GEROLZHOFEN

Im Raum GEO ist die rechte Szene ruhig

„Das ist der Nährboden“: Auch nach der öffentlichen Vorführung der Dokumentation „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“ in der Gerolzhöfer Erlösekirche stellte sich Regisseur und Produzent Peter Ohlendorf (Foto) der Diskussion mit den zahlreichen Besuchern. Foto: Norbert Vollmann

Ohne jegliche Störungen und Zwischenfälle verlief nach Mitteilung der Polizei auch die sehr gut besuchte öffentliche Vorführung des Films „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“ am Montag durch das Kulturforum Gerolzhofen in dem schräg gegenüber von der Inspektion gelegenen evangelischen Gemeindezentrum.

Wie schon bei der internen Veranstaltung am Vormittag für die zehnten Klassen der Ludwig-Derleth-Realschule (wir berichteten) ging auch am Abend wiederum im Beisein von Regisseur Peter Ohlendorf der Leiter des Kommissariats für Staatsschutz der Kripo Schweinfurt näher auf die rechtsextreme Szene in der Region Main-Rhön im Allgemeinen und im Raum Gerolzhofen im Speziellen ein.

Klaus Eckelmann betonte vor gut 70 Besuchern, darunter zahlreiche junge Gesichter, dass es in den 1990er Jahren bis 2002 zu ähnlichen Rechtsrock-Veranstaltungen in der hiesigen Gegend gekommen sei, gegen die man habe vorgehen müssen. Daraufhin sei von der damaligen Polizeidirektion Schweinfurt in enger Zusammenarbeit mit verschiedenen Landratsämtern und besonders betroffenen Gemeinden ein Konzept entwickelt worden.

Damit sei es gelungen, solche Konzerte, wie sie in der Dokumentation über die Rechtsrock-Neonazi-Szene zu sehen waren, „auf Null zurückzufahren“, so dass auf diesem Gebiet eine „sehr deutliche Beruhigung“ eingetreten sei. Bis dahin habe es vor allem im Raum Haßberge eine relativ starke Neonazi-Szene mit einer ganzen Reihe von Skinhead-Veranstaltungen und Konzerten gegeben.

Allerdings weiche die rechte Szene inzwischen immer mehr auf Privatfeiern aus. Eckelmann: „Dann wird es von Seiten der Polizei auch schwer und schwierig, einzuschreiten.“ Zudem werden Rechtsrock-Konzerte inzwischen konspirativ vorbereitet, das heißt, die Örtlichkeit wird so lange wie möglich geheim gehalten und die Information teilweise wie bei einer „Schnitzeljagd“ an die Insider weitergegeben. So könne es durchaus passieren, dass die Veranstaltungen der Polizei erst kurz vorher oder manchmal auch erst danach bekannt werden.

Bis Ende der 1990er-Jahre habe es auch verschiedene Veranstaltungen im Raum Gerolzhofen gegeben, als immer im August eine junge Dame aus der Szene zu ihrem Geburtstag eingeladen habe. Die von ihr organisierten Feiern auf der grünen Wiese oder im Zelt hätten am Ende immer größere Ausmaße angenommen mit bis zu 200 Teilnehmern aus verschiedenen Bundesländern, sodass die letzte Veranstaltung von der Polizei verboten werden musste.

Im Raum Gerolzhofen sei es seitdem zu keinen vergleichbaren Vorkommnissen mehr gekommen. Zwar gebe es hier vereinzelte Mitglieder der rechten Szene, aber derzeit keine allzu großen Aktivitäten, so der Chef der Abteilung Staatsschutz bei der Kripo Schweinfurt.

Die Kritik aus den Reihen der Realschüler aber auch von abendlichen Besuchern, dass die Strafverfolgung zu lasch und die Urteile zu milde seien, wollte Eckelmann nicht teilen und im Raum stehen lassen. Die Justiz greife in seinen Augen sehr wohl hart durch und verhänge teils drastische Strafen, allerdings bedürfe es immer des entsprechenden Beweismaterials.

„Wir müssen uns in Deutschland dem stellen, was da passiert“
Regisseur Peter Ohlendorf

Eckelmann räumte ein, dass das 2004 von dem unter dem Pseudonym Thomas Kuban arbeitenden Journalisten heimlich gefilmte Konzert bei Kürnach mit rund 600 Zuhörern mit dazu beigetragen habe, seitens der Polizei in Unterfranken konsequent gegen derartige Auswüchse vorzugehen.

In der von Birgit Röder geleiteten Diskussion am Abend mit Peter Ohlendorf machte der Regisseur, Produzent und Autor noch einmal deutlich: „In der Szene, in der Thomas Kuban unterwegs war, ist der Nationalsozialistische Untergrund groß geworden. Hier gibt es diese absolut strukturierte Gewaltbereitschaft. Das ist der Nährboden.“ Überhaupt passiere in diesen Kreisen etwas, „was unsere Gesellschaft auseinanderhebeln kann“. Deshalb Ohlendorfs Appell: „Wir haben das Problem lange genug weggedrückt. In toto wird viel zu wenig getan. Wir müssen uns in Deutschland dem stellen, was da passiert.“

Darum sei es auch seine Motivation und die seines Teams gewesen, das Filmprojekt trotz der fehlenden finanziellen Unterstützung vor allem durch die Öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten und der angehäuften Schulden zum Abschluss zu bringen, „in Respekt vor der Leistung von Thomas Kuban und damit die Bilder, die er rausgeholt hat, nicht im Archiv verschwinden.“ Umso erfreulicher sei es, „dass immer mehr den Film sehen wollen“. Man habe selten das Glück, dass ein Film wie dieser von sich aus sein Publikum finde, so Ohlendorf weiter.

Kulturforums-Vorsitzender Burkhard Tebbe nutzte in seiner Begrüßung die Gelegenheit, um zum einen nochmals besonders Initiator Thomas Vizl dafür zu danken, „dass diese Veranstaltung überhaupt durchgeführt werden konnte“, und zum anderen denen, die die Realisierung der Vorführung durch ihre finanzielle Unterstützung ermöglichten, sprich CSU, Freie Wähler, geo-net, „Die Jungen“ und die SPD sowie die Stadt Gerolzhofen über das Förderprogramm „Soziale Stadt“.

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