SCHWEINFURT

Infotag zum Rückbau des KKW Grafenrheinfeld

Strahlenschutztechniker Harald Weth erklärt den Ablauf der Demontage. Foto: Anand Anders

Rund 80 Besucher haben sich vorab zum Infotag angemeldet – gekommen sind weitaus mehr: Das Interesse der Bevölkerung am Rückbau des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld ist nach wie vor groß – genauso die Befürchtungen von einigen, die gekommen sind. Andere Besucher sind aber schlicht neugierig und an den Planungen des Rückbaus interessiert. Bernd Kaiser, seit April Kraftwerksleiter, gibt in seinem Vortrag unter dem Motto „Rückbau bedeutet zuerst Aufbau“ einen Ausblick auf die Planungen.

Rückbau beginnt nächstes Jahr

Schon seit der Schließung des Atomkraftwerks Ende Juni 2015 seien nicht mehr benötigte Systeme außer Betrieb genommen worden. Zudem werde die Anlage, wie auch schon während des Betriebs, rund um die Uhr überwacht. Abgebaut werden könne aber erst nach einer kompletten Stilllegung. Daher habe man zwischenzeitlich auch an einem Konzept zur Stilllegung, Demontage und Logistik gefeilt.

Die Betreiber wollen im Zeitplan bleiben: „Uns darf das nicht passieren, was den Kollegen beim Berliner Flughafen oder Stuttgart 21 passiert ist“, so Kaiser. Durch den laufenden Rückbau der Kernkraftwerke Isar, Würgassen und Stade sowie das bereits abgebaute Kraftwerk Untereichbach habe man viele Erfahrungswerte gesammelt, von denen man in Grafenrheinfeld profitieren würde.

Eine radioaktive Strahlung, die über der gesetzlichen Vorgabe der Strahlenschutzverordnung liegt, gebe es nur im Kontrollbereich inmitten des Kraftwerkgeländes: Der dortige Reaktor mache 99 Prozent der gesamten Strahlenbelastung aus; das übrige Prozent liege in den kontaminierten Rohren und Leitungen. Alle anderen Anlagen könnten regulär abgebaut werden. Anfang nächsten Jahres liegen voraussichtlich die Stilllegungs- und die Abbaugenehmigung auf dem Tisch, die bereits vor drei Jahren beantragt wurde. Dann darf die Preussen Elektra mit dem Rückbau beginnen. Dieser erfolgt in sechs Schritten.

Zurück zum Rohbau

Zuerst müsse die Anlage frei von allen Brennelementen gemacht werden. Bislang wurden diese lediglich aus dem Reaktor entfernt und liegen derzeit in einem sogenannten Nasslager, dem Abkühlbecken im Kraftwerk. Ab Mai nächsten Jahres sollen die Brennstäbe bis 2020 schrittweise in Castoren in das 2006 erbauten Zwischenlager Bella umgelagert werden. Wie lange sie dort liegen, ist unklar. Nach Maßgaben des Endlagersuchgesetzes, das nach den Widerständen im Endlager Gorleben verabschiedet wurde, werde derzeit bundesweit nach einem Standort gesucht, wie Astrid Jacob, Fachbereichsleiterin für Überwachung, erklärt.

Nach der Entfernung der Brennstäbe wird das Lager in den Zustand eines Rohbaus zurückversetzt. Dort werden alle Systeme und Komponenten, auch die kontaminierten Rohre und Leitungen, abgebaut und für den nächsten Schritt, die Reststoffbearbeitung, in Gitterboxen gesammelt.

Damit die für die Demontage zuständigen Mitarbeiter nicht schutzlos der Radioaktivität ausgesetzt werden, sind sie mit Strahlenschutzanzügen ausgestattet. Jeder Mitarbeiter nimmt zudem jährlich an einer Strahlenschutzuntersuchung teil, deren Ergebnisse in einem sogenannten Strahlenpass festgehalten werden, erklärt Pressereferentin Evamaria König. Mit einem sogenannten Filmdosimeter, das am Anzug getragen wird, werde die Strahlenbelastung, der die Arbeiter ausgesetzt sind, regelmäßig gemessen und monatlich an eine zuständige Behörde geschickt. Diese überprüft die Werte regelmäßig. Intern werden sogar noch niedrigere als die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte eingehalten, wie König sagt.

