SCHWEINFURT

Industrielle käpfen für Gedankenfreiheit

Die Sattlers finanzierten das Versammlungshaus der freien christlichen Gemeinde (heutiger Schillerplatz).
Die Sattlers finanzierten das Versammlungshaus der freien christlichen Gemeinde (heutiger Schillerplatz). Foto: schweinfurtfuehrer

Die Familie Sattler wird heute in erster Linie mit einem Altlastenproblem in Verbindung gebracht. Zu ihrer Zeit aber – Mitte des 19. Jahrhunderts – wirkte sich ihr gesellschaftliches Engagement nachhaltig und überregional auf die religiöse Emanzipation der Gesellschaft aus.

Es gelte als gesichert, dass die Aktivitäten der Familie Sattler auf dem Gebiet der freireligiösen Bewegung als Geburtsstunde des heutigen Bundes für Geistesfreiheit Schweinfurt angesehen werden können, sagte Klaus Rehberger in einem Vortrag beim Bund für Geistesfreiheit. Titel: „Industrie 1.0 und die Freiheit der Gedanken – wie eine Schweinfurter Familie die Welt veränderte“.

Farben-Produktion

Rehberger stellte das facettenreiche Wirken der bedeutenden Schweinfurter Industriellenfamilie vor. Rehberger ging zunächst auf das vielfältige wirtschaftliche Betätigungsfeld des Fabrikanten Wilhelm Sattler ein, das mit der Produktion von „deutschem Sago“, einem Mittel aus Kartoffelstärke, begann, in dessen Mittelpunkt die großtechnische Produktion von Farben für vielfältigste Anwendungen stand.

Aber auch jene grüne Farbe, die trotz, aber auch wegen ihrer fragwürdigen Konsistenz zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen Siegeszug um die gesamte Erde nahm. Dazu trug auch seine Ehe mit Catharina Geiger, der Tochter des Schweinfurter Kunstmalers Konrad Geiger, bei. Auf dem gekauften Schloss Mainberg eröffneten sie eine „Bayerische Tapetenmanufaktur“ unter Verwendung ihrer Farben, so dass sich „Gewerbefleiß und Kunstfleiß“ ergänzen konnten.

Aber 1848 wurde die Farbe wegen ihrer gesundheitsschädlichen Grünspan-Arsen-Verbindung erst in Bayern, Jahre später in ganz Deutschland verboten.

Aufbau eines Bildungswesens

Rehberger verdeutlichte dabei, dass das Wirken Sattlers nicht nur auf die Farbenproduktion reduziert werden darf, sondern dass sein Einsatz beim Aufbau eines mittleren Bildungswesens in Form von einer neuen „Gewerbeschule“, dem Vorläufer der heutigen Realschule, für Schweinfurts Zukunft von großer Bedeutung war.

Rehberger beleuchtete in der Folge auch den Anteil und Einfluss Sattlers auf die politische Entwicklung der damaligen Zeit, bei der durch seine Kinder, insbesondere den ältesten Sohn Jens, die religiöse Befreiung von gängigen Dogmen und Lehren eine große Rolle spielte.

Jens Sattler lernte 1846 in Offenbach den von der katholischen Kirche ausgeschlossenen Pfarrer Johannes Ronge kennen und lud ihn nach Schweinfurt ein. Ronge war deutschlandweit durch seinen Protestbrief an den Bischof Arnoldi von Trier bekannt, der 1844 aus Spendengründen einen „Heiligen Rock Christi“, im Dom von Trier ausstellte. Innerhalb kurzer Zeit wurde er von über einer Million Menschen bestaunt.

Ronge sah darin „die religiösen Gefühle einer leichtgläubigen und unwissenden Menge in die Irre geleitet, dem Aberglauben Vorschub geleistet, dem hungernden Volke Gut und Geld entlockt sowie die deutsche Nation dem Spott ihrer Nachbarn preisgegeben.“ Der Brief Ronges an Arnoldi endet mit dem Aufruf: „Als Bischof müssten Sie wissen, dass der Gründer der christlichen Religion seinen Nachfolgern nicht seinen Rock, sondern seinen Geist hinterließ! Sein Rock gehört seinen Henkern.“

Die romfreie Kirche

Ronge rief nach seinem Kirchenausschluss 1845 zur Gründung einer „romfreien“ Kirche auf, was durch den mit der Aufklärung beförderten Geist der Freiheit des Denkens bei vielen gebildeten Menschen in Deutschland auf großes Interesse stieß. Beim Besuch zu Ostern 1849 in Schweinfurt feierte Ronge im „Löwen“, im „Saalbau Krone“ und im „Saale zu Oberndorf“ (Schwarzer Adler) mit der neugegründeten „freien christlichen Gemeinde“ mehrere Gottesdienste.

