Schweinfurt

Integration als Mammutaufgabe der Gesellschaft

Zu Recht im Rampenlicht (von links): die sieben neuen Schweinfurter "Heroes" Garad Mohamed (Somalia), Mohamed Ali Hamza (Somalia), Delyar Shaabo (Syrien), Abdullah Suleman Khel (Afghanistan), Habasch Ali (Syrien), Mohamad Abo Alnour (Syrien)und Mahmood Dahan Kawo (Syrien). Foto: Uwe Eichler

Wenn eine deutsche Polizistin einem jungen Türken tief in die Augen blickt und lächelt, muss das nicht heißen, dass sie gleich ihre Telefonnummer herausrückt: Diese Erfahrung hat Diyap Yesil gemacht, Mitarbeiter der gfi, der Schweinfurter "Gesellschaft zur Förderung beruflicher und sozialer Integration". Zusammen mit gfi-Leiter Stephan Zeller moderierte Yesil augenzwinkernd die Zertifizierungsfeier in der Rathausdiele, für sieben neue "Heroes": Vorbilder mit ähnlichem Hintergrund, die Jugendlichen aus Ehrenkulturen Gleichberechtigung nahebringen wollen, gegen "Unterdrückung im Namen der Ehre", insbesondere von Frauen. Mit dem Zertifikat des "Heroes-Projekts" dürfen die jungen Migranten nun ehrenamtliche Workshops in Schulen und Jugendeinrichtungen halten. Ein T-Shirt erhielten die 16- bis 21-Jährigen ebenfalls. Stolz im Publikum mit dabei: Projektleiterin Claudia Federspiel.  

Gewalt im Namen der (männlichen) Ehre ist der "klassisch deutschen" Kultur nicht fremd. Daran dachte vielleicht Josef Weingärtner, wenn er Goethe zitierte: "Man kann nicht immer ein Held sein. Aber man kann immer ein Mann sein". Man könne davon ausgehen, dass der Liebhaber von Schweinfurter Wein bei diesen Worten nicht ganz nüchtern war, meinte der gfi-Landesgeschäftsführer süffisant. Gleiche Rechte für alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, ethnischer Herkunft, sexueller Orientierung oder Religion: dieses Ideal will das Projekt "Heroes" an den Schulen vermitteln, mittels Workshops, Theaterpädagogik, Rollenspielen und "Peer Education", Erziehung durch Vorbild "auf Augenhöhe". In Schweinfurt wurde es 2014 ins Leben gerufen, mit der gfi als Träger: seitdem wurden von 25 Aktiven über 6500 Schüler erreicht, in fast 270 Workshops, in 37 Kinder- und Jugendeinrichtungen. Unterstützt wird das Präventions-und Integrationsprojekt von Stadt und Landkreis gleichermaßen.

Nun gab es Ermutigung aus der Politik: "Bayern ist ein weltoffenes Land", sagte Innenstaatssekretär Gerhard Eck. Zuwanderer seien immer eine Bereicherung gewesen. Allerdings brauche es gegenseitig Respekt und Achtung, auch vor der hiesigen Werte- und Rechtsordnung. Ebenso eine Politik des "Förderns und Forderns". Zum Fördern zählte Eck die 300 000 Euro, die der Freistaat in Heroes-Projekte in Schweinfurt, Augsburg und Nürnberg investiert: auch 2020 soll es Zuschüsse geben.

Als "Leuchttürme unserer Verfassung" bezeichnete die bayerische Integrationsbeauftragte Gudrun Brendel-Fischer (CSU) die Heroes. Integration bleibe eine Mammutaufgabe für die Gesellschaft. "Familien in der Fremde schaffen sich Inseln", stellte Sorya Lippert fest, die aus eigener Erfahrung sprach, als Heroes-Wegbegleiterin und Bürgermeisterin mit pakistanischen Wurzeln. "Integrare" meine "Wiederherstellen", in diesem Fall des gesellschaftlichen Miteinanders.

In einer (nicht ganz bierernsten) Performance stellten die Heroes die enge Welt da, die sie aufweiten wollen: Wo die muslimische Schwester mit dem Vater gegen Schweinebraten und Jessica, die deutsche Freundin des Bruders, wettert – aber als Frau und "Hausdienerin" sofort den Mund verboten bekommt. "Lass mich die beschützen, die wirklich Schutz brauchen": diesen Wunsch haben die jungen Männer. "Haben Menschen in Deutschland wirklich die gleichen Rechte?" Auch diese Frage war erlaubt. Diyap Yesil demonstrierte an Josef Weingärtner kleine kulturelle Unterschiede und unterschiedlich eng gezogene persönliche "Herrschaftskreise": mit einer körpernahen türkischen Begrüßung. Musiker Imad Wasof, Vater eines der Neuen, leitete dann zum Buffet über.  

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