Im Dauerfeuer politischer Berieselung

Bernhard Gehringer sortiert in seiner „Schreibstube“ den Nachlass der Mutter. Foto: Lux
Schwebheim

Das war doch die Handschrift seiner Mutter? Ja, diese Handschrift kannte er von den Einkaufszetteln seiner Kindheit. Aber diese Mutter kannte er nicht. Beim Ausräumen der elterlichen Wohnung in Rothenburg ob der Tauber stieß Bernhard Gehringer auf Briefe und Tagebuchaufzeichnungen seiner Mutter und lernte eine völlig neue Frau kennen.

Da war die romantische, sehnsüchtig Liebende, die sprachlich ausgefeilte Gedichte schrieb. Gehringer wunderte sich über die erstaunliche Sprache, mit der sie sich ausgedrückt hat, und stellt fest: „Das war himmelweit von meinem Erleben entfernt, ich kannte meine Mutter als einfache Frau, so viel Romantik habe ich ihr gar nicht zugetraut.“

Aber es gab da auch die 15-Jährige, die am 1. September 1939 in ihr Tagebuch schreibt: „Polen hat uns den Krieg erklärt. Wir werden den Größenwahnsinnigen schon zeigen, was es heißt, Großdeutschland herauszufordern.“

Diese Frau kannte Gehringer schon eher. „Als ich Jugendlicher war, hat‘s bei uns daheim diesbezüglich manchmal ganz schön Zoff gegeben“, erinnert er sich. Der Vater war bei einer Eliteeinheit der SS und sei nie so ganz von seiner „zeitbedingt ideologischen Einstellung weggekommen“. Die Mutter habe diese politische Vergangenheit später verdrängt und hysterisch reagiert, wenn dieses Thema angesprochen wurde.

Tagebuchaufzeichnungen und Briefe ließen Gehringer keine Ruhe mehr. Wie ging das eigentlich alles zusammen: einerseits das ganz normale junge Mädchen aus einem Bäckerhaushalt, das sich in einen schneidigen jungen Mann aus dem bäuerlichen Milieu verliebt, und dann diese politischen Parolen. „Zwei Menschen, von Gläubigkeit und Idealismus erfüllt, auf einer kleinen Bühne, unter deren Dach die gleiche erstickend verrauchte Luft zirkuliert wie in den großen braunen Häusern“, schreibt Gehringer später.

Besuch in Archiven

Die Geschichte seiner Eltern lässt ihn nicht mehr los. Er durchforstet die Schriftstücke und sammelt die alten Bilder und Fotoalben; er sucht Archive auf, um die Zeit zu verstehen. Die Jahre von 1938 bis 1949 werden zu einem Buch verarbeitet. Es geht ihm nicht darum, den moralischen Zeigefinger zu heben, sondern die Menschen dieser Zeit aus ihren Bedingungen heraus zu verstehen.

Seine Eltern stehen immerhin für eine ganze Generation von jungen Menschen. Wie haben sie gelebt? Gemeinschaftsgeist und Zusammenhalt waren hohe Werte, gelebt beim „Bund deutscher Mädchen“ und der „Hitlerjugend“. Gleichzeitig waren sie einem Dauerfeuer von politischer Berieselung ausgesetzt. In Zeitungen, Rundfunkkanälen, Wochenschauen und Filmen „fließt eine nimmer rastende öffentliche Belehrung und löst eine seelische Epidemie apokalyptischen Ausmaßes aus“, schreibt Gehringer in seinem Buch.

Mentalitätsanalyse

Dabei will er sich mit seinem Werk nicht einreihen, in die schier endlose Bewältigungs- und Erinnerungsliteratur, die momentan wieder so sehr im Aufwind ist. Es geht dem Autor „eher um eine Mentalitätsanalyse“. „Wie kann man ein Volk durch einfache rhetorische Phrasen so beeinflussen, dass es das alles mitmacht?“, fragt er sich.

Auf 183 Seiten und in 30 Kapiteln setzt sich Gehringer mit dieser Frage auseinander, dabei produziert er eine bunte Collage von Tagebuchauszügen, O-Tönen völkischer Propaganda, Historischem und eigenem Erleben in einer erstaunlichen schriftstellerischen Qualität.

„Und dann will ich dein sein – Lehrjahre des Herzens und des Größenwahns“, betitelt er seine Spurensuche. Dabei hat die Vergangenheitsanalyse für Gehringer auch viel mit der Gegenwart zu tun. Der Autor ist Germanist und arbeitet als Gymnasial- und Seminarlehrer in Schweinfurt. Tagtäglich hat er mit jungen Menschen zu tun. Er kennt das „Bedürfnis der breiten Masse nach Idolen“ und ist sich sicher, dass die Massenpresse bis heute „die Macht hat, Massenideologien“ auszulösen. Allerdings trete dieses Phänomen heute eher im Bereich des Sports auf, die Angst vor Krieg sitze bei den Deutschen noch tief und die Jugend sei im Allgemeinen eher apolitisch, meint der Pädagoge.

Für ihn bleibt die Frage „Wie verführbar sind Menschen – damals wie heute?“, und dieser Verführbarkeit versucht er entgegenzuwirken. Aufklärung im Kant‘schen Sinn und die Anleitung zu kritischem Denken stehen in seinem pädagogischen Bemühen ganz oben. In diesem Sinne Einfluss zu nehmen, mit jungen Menschen und angehenden Lehrern das kritische Denken zu pflegen, „dafür lohnt sich“ sein Beruf.

Fünf weitere Bücher

Bernhard Gehringer hat noch weitere fünf Bücher geschrieben. „Forget Anna“ ist ein Gedichtband über das Ende einer Beziehung. Im Buch „Lendenwirbel“ zieht der Autor eine erste Lebensbilanz. „Ein Hut gibt Auskunft“ ist eine Sammlung von Erzählungen und Prosaskizzen. Tagebücher und Briefe verarbeitet der Band „Eine Art Liebe“ und sein jüngstes Werk ist ein kleiner, aber feiner Gedichtband mit dem Titel „Im Auge der Sphinx“.

Aus seinem Werk „Und dann will ich dein sein“ liest der Autor am 14. März um 19.30 Uhr in der Mehrzweckhalle in Schwebheim. Der Ortsgeschichtliche Arbeitskreis lädt zu dieser Spurensuche ein.

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