Die 129 Gemeindemitglieder beschlossen daraufhin den Bau einer eigenen, vorwiegend von der Familie Sattler finanzierten Gemeindehalle auf dem heutigen Schillerplatz und weihten die Halle am 20. Oktober 1850 ein. Die freigeistigen Bestrebungen nach den Beschlüssen der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche von 1848 waren aber den Landesfürsten, auch dem bayerischen König Maximilian II., ein Dorn im Auge, da sie um Macht und Einfluss fürchteten.

Freichristliche Gemeinde verboten

Am 26. Februar 1850 wurde von ihm das „Bayerische Vereins- und Versammlungsgesetz“ verordnet, das primär gegen die sich gründenden Arbeitervereine gerichtet war, aber auch freigeistige Zusammenschlüsse verbot und 40 Jahre Bestand hatte. Die freichristliche Gemeinde wurde 1851 verboten, die Gemeindehalle nach unterschiedlicher Zwischennutzung im Jahr 1895 abgerissen.

Rehberger zitierte Silvia Paletschek, die über das Wirken der Familie Sattler schrieb: „Die persönlichen Kontakte zu oppositionellen Kreisen waren weit gespannt, reichten bis Hamburg und Schlesien, umfassten mehrere Generationen der Familie die bis ins Kaiserreich dem demokratisch-oppositionellen Milieu verhaftet blieb, und sowohl bei der Gründung der freireligiösen Gemeinde wie bei der Gründung der Turn- und Gesangsvereine, des Arbeiterbildungsvereins und des freireligiösen Frauenvereins eine entscheidende Rolle spielte.“

Entwicklung in Schweinfurt

Im Anschluss beleuchtete Wolfgang Günther, Ausschussmitglied des Bundes für Geistesfreiheit, noch die Weiterentwicklung der freigeistigen Bewegung in Schweinfurt in der Zeit vor und nach dem zweiten Weltkrieg. Nach seinen Recherchen fanden sich erst 1906 wieder so viele freidenkende Personen zusammen, dass sie zunächst den „Verein der Freidenker für Feuerbestattung“ und am 7. März 1907 die „Freidenker-Vereinigung Schweinfurt“ gründen konnten.

Es handelte sich hauptsächlich um Arbeiter, denn mittlerweile hatte sich Schweinfurt zur Industriestadt entwickelt. 1912 konnte der erste freireligiöse Unterricht erteilt werden, zunächst in einem Privatlokal. Am 5. Juli 1917 fand die erste Jugendweihe in Schweinfurt statt. Nach Kriegsende nahm man am 1. März 1919 den Namen „Freireligiöse Gemeinde Schweinfurt“ an, der am 26. Januar 1931 um den Zusatz „Bund für Geistesfreiheit, Sitz Schweinfurt“ ergänzt wurde. 1933 verboten die Nationalsozialisten alle freigeistigen Vereinigungen in Deutschland und beschlagnahmten deren Vermögen.

1946 Wiedergründung

Erst nach der Befreiung vom Hitler-Faschismus und Rückkehr aus Konzentrationslagern oder Kriegsgefangenschaft konnte am 15. Dezember 1946 die Wiedergründung der Freireligiösen Gemeinde Schweinfurt mit Satzung vom 10. Juni 1947 erfolgen.

Mit Beschluss des bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 4. Dezember 1947 wurde der Vereinigung „Freireligiöse Landesgemeinde Bayern“ die Eigenschaft einer Körperschaft des Öffentlichen Rechts verliehen. Nach Aussage von Günther fanden noch 1947 eine öffentliche Versammlung, ein Lichtfest statt. Mitte Juli 1953 wurde die erste Feier der Sommersonnenwende auf der Bismarckhöhe veranstaltet. Gerade heute, wo Religionen weltweit dazu missbraucht würden, Menschen wegen wirtschaftlicher Interessen gegeneinander aufzuhetzen, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu schüren, bedürfe es einer Gemeinschaft, in der der Mensch im Mittelpunkt stehe, so Günther.

Jens Sattler setzte sich für die religiöse Befreiung von gängigen Dogmen und Lehren ein.
Jens Sattler setzte sich für die religiöse Befreiung von gängigen Dogmen und Lehren ein. Foto: Rehberger

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Schweinfurt
  • Bildungs- und Erziehungssysteme
  • Emanzipation
  • Industrielle
  • Klaus Rehberger
  • Wilhelm
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!