Lagerung in neuer Bereitstellungshalle

Bevor ein Mitarbeiter eine Anlage betritt, bereitet er sich stets auf die bevorstehende Strahlenbelastung beispielsweise durch Schutzkleidung mit Bleiweste vor, erklärt Strahlenschutztechniker Harald Weth. Die Sicherheit für Mitarbeiter und Bevölkerung stehe an vorderster Stelle: „Lieber stoppen wir den Rückbau noch einmal als dass wir unsichere Wege beschreiten“, sagt auch Kaiser.

In der Reststoffbearbeitung werden alle Materialien nochmals zerlegt, damit mögliche kontaminierte Flächen für sogenannte Freimessung zugänglich sind. Wird dort eine radioaktive Verschmutzung festgestellt, werden die Oberflächen mit einer Stahlkies-Bestrahlung gereinigt. Alles was nicht ausreichend, also unter Grenzwert, dekontaminiert werden kann, wird in der Bereitstellungshalle BeHa gelagert. Die muss allerdings erst noch gebaut werden und soll Mitte 2020 in Betrieb genommen werden. Ab 2023 lagern dort laut Jacob rund 3500 Tonnen schwach- und mittelaktive Materialien. Je nach Radioaktivität werden sie in Blechcontainern oder in Containern mit Bleiabschirmung gesammelt.

Kritik an der Entsorgung „unbedenklicher“ Stoffe

2023 sollen sie dann nach Niedersachsen in den Schacht Konrad abtransportiert werden. Dort stehen bereits, vertraglich vereinbart, Kontingente zur Verfügung, sagt die Fachbereichsleiterin für Überwachung.

Edo Günther, Sprecher des Bundesarbeitskreises für Atom Energie und Strahlenschutz, gehen die gesetzlichen Vorgaben nicht weit genug. Es stimme nicht, dass der Müll, der bei der Freimessung als unbedenklich eingestuft werde auch wirklich ungefährlich sei. Studien würden zeigen, dass jede Art von Strahlung zu Erkrankungen führen könne. „Was an Verharmlosung in der Vergangenheit gemacht wurde, findet nun seine Fortsetzung“, so Günther. Mit seiner Meinung ist er nicht alleine: Eine Besucherin kritisiert, dass der „unbedenkliche“ Müll nun auf den Deponien verteilt werde, anstatt ihn gemeinsam mit dem Atommüll zu entsorgen. „Wir haben Gesetze, an die wir uns halten müssen“, entgegnet der Kraftwerksleiter.

Schon durch die natürliche Umgebung sei man ständiger Strahlung ausgesetzt. Was das Kraftwerk abgebe, liege weit darunter. Zudem bräuchte man viel Platz für die Lagerung. Einig wurden sich beide Seiten auch an diesem Tag nicht.

Einen offenen und ehrlichen Austausch forderte einer der kommunalen Politiker am Morgen der Informationsveranstaltung. Es sei wichtig, die Vorbehalte der Bevölkerung aufzunehmen, die Menschen vor Ort aufzusuchen und für Gespräche immer offen zu sein. Die Aussichten dafür stehen jedenfalls gut: Nach der positiven Resonanz will man die Infotage laut Pressereferentin König fortsetzen. Das verspricht auch Kraftwerksleiter Bernd Kaiser: Besucher sollen auch in Zukunft immer wieder einen direkten Einblick in die Rückbauaktivitäten des Kraftwerks erhalten.

Alle Arbeiter tragen beim Rückbau spezielle Strahlenschutzkleidung. Foto: Anand Anders
Kraftwerksleiter Bernd Kaiser informiert die Besucher in seinem Vortrag über die geplanten Rückbaumaßnahmen im Kernkraftwerk. Foto: Anand Anders

Rückblick

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