Schweinfurt

In die Schuhe des anderen steigen

Oliver Sprenger und Oliver Moll (rechts) bilden Bei ZF die Schnittstelle zwischen Management und Belegschaft.  Foto: Karl-Heinz Körblein

Die Männer kennen sich seit 14, 15 Jahren.  Sie haben ihre privaten Telefonnummern ausgetauscht und würden selbst im Urlaub ans Handy gehen, wäre der andere dran. Und dabei haben sie ziemlich verschiedene Aufgaben in ihrem Unternehmen. Bei ZF. Und vielleicht doch auch nicht.

Der eine ist Oliver Sprenger. Am Standort Schweinfurt verantwortlich für rund 9000 Mitarbeiter, und dies zunächst einmal aus Sicht des Unternehmens.  Der andere, das ist Oliver Moll. Seit 2012 ist er Vorsitzender des Betriebsrats. Da treffen doch oft verschiedene Interessen aufeinander. Diese auf einen gemeinsamen und vertretbaren Nenner zu bringen, das ist ihre Aufgabe, und dazu stehen sie. Man kennt sich, weiß, dass Spielchen nichts brächten, man sich vertrauen kann.

Vor 100 Jahren wurde bei Fichtel & Sachs der erste Betriebsrat gegründet. Noch bevor er gesetzlich verpflichtend war. Inzwischen haben sich die Rahmenbedingungen verändert. Sachs beziehungsweise ZF sind nicht mehr inhabergeführt. Das Unternehmen gehört einer Stiftung. Und die Mitbestimmungsmöglichkeiten haben sich verändert. Im Aufsichtsrat herrscht Parität, wenngleich sein Vorsitzender, er gehört zur Kapitalseite, das ausschlaggebende Wort hat.

"Schweinfurter Lösung" für Alterszeit

Betriebsrat und Personalchef treffen sich in Schweinfurt immer freitags. Der Termin ist geblockt, wird bei Verhinderung nachgeholt. Dabei ist das Themenspektrum recht breit. "Wir suchen uns die Themen nicht aus, wir müssen sie bewältigen", sagt Moll. Vieles wird auf Konzernebene entschieden. Das muss lokal umgesetzt werden. Moll und Sprenger erinnern sich an die Altersteilzeit, für die eine "Schweinfurter Lösung" gefunden wurde.

Kürzlich ist der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Achim Dietrich, mit der Forderung an die Öffentlichkeit gegangen, ZF müsse für den Erhalt von 50 000 Arbeitsplätzen in Deutschland garantieren. Das kann Moll natürlich unterschreiben, wobei er weiß, dass dies ohne Zugeständnisse der Belegschaft nicht zu erreichen sein wird. Zumindest nicht leicht.

Deutschland ist Hochlohnland. Darüber gibt es keinen Streit. So lassen sich Stoßdämpfer hier wirtschaftlich kaum noch produzieren. Die Betriebsräte haben das eingesehen, alternative Produkte verlangt. In der E-Mobility haben sie diese für Schweinfurt bekommen.

70 bis 80 Millionen Euro an Kosten müssen dennoch bis 2023 eingespart werden. "Wir müssen soviel besser sein wie wir teurer sind", erklärt Moll den Wettbewerb innerhalb des Unternehmens und hat dabei vor allem die ausländischen Standorte im Auge. "Schauen, wie man Prozesse verbessert", sagt Sprenger dazu.

Einig sind sich die beiden, dass Schlammschlachten für niemanden etwas bringen. Gemeinsam will man sich über Wege zum Ziel verständigen. Und erst dann an die Öffentlichkeit treten. Zuletzt gab es sieben Veranstaltungen zum Sparprogramm. Sie sollen recht harmonisch verlaufen sein.

Massive Veränderungen stehen an

Stichworte Künstliche Intelligenz, Digitalisierung. Beide bedeuten massive Veränderungen. Ausstieg aus der Komfortzone. Sprenger und Moll sehen das gelassen. Die Themen gebe es schon lange. Beim Einkauf, in der Personalverwaltung, im Transportwesen, in der Produktion. "Es wird kein Hebel umgelegt", sagen beide fast wörtlich übereinstimmend. Da komme nichts von heute auf morgen. "Wir können die Menschen gezielt mitnehmen." Soll heißen: Für jeden gibt es auch künftig eine Aufgabe. Wobei Sprenger darauf hinweist, dass auch Ältere privat gut digital unterwegs sind. Beispielsweise, wenn es um Bankgeschäfte geht. Aktuell arbeiten Betriebsrat und Personalmanagement an einem Zeitrahmen, um die Veränderungen abzustecken.

Moll ist seit 1984 in der Mitarbeitervertretung engagiert, hat mit den Betriebsratsvorsitzenden Erwin Kaufmann, Werner Kleinhenz, Willy Dekant zusammengearbeitet. Was hat sich geändert? Früher sei es sehr viel konfliktbehafteter gewesen, sagt Moll. "Es hat richtig gerumpelt, da flog auch einmal beim Personalchef ein Bild von der Wand." Mit Willy Dekant sei es entspannter geworden. "Es macht Sinn, sich auch einmal in die Schuhe des anderen zu stellen." Das hat Moll als Erfahrung mitgenommen. Als Dekant im Jahr 2000 antrat, hatte ZF in Schweinfurt 6300 Beschäftigte. Heute sind es über 9000.

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