SCHWEINFURT

Hinwendung zur Figur

Parforceritt durch die Kunstgeschichte: In der Kunsthalle sprach Marc Wellmann auch über die Bildhauerei in der Nazizeit.
Parforceritt durch die Kunstgeschichte: In der Kunsthalle sprach Marc Wellmann auch über die Bildhauerei in der Nazizeit. Foto: Laszlo Ruppert

Inmitten der mächtigen Holzschichtungen von Ingrid Hartlieb in der Kunsthalle referierte Marc Wellmann, Kurator des Georg-Kolbe-Museums Berlin, zum Thema „Von der Skulptur zum Objekt - Bildhauerei in Deutschland nach 1945“. Der Vortrag passte bestens ins Konzept der Museen und Galerien, das unter anderem beinhaltet, wichtige bildhauerische Positionen im zeitgenössischen Kunstschaffen zu dokumentieren. Kuratorin Andrea Brandl stellte Bezüge zu vergangenen und geplanten Ausstellungen her.

Marc Wellmann, Stiefsohn des Bildhauers Bernhard Heiliger, leitete die Tendenzen in der Bildhauerei nach 1945 von einer Ausgangssituation vor 1933 ab. Der Paradigmenwechsel weg vom Abbildcharakter der Skulptur und eine expressionistische Tendenzen aufgreifende Auffassung sei nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder aufgenommen worden.

Wellmann übersprang die Jahre des Nationalsozialismus nicht und machte deutlich, dass die Gleichschaltung diese Tradition unterbrochen hatte. Monumentalkunst und ideologisch überformte Verherrlichung antiker Themen hätten die weitere Entwicklung gehemmt. Diese sei diffamierend in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zur Schau gestellt worden.

Auf seinem Parforceritt durch die Kunstgeschichte wies Wellmann auf die Entwicklungsunterschiede in Ost und West nach dem Krieg hin: Ideologischer Realismus als das im Osten propagierte bessere Modell im Gegensatz zur „westlichen Dekadenz“ politisierte die Kunst erneut, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Im Gegensatz dazu habe sich die skulpturale Kunst im Westen in einem Spannungsfeld zwischen Abstraktion und Figuration entwickelt.

Abstraktion mit technischem, konstruktivistischem Duktus und elementare Bildhauerei erweiterten den Skulpturenbegriff ab den 1960er Jahren hin zu einer Neuen Figuration, entideologisiert und uneingeschränkt. Merkmale wie die Ausweitung des verwendeten Materials, ironische Brechungen und minimalistische Tendenzen taten ihr Übriges. Eine neuerliche Hinwendung zur Figur mit einer Neuinterpretation der Idee der „Figur“ stehe – nach aller geometrischen und abstrakten Entfernung – am vorläufigen Ende dieser Entwicklung. Gelegentlich hielt Marc Wellmann mit seiner dezidierten Meinung über manches vorgestellte Werk nicht hinter dem Berg und gab seinem ansonsten sehr sachlichen und ausgesprochen informativen Vortrag eine persönliche Note. Unzählige Beispiele bebilderten seine Ausführungen und machten es leicht und durchaus unterhaltsam, seinen Ausführungen zu folgen. Mit einem Augenzwinkern beschloss er den Abend mit einer Sequenz aus dem Film „Moderne Zeiten“, der einen spielerischen und unverkrampften Umgang mit der ach so hehren Kunst nahelegte.

Erna Rauscher-Steves

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