In Stein gemeißelt

Stationen einer Reise: Auf eigene Faust sind Manuela und Rudi Twardzik unterwegs nach Kasachstan und Sibirien. Und begegnen immer wieder Hinweisen aus der Heimat. Auch an der Kriegsgräberstätte Rossoschka.
Gedenkstätte von Rossoschka:
Der Volksbund Kriegsgräber hat beim ehemaligen Dorf Rossoschka einen Sammelfriedhof für die geborgenen gefallenen Soldaten eingerichtet.
Gedenkstätte von Rossoschka: Der Volksbund Kriegsgräber hat beim ehemaligen Dorf Rossoschka einen Sammelfriedhof für die geborgenen gefallenen Soldaten eingerichtet. Foto: Manuela Twardzik

Helmut Haupt, geboren am 2. August 1923 in Schweinfurt, Dienstgrad Schütze, ruht auf der Kriegsgräberstätte in Rossoschka. Walter Grebner, geboren am 6. Mai 1920 in Schweinfurt, Dienstgrad Schütze, ruht auf der Kriegsgräberstätte in Rossoschka. Otto Hey, geboren am 1. Oktober 1922 in Schweinfurt, vermisst seit dem 31.Dezember 1942 – sein Name wurde eingraviert in einen Granitwürfel zur Erinnerung an die Vermissten in Rossoschka. Drei junge Männer aus Schweinfurt, drei Schicksale, drei Namen, die in Granit eingraviert wurden – zum Gedenken an diejenigen, die in und um Stalingrad ihr Leben lassen mussten.

3455 Kilometer sind wir mit dem Auto gefahren, um hierher zu kommen. Manchmal war die Straße so mit Schlaglöchern übersät, dass wir uns um Jahre zurückversetzt fühlten. Auch die Sonne brannte schon unbarmherzig und ließ uns an die Geschichten der Fußsoldaten denken, die auf den langen Märschen Richtung Osten kaum Trinkwasser zur Verfügung hatten und doch weiter und weiter marschieren mussten.

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Vorbei ging es für uns an Denkmälern mit Panzern aus dem „Großen Vaterländischen Krieg“, wie die Russen den Zweiten Weltkrieg nennen, an Gedenkstätten für die Opfer unter der Dorfbevölkerung und an Partisanengräbern. Niemals kann man hier vergessen, was vor 70 Jahren in Stalingrad geschah.

Die letzte Ruhestätte: Nun stehen wir an der Gedenkstätte Rossoschka, fast 40 Kilometer westlich von Wolgograd. Der Blick schweift über die weite grüne Steppe. Es ist still hier, nur ab und zu krächzen ein paar Raben. Der Wind treibt ein paar Wolken vor sich her, die wenigen Bäume an der Gedenkstätte neigen sich sanft, weiter hinten schlängelt sich von Schilf umwachsen das Flüsschen Rossoschka.

Hier hat der Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. nach zähem Ringen mit russischen Behörden einen Ort geschaffen, an dem der Opfer von Stalingrad gedacht werden kann. Die Gedenkstätte teilt sich in zwei Hälften, getrennt durch eine Straße. Auf der einen Seite ist ein halbrunder Steinkreis gemauert, umgeben von Soldatengräbern der russischen Gefallenen.

Auf der anderen Seite gibt es Platz für die deutsche Gedenkstätte. Früher befand sich hier schon ein alter Wehrmachtsfriedhof, der nun erweitert werden konnte: Er dient als Sammelfriedhof für die Gebeine der Gefallenen im ganzen Gebiet zwischen den Flüssen Wolga und Don. Bis zu 50 000 Gefallene haben hier bisher ihre letzte Ruhestätte gefunden. An der Umfassungsmauer angebracht sind Granittafeln mit den Namen, den Geburts- und Sterbedaten der identifizierten Gefallenen.

Ebenso beeindruckend sind die 127 Granitwürfel, auf denen die Namen der Vermissten eingraviert sind. Ungefähr 120 000 Namen sind bis heute hier verzeichnet. Wir bewegen uns langsam von Würfel zu Würfel, es sind so unfassbar viele Namen und Daten auf so engem Raum zu sehen, dass es uns bedrückt. Fast eine ganze Generation wurde ausgelöscht. Hier ist es sichtbar, spürbar.

Wir verbringen den Abend und die Nacht in der Nähe der Kriegsgräberstätte. Am nächsten Morgen treffen wir Gäste aus Deutschland an. Eine Familie aus Thüringen ist hierher gereist, um den Ort zu besuchen, an dem der vermisste Vater namentlich verzeichnet ist. Die Schwiegertochter legt einen Blumenstrauß nieder. „Es ist wichtig zu sehen, dass hier die Gefallen und Vermissten ihre Identität zurückerhalten haben. Dies ist ein sehr bewegender Moment“, erzählt sie mit Tränen in den Augen. Auch wenn nicht alle Angehörigen herkommen können, so sei es doch für jeden Einzelnen wichtig, dass es diese Gedenkstätte gibt.

Wolgograd: Besuch auf dem Mamajev-Kurgan. Dieser Hügel, von dem aus man die Stadt und die Wolga überblicken kann, war in der Schlacht um Stalingrad besonders heiß umkämpft. Hier wurde die 82 Meter hohe Statue „Mutter Heimat“ auf der Hügelspitze errichtet, die über zweihundert Stufen vom Ufer der Wolga aus zu erreichen ist. Diese Stufen symbolisieren die zweihundert Tage des Kampfes um Stalingrad. Hierher kommen die Familien und Schülergruppen, aber auch Soldatengruppen, um die Mahnwache in der Gedenkhalle zu sehen, um sich vor dem ewigen Feuer fotografieren zu lassen und bei Schuhmanns „Träumerei“ der gefallenen Soldaten zu gedenken.

Am „Tag des Sieges über den Faschismus“, wie der Feiertag des 9. Mai in Russland genannt wird, gibt es im Stadtzentrum viele Darbietungen. Die ganze Stadt scheint schon vom Morgen an auf den Beinen zu sein: Gruppen aus den umliegenden Städten und Dörfern, Familien mit Kindern, kleine Mädchen in Tüllkleidern und mit weißen Schleifen im Haar, Buben mit Soldatenschiffchen auf dem Kopf. Veteranen mit ordensgeschmückter Brust und ältere Damen, die auf Parkbänken sitzen und von jungen Leuten rote Nelken geschenkt bekommen. Alle haben sich schick gemacht, es herrscht Feststimmung. Schülergruppen führen Tänze auf, Gesangsvereine bieten Heimatlieder dar. Pantomimendarsteller zeigen Schlachtenszenen.

Souvenirverkäufer bieten Luftballons in Form von Panzern an, Gewehrpatronen als Schlüsselanhänger, Feuerzeuge in Handgranatenform oder mit Stalin–Porträt. Man fotografiert sich vor den Kriegsplakaten oder mit Uniformierten. Den ganzen Tag über flanieren die Menschen auf der „Allee der Helden“ bis zum „Platz der gefallenen Kämpfer“.

Wir besuchen noch das kleine Museum, das im ehemaligen Kaufhaus „Univermag“ eingerichtet wurde. Hier haben der Führungsstab der 6. Armee und General Paulus die letzten Tage vor der Kapitulation verbracht. Die Räume wurden originalgetreu gestaltet und die Kriegsgeschehnisse sowohl von deutscher als auch von sowjetischer Seite dargestellt. Beeindruckend nahe rücken hier die Kriegsgeschehnisse von 1943. Am Abend drängen sich Tausende junger Leute am Wolgaufer bei einem Konzert mit verschiedenen Bands, mehrere Feuerwerke lassen den Nachthimmel bunt erstrahlen und Flakgeschütze feuern Salutschüsse am Flussufer ab. Wir lassen uns mit der Menge treiben und genießen die schon sommerlich warme Nacht.

Die Autorin: Seit fast drei Wochen sind Manuela und Rudi Twardzik aus Dittelbrunn in ihrem umgebauten Lkw-Transporter unterwegs nach Kasachstan und Sibirien. In den geplanten sechs Monaten ihrer Reise berichtet Manuela Twardzik sporadisch fürs Schweinfurter Tagblatt über ihre Erlebnisse.

Neben der Gräberstätte: Hier wurden 127 Granitwürfel mit den Namen der Vermissten im Raum Stalingrad aufgestellt.
Neben der Gräberstätte: Hier wurden 127 Granitwürfel mit den Namen der Vermissten im Raum Stalingrad aufgestellt. Foto: Manuela Twardzik
Tag des Sieges über den Faschismus: eine Veteranin, mit Blumen beschenkt.
Tag des Sieges über den Faschismus: eine Veteranin, mit Blumen beschenkt. Foto: Manuela Twardzik

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