Schweinfurt

Interview mit Gertrud Schätzlein: Warum Gewalt an Frauen immer noch kein großes Thema ist

Auch wenn das Thema kein Tabu mehr ist wie vor Jahrzehnten, die nötige Gewichtung hat es nicht, meint Gertrud Schätzlein, bis 2018 Leiterin des Frauenhauses Schweinfurt. Nach einer aktuellen Studie starben 2017 in Deutschland 147 Frauen durch sogenannte Partnerschaftsgewalt. Foto: thinkstock

Hätte man Gertrud Schätzlein vor 38 Jahren gesagt, dass sie ihr gesamtes Arbeitsleben in einem Frauenhaus verbringen würde, sie hätte vielleicht nicht gelacht, aber doch ungläubig die Augenbrauen hochgezogen. Das Schweinfurter Frauenhaus war der erste Job der Diplom-Pädagogin und sollte ihr einziger bleiben. Aus der Arbeit wurde eine Aufgabe, für die sie bis heute brennt. Mit 67 zieht sie sich nun langsam ganz zurück. Die Staffelübergabe läuft schon geraume Zeit, zum 1. Januar 2019 hat Sozialpädagogin Ute Hofmann die fachliche Leitung des Frauenhauses übernommen. Was sich in 38 Jahren Frauenhaus verändert hat, was sie bewegte, was sie sich für die Zukunft wünscht, erzählt Gertrud Schätzlein im Interview.

38 Jahre lang hat Gertrud Schätzlein das Frauenhaus in Schweinfurt geleitet. Im Bild vor der Beratungsstelle des Frauenhauses in der Cramerstraße 19. Foto: Katja Beringer

Frage: 1981 sind Sie, damals als erste hauptamtliche Mitarbeiterin, zum Frauenhaus Schweinfurt gekommen. Hätten Sie gedacht, dass es für immer sein würde? 

Gertrud Schätzlein: Niemals, eigentlich war das nicht der Plan. Ich war gerade mit dem Studium fertig, hatte meine Diplomarbeit über die Vorschulerziehung der Waldorf-Pädagogik geschrieben und dachte mir, ein Jahr könnte ich das ja mal machen. Ich habe bereits während meines Studiums für die Einrichtung eines Frauenhauses in Würzburg gekämpft und dort ein Jahr ehrenamtlich gearbeitet. Das Konzept des Trägers dort, das damals als oberstes Ziel sah, die Familien wieder zusammenzuführen, konnte ich nicht mittragen. Es geht in erster Linie um die Frauen und Kinder, die Gewalt erfahren. Deshalb bin ich, wie andere auch, ausgestiegen. Zu dem Trägerverein "Frauen helfen Frauen e.V." in Schweinfurt hatte ich schon vor der Gründung des Frauenhauses Kontakt, habe die Kolleginnen bei Öffentlichkeitsveranstaltungen unterstützt. Ein halbes Jahr nach der Eröffnung des Würzburger Frauenhauses wurde das in Schweinfurt eröffnet und ein Jahr später kam ein Anruf aus Schweinfurt, man suche eine Mitarbeiterin. Nun ja, ich dachte mir, ein Jahr kannst du ja mal nach Schweinfurt fahren. Der Anfang war nicht leicht. Während der eigentlichen Arbeit, gewaltbetroffene Frauen und deren Kinder zu unterstützen und zu begleiten, mussten wir uns um den Aufbau des Frauenhauses kümmern.

Gab es Momente, in denen sie gerne einfach  aufgegeben hätten?

Schätzlein: Ich war oft verzweifelt, dass es niemanden zu interessieren schien, unter welchen Bedingungen die Frauen und Kinder in den ersten fast 15 Jahren des Schweinfurter Frauenhauses wohnen mussten. Zu Spitzenzeiten teilten sich sieben Frauen mit elf Kindern zweieinhalb Schlafzimmer, eine Küche, eine Wohndiele und ein Badezimmer. Es war ein Matratzenlager, zwischendrin unser Büro, wo wir kaum in Ruhe Beratungsgespräche und Telefonate führen konnten. Gleichzeitig wurde die Notwendigkeit der Einrichtung offen angezweifelt, die Gewalt heruntergespielt, den misshandelten Frauen oft eine Mitschuld für die Gewalttätigkeit des Mannes gegeben. Was mich getroffen hat, waren Aussagen, ich würde mich nur wegen meiner eigenen Arbeitsstelle engagieren.

Gab es Momente, in denen Sie Angst hatten oder einfach nur wütend waren?

Schätzlein: An Angst um mich kann ich mich nicht erinnern. Aber wütend war ich öfters. Ich erinnere mich da besonders an die Aussage einer Stadträtin, die bei der Besichtigung des Frauenhauses vor dem Umzug ihr Unverständnis darüber äußerte, dass die Ausstattung "für diese Frauen" unverhältnismäßig hoch sei. Das war so etwas, das mich wütend gemacht hat, genauso wie die immer wieder gegen besseres Wissen fortgeführte Aussage, unsere Hauswirtschafterin würde für die Bewohnerinnen kochen und putzen. Das tut sie natürlich nicht, das Frauenhaus ist ja kein Heim.

Knapp 40 Jahre Frauenhaus, wie hat sich die Einrichtung entwickelt?

Schätzlein: Mit dem Umzug ins jetzige Frauenhaus vor 25 Jahren konnten wir vor allen Dingen die Wohnbedingungen verbessern. Unser Frauenhaus war damals das räumlich am besten ausgestattete in Bayern. Nur zwei Frauen teilen sich eine von insgesamt acht Dreizimmer-Wohnungen, das trug wesentlich dazu bei, dass sich die schwer belasteten Frauen und Kinder auch einmal zurückziehen können, aber trotzdem nicht alleine sind. Aus Spendengeldern finanzieren wir eine Mitarbeiterin für die Hausorganisation, die dazu beiträgt, dass die Frauen bei ihrem Einzug ansprechende Wohnbedingungen vorfinden. Wir haben heute mehr, aber nicht genug Mitarbeiterinnen. Insgesamt sind es 3,5 pädagogische Stellen im Frauen- und Kinderbereich. Das Frauenhaus ist etabliert, mit allen entscheidenden Stellen vernetzt – von der Polizei über Beratungsstellen, Ämter wie das Jugendamt oder Sozialamt, Ärzten bis hin zum Familiengericht. Sie schätzen unsere Arbeit, darüber sind wir froh. Wir brauchen die Zusammenarbeit, um die gewaltbetroffenen Frauen angemessen unterstützen zu können.

Aus einem Jahr wurden 38. Wie ist es, das Frauenhaus nun für immer zu verlassen?

Schätzlein: Ich wusste immer, dass ich 65 werde. Dass dies das Ende meines Arbeitslebens im Frauenhaus bedeuten würde, habe ich lange verdrängt. Ich bin froh, dass ich die Gelegenheit hatte, noch ein Jahr dranzuhängen, denn es standen schwierige Entscheidungen an.  Wir sind ja personell nicht so üppig ausgestattet. Für geschäftsführende und Leitungsaufgaben sind – wie für vieles andere – in den bayerischen Frauenhausförderrichtlinien keine Personalstunden vorgesehen. Ich bin froh, dass ich mich langsam zurückziehen konnte, nachdem wir mit Ute Hofmann eine Nachfolgerin für die fachliche Leitung gefunden hatten. Das Thema "Verbesserung der Hilfe für Gewalt gegen Frauen" und die Information der Öffentlichkeit werden mich auch nach meiner hauptamtlichen Zeit weiter beschäftigen. Im Moment bin ich dabei, mich überall zu verabschieden. Und es ist auch gut so, die Arbeit ist schon anstrengend und ich freue mich auf die Freizeit, die ich dann haben werde.

Sie haben das Thema schon angesprochen. Die Finanzierung war und ist ein Problem, das sich durch die Jahre durchzieht. Warum tut sich die Politik so schwer, nicht nur in kommunalen Gremien?

Schätzlein: Der Stellenwert des Schutzes gewaltbetroffener Frauen und Kinder ist immer noch nicht hoch genug. Alle Frauenhäuser in Deutschland sind unzureichend finanziert. Die Situation ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. Auch die Kommunen sind nicht überall so aufgeschlossen wie inzwischen bei uns. Die Finanzierung der Frauenhäuser ist vom Wohlwollen der Politik abhängig.

Eine Verpflichtung für Kommunen, zu zahlen, gibt es also nicht?

Schätzlein: Es gibt zwar die bayerischen Förderrichtlinien, keine gesetzliche Grundlage. Und die gelten seit 1993 nahezu unverändert. Erst 2018 hat sich das Land Bayern an der Finanzierung im Kinderbereich beteiligt, als Schritt eins eines drei-Stufen-Plans. Übrigens: Eine geregelte Finanzierung des Hilfesystems fordert das 2011 ausgearbeitete Übereinkommen des Europarat zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Dieses Abkommen, die sogenannte Istanbulkonvention, hat die Bundesrepublik erst 2018 ratifiziert und sich damit verpflichtet, verbindliche Maßnahmen durchzusetzen. Wir müssen uns auf allen Ebenen einsetzen, dass dieser völkerrechtlich bindende Vertrag in Deutschland wirksam wird.

Bundesweit, heißt es, fehlen tausende Plätze. Der Grund: die fehlende Finanzierung. Wie sieht es in Schweinfurt aus?

Schätzlein: Wir haben, gemäß der staatlichen Frauenhausrichtlinien, zwölf Frauenplätze. Und das für ein so großes Gebiet wie die Region Main-Rhön mit ihren rund 436 000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Im Jahr 2017 konnten wir nur 31 Frauen neu aufnehmen, 68 mussten abgewiesen werden, weil Kapazitäten fehlten, 25 weitere Frauen aus anderen Gründen. Das ist immer schwierig. Wir versuchen dann, mit den Frauen Lösungen zu suchen. Das kann ein anderes Frauenhaus sein, wobei es in den anderen unterfränkischen Häusern in Aschaffenburg und Würzburg genauso meist genauso aussieht. In akuten Situationen hat die Polizei heute zunehmend mehr Möglichkeiten, dem gewalttätigen Mann einen Platzverweis oder ein Kontaktverbot zu erteilen. So kann die Frau Zeit gewinnen, dazu benötigt sie aber zusätzlich psychosoziale Beratung, die wir ebenfalls leisten.

Wie müsste das Frauenhaus ausgestattet sein, um den Bedarf zu decken?

Schätzlein: Doppelt so viele Plätze müssten es schon in Schweinfurt sein. In der Region Main-Rhön, unserem Einzugsgebiet, wären es nach den Empfehlungen des Europarats, die einen Frauenhausplatz für 7500 Einwohnerinnen und Einwohner vorsieht, sogar 58 Frauenplätze. Meistens müssen wir doppelt so viele Frauen abweisen wie wir aufnehmen können. Das Frauenhaus müsste auch barrierefrei sein, denn beeinträchtige und behinderte Frauen sind besonders stark von Gewalt betroffen. Und wir bräuchten Platz für Frauen mit mehr als zwei Kindern und für Frauen mit