickeleinheit mit Wärmestrahler, Waage, Wickelplatz und Waschbecken. Die Betten können je nach Wunsch der Frau in der Höhe verstellt und sogar auseinandergenommen werden.

Im dritten Kreißsaal gibt es eine Badewanne, die zur Entspannung vor der Geburt genutzt werden kann. Daneben entdecke ich einen ungewöhnlich aussehenden Stuhl. „Das ist der Gebärhocker“, erklärt Brändlein. Wer sein Kind nicht im Liegen bekommen möchte, kann es in einer sitzenden Position versuchen. Ist die Geburt geschafft, bleiben die Paare meist noch zwei weitere Stunden im Kreißsaal. Hier steht das gegenseitigen Kennenlernen im Fokus.

Jetzt geht's los

Erst sieben Stunden alt: Die kleine Clara schaut aufmerksam in die Linse des Fotografen.
Erst sieben Stunden alt: Die kleine Clara schaut aufmerksam in die Linse des Fotografen. Foto: Anand Anders

Gegen 18.30 Uhr tut sich endlich etwas. Eine junge Frau kommt mit ihrem Mann in die Entbindungsstation. Schon seit 7 Uhr morgens hat sie Wehen. In einem Aufnahmegespräch legt Brändlein das Geburtenjournal an. Es wird am Ende alle Informationen zu Mutter, Kind und Geburtsverlauf enthalten. Für die junge Frau ist es die zweite Geburt. Auf einer Tafel neben ihrem Schreibtisch hält die Hebamme die wichtigsten Infos fest. „39 + 0“ schreibt sie neben den Namen. „Sie ist in der 39. Schwangerschaftswoche, der Geburtstermin wäre am 11. September gewesen“, erklärt sie. Dass ein Kind eine Woche früher oder später komme, sei völlig normal. Nur fünf Prozent aller Babys kommen am errechneten Geburtstermin auf die Welt.

In Kreißsaal Nummer zwei angekommen, kommt das CTG, der Kardiotokograf, zum Einsatz. Mit einem Band am Bauch der Schwangeren fixiert, misst der sogenannte Wehenmesser die Wehen der Frau und die Herztöne des Babys. Als wir nach einer halben Stunde den Raum betreten, befindet sich die Mutter gerade mitten in einer Wehe. Weiß treten ihre Finderknöchel hervor, als sie sich mit aller Kraft an den Griff des Bettes klammert, um den Schmerz durchzustehen. Diese Eröffnungswehen, erklärt mir Helene später, fühlen sich wie schlimme Periodenkrämpfe an, „hoch zehn“ ergänzt sie mit wissendem Blick.

Lena Köster und Clara lernen sich kennen.
Lena Köster und Clara lernen sich kennen. Foto: Anand Anders

Als Helene um 19.55 Uhr von einer weiteren Kontrolle in den Aufenthaltsraum zurückkehrt, ist sie guter Dinge: „Jetzt nimmt es ganz schön Fahrt auf“. Der Muttermund ist inzwischen zwei bis drei Zentimeter geöffnet, ein Drittel ist geschafft. Gegen die Schmerzspitzen hat Helene der werdenden Mutter vorhin ein Medikament gespritzt, trotzdem höre ich inzwischen durchgehend ein wehklagendes Wimmern durch den Gang hallen. Um die Zweisamkeit und Intimität des Moments nicht zu stören, bleibe ich für den Rest der Zeit außerhalb des Kreißsaals.

Der erste Schrei

Um 20.20 Uhr höre ich den gefürchteten Satz: „Ich kann nicht mehr“, sagt die junge Frau mit brechender Stimme zwischen zwei Wehen. Fünf Minuten später ist der Muttermund sechs bis sieben Zentimeter geöffnet und aus dem Wimmern sind Schreie geworden, die immer wieder von Flüchen unterbrochen werden.

Ob Entspannung in der Wanne oder entbinden auf dem Gebärhocker, im St. Josefs Krankenhaus gibt es viele Möglichkeiten.
Ob Entspannung in der Wanne oder entbinden auf dem Gebärhocker, im St. Josefs Krankenhaus gibt es viele Möglichkeiten. Foto: Anand Anders

Ein „Scheiße“, mehrere „Aua“-Schreie und sieben Minuten später ist der Muttermund fast vollständig geöffnet. „Hier setzt der Pressdrang ein“, hat mir Annemarie Lorz vorhin erklärt. Starten die sogenannten Presswehen, weiß die Mutter instinktiv, was zu tun ist. Während beim ersten Kind diese Wehen ein bis eineinhalb Stunden anhalten können, reichen beim vierten oder fünften Kind meist zwei Presswehen aus. In Kreißsaal Nummer zwei gibt Helene Brändlein gerade alles, um die junge Frau zu unterstützen. „Schieb, schieb, schieb“, feuert sie sie an. „Ich weiß es tut weh, aber du machst das ganz toll“, höre ich ihre beruhigende Stimme aus dem Raum.

Eine Minute später ist das Ziel in Sicht: „Das Köpfchen ist da!“, höre ich die Hebamme sagen. Als um 20.45 Uhr der erste Schrei des neugeborenen Kindes ertönt, stockt mir der Atem. „Hallo Annika“, begrüßt Helene den neuen Erdenbewohner, während die Mutter erleichtert und erschöpft tief ein- und ausatmet. Mit feuchten Augen sitze ich auf dem Gang und bin überwältigt.

Hebamme Annemarie Lorz bringt Clara zurück zu ihrer Mutter.
Hebamme Annemarie Lorz bringt Clara zurück zu ihrer Mutter. Foto: Anand Anders

Das Glück, das die kleine Familie verspürt, reicht bis weit über den Kreißsaal hinaus. Als dann Helene Brändleins Kopf in der Tür erscheint und sie mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht den Daumen in die Höhe streckt, kann auch ich nicht anders: Ich lächle vom einen Ohr bis zum anderen.

Rückblick

  1. Tag im Grünen: Arbeitseinsatz bei der Solidarischen Landwirtschaft
  2. Reporter in Betrieb: Glühweinausschank für Anfänger
  3. Mit dem Weihnachtsmann durch die Nacht
  4. Fränkische Landwirtschaft: Wo Mensch und Tier gemeinsam leben
  5. Mensa: Wo es günstig, schnell und trotzdem lecker sein soll
  6. Vesperkirche: Wo Gemeinschaft durch den Magen geht
  7. Auf Tour mit der mobilen Tierärztin
  8. Mit dem 20-Liter-Fass in den Gewölbekeller
  9. Nachschub für Heizöltank und Tankstellen
  10. Die Tafel. Oder: Essen wo es hingehört
  11. Hebammenalltag: Schmerzen, Flüche und ein lauter Schrei
  12. Ein Knochenjob
  13. Herr über sechs Millionen Liter Wasser
  14. Der Touri-Toni, die aktuelle Wettervorhersage und die Suche nach Zimmern
  15. Zwischen Friedhof und Elektroauto
  16. Zwischen Stall und Teller
  17. Brotzeit mit Herz
  18. Vom „Beckenbauer“ zur Doppelzunge
  19. Ein guter Whisky braucht Geduld, Erfahrung und Leidenschaft
  20. Adlerauge für den Datenhighway
  21. Mitarbeit bei der Weinlese: Zum Naschen keine Zeit
  22. Reporter in Betrieb: Anpacken in der Bücherei
  23. Wenn's die Pause richtig in sich hat
  24. Reporter in Betrieb: Jede Bohne erzählt ihre Geschichte
  25. Reporter in Betrieb: Abdrückschaufel und Felgenspanner
  26. Eine Schicht in der Großküche: Cordon Bleu am Fließband
  27. Zwischen Leben und Tod: Unterwegs mit Bestattern
  28. Im Kreislauf des Lebens: Ein Tag im Altenheim
  29. Serie „Reporter in Betrieb“: Die Arbeit mit der Kunst
  30. Naschen erlaubt: Einsatz auf dem Erdbeerfeld
  31. Ein Tag als Tierpflegerin: Frauen, die für Ziegen scharren
  32. Neue Serie: Reporter in Betrieb

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Schweinfurt
  • Lena Bayer
  • Geburtsverlauf
  • Hebammen
  • Kreißsäle
  • Reporter in Betrieb
  • Schmerzen und Schmerzmedizin
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!