Zeilitzheim

High Tech und viel Bürokratie

Die Verwertung von Stroh im Viehstall erklärt der Zeilitzheimer Landwirt Gerhard Herbert einer mongolischen Delegation aus Agrarexperten. Rechts der stellvertretende Botschafter in der Bundesrepublik, Bekhbat Daginaa, für den Strohballen eine ganz neue Erfahrung sind.
Die Verwertung von Stroh im Viehstall erklärt der Zeilitzheimer Landwirt Gerhard Herbert einer mongolischen Delegation aus Agrarexperten. Rechts der stellvertretende Botschafter in der Bundesrepublik, Bekhbat Daginaa, für den Strohballen eine ganz neue Erfahrung sind. Foto: Norbert Finster

Die Mongolei ist auch in Zeiten moderner Reisemöglichkeiten immer noch ein abgelegenes und weitgehend unbekanntes Land. Begegnungen mit den Menschen dieses Landes und ihrer Kultur sind selten. Viele der drei Millionen Mongolen sind immer noch Nomaden, die archaisch leben, aber trotzdem großen Anteil an der Landwirtschaft des riesigen Steppen- und Wüstenstaates in Zentralasien haben. Seine Fläche ist viereinhalb Mal so groß wie der Bundesrepublik Deutschland.

Eine 17-köpfige Delegation aus Landwirtschaftsexperten erlebt seit dem Sonntag in Bayern den schroffen Gegensatz zwischen der mongolischen und der deutschen Agrikultur. Während dort noch Nomaden mit ihrem Vieh durch die Steppen ziehen, gibt es hier feste Ställe für die Viehhaltung mit einer schier unglaublichen, überwiegend digital gesteuerten Technik. Kein Wunder, dass keiner der Mongolen in Gesprächen das englische Wort für "Stall" ("stable") kannte. Wenn es etwas so gut wie nicht gibt, hat man auch kein Wort dafür.

Was ein Stall ist, sahen die Mongolen bei Gerhard Herbert auf dem Aussiedlerhof bei Zeilitzheim. Der Höhepunkt: Sie erlebten live das Kalben einer Kuh. Gerhard Herbert erklärte den Besuchern, dass eine Kuh nach dem Kalben acht Wochen "Urlaub" hat und vom Milchgeben "freigestellt" ist. Das Kälbchen bekommt in den ersten Wochen Muttermilch.

Im Stall informiert Gerhard Herbert über die verschiedenen Gruppe, in die seine Kühe eingeteilt sind. In der Mongolei sind Ställe eine große Seltenheit, es überwiegt die Viehzucht der Nomaden.
Im Stall informiert Gerhard Herbert über die verschiedenen Gruppe, in die seine Kühe eingeteilt sind. In der Mongolei sind Ställe eine große Seltenheit, es überwiegt die Viehzucht der Nomaden. Foto: Norbert Finster

Nur 30 Prozent der Kälber bleiben auf dem Hof. Vom großen Rest gehen die männlichen Tiere in die Mastbetriebe, die weiblichen in die Milcherzeugung. Beim Verkauf bringt ein Kalb etwa 120 Euro. Sehr viel mehr erhält der Landwirt dagegen für sogenannte Fleischvererber für die Zucht, nämlich 300 Euro. Die Familie  Herbert behält einige Tiere zum Selberschlachten für die eigene Gaststätte, wo auch Rindfleischgerichte auf der Speisekarte stehen.

Bürokratie und Gesetze

Gerhard Herbert erklärte, wie ökonomisch in der modernen Landwirtschaft alles genutzt wird, selbst die Ausscheidungen der Kühe, die entweder als Gülle auf die Felder kommt oder zur Gaserzeugung dient. Und er berichtete, wie viel Bürokratie ein deutscher Landwirt bewältigen und mit wie vielen Gesetzen er sich auseinandersetzen muss. Als Beispiel nannte Herbert die geänderte Düngemittelverordnung. Der Landwirt muss jetzt genau belegen, was aus seinem Betrieb an Düngemittel rausgeht und was eventuell hereinkommt. Dazu musste Herbert eine Wage kaufen und und einen Güllespeicher bauen, der die Menge von sieben Monaten fasst. Denn hierzulande kann nicht das ganze Jahr über beliebig gedüngt werden. Grund für die Restriktionen ist der Grenzwert von 50 Milligramm je Liter im Trinkwasser, der nicht überschritten werden darf. 150 000 Euro haben die neuen Bauten für die Gülle den Betrieb der Herberts gekostet.

Und in der deutschen Landwirtschaft könnte es bald wieder ein Stück Richtung Mongolei gehen. Also weg vom Stall, hin zur Freilandweide. Denn es steht zur Diskussion, ob nicht jeder Landwirt die Pflicht haben sollte, seinen Tieren Freiland zu bieten. "Das könnte Gesetz werden", sagt Herbert. Er wird solche Flächen aber erst schaffen, wenn es wirklich so weit ist.

Im Stall sind die Kühe in Gruppen eingeteilt. Es gibt die Gruppe der Kälber, der urlaubenden Muttertiere, aber auch die Hochleistungsklasse, wo eine Kuh bis zu 40 Liter Milch am Tag gibt. Herbert zeigte den staunenden und wissbegierigen Mongolen auch die Melkanlage, in der eine Mitarbeiterin bis zu 120 Kühe in der Stunde melken kann. Jede Kuh hat einen Sender, der meldet, wie viel sich das Tier bewegt. Daran kann man ablesen, ob die Kuh gesund, krank oder brünftig ist.

Kühlwasser wird zu Trinkwasser

Die gemolkene Milch fließt in isolierte 12 000-Liter-Tanks, wird auf vier Grad heruntergekühlt und alle zwei Tage abgeholt. Und noch ein Beispiel für Ökonomie: Das Wasser, das durch das Kühlen der Milch in den Tanks selbst handwarme Temperaturen erreicht, fließt als Trinkwasser zurück zu den Kühen, denn diese Temperatur mögen sie. Stolz präsentierte Gerhard Herbert schließlich den Besuchern die Auszeichnungen für den Hof, etwa für eine Kuh, die in ihrem Leben über 100 000 Liter Milch gegeben hat.

Der Besuch der Mongolen bei den Herberts war Bestandteil eines einwöchigen Programms mit dem Titel "Landtechnik und Lebensmittel verarbeiten", zu dem die Asiaten vom bayerischen Wirtschaftsministerium eingeladen waren. Weitere Stationen sind in Nürnberg, Fürth, München, Schweinfurt und Straubing, berichtet Susanne Wolf, Projektleiterin im internationalen Bereich am beruflichen Fortbildungszentrum der bayerischen Wirtschaft (bfz). Sie begleitet die Gäste durch das Programm und wird dabei von Übersetzer Amar Erdenebat (ebenfalls bfz) unterstützt.

Beherzt zugegriffen

In der Delegation dabei sind Experten aus der Tierfutterstellung, der Weizenproduktion und der Milchverarbeitung. Wieder gibt es ungläubiges Kopfschütteln, als Gerhard Herbert am Beginn einer fränkischen Weinprobe mit Brotzeit erzählt, dass sein Weinbaubetrieb im Jahr 40 000 Flaschen Wein herstellt. Bei der Brotzeit verhalten sich Mongolen erst zögerlich, greifen dann aber beherzt zu auf den Wurst- und Käseplatten, auf denen lauter Sachen liegen, die sie nicht kennen. Vor allem der würzige Rotgelegte ist bald abgeräumt. Und die Stimmung steigt von Probe zu Probe.

Wein gibt es in der Mongolei auch nicht, aber wer es sich leisten kann, trinkt importierten, sagt stellvertretender Botschafter Bekhbat Daginaa, der seine Landsleute durch Bayern begleitet und im Gespräch bereitwillig Auskunft über sein Land gibt. Die Mongolei hat nur zwei Nachbarn, Russland im Norden und China im Süden. Mit beiden kommen die Mongolen gut zurecht, ebenso mit den den USA und der EU. Mit Deutschland unterhält die Mongolei seit 45 Jahren diplomatische Beziehungen. "Das feiern wir heuer groß", meint der Botschafter. Seit 1990 ist die Mongolei nach vielen Jahrzehnten im Sozialismus ein demokratisch verfasster Staat.

Die drei Millionen Mongolen besitzen 70 Millionen Haustiere, im Wesentlichen nur die fünf Arten Kamel, Schaf, Rind, Pferd und Ziege. Das Land exportiert sowohl Fleisch als auch lebende Tiere ins Ausland; die Landwirtschaft ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Bei der Produktion von Wolle der Kaschmir-Ziege gehört die Mongolei zu den führenden Ländern auf der Welt. Wo es geht, bauen die Mongolen Weizen (90 Prozent der Flächen), Raps, Möhren, Tomaten und Gurken an.

Theorie und Praxis weit auseinander

Ziel des Besuchs in Bayern ist es, daheim die Landwirtschaft moderner zu machen. Kein Mensch soll dabei aber gezwungen werden, sein Nomadendasein aufzugeben. Bei einem Vergleich zwischen der deutschen und mongolischen Landwirtschaft sagt Enkhtuga Sanjed, Managerin in einer Molkerei, in Deutschland arbeiten Theorie und Praxis enger zusammen. Daheim gebe es zwar auch eine Agrar-Universität, aber das Wissen dort wird kaum in der Landwirtschaft angewandt. "Bei uns gibt es zwar im Sommer viel Milch, nicht aber im Herbst und Winter", informiert die Fachfrau. Vereinzelt gebe es in der Mongolei schon moderne Formen der Milchverwertung, doch zum weiteren Ausbau brauche es Technologie und Experten.

Ungewohntes für den asiatischen Gaumen: Die mongolische Delegation bei einer fränkischen Brotzeit und  Weinprobe in Zeilitzheim. Nach anfänglicher Zurückhaltung griffen die Gäste aber kräftig zu.
Ungewohntes für den asiatischen Gaumen: Die mongolische Delegation bei einer fränkischen Brotzeit und Weinprobe in Zeilitzheim. Nach anfänglicher Zurückhaltung griffen die Gäste aber kräftig zu. Foto: Norbert Finster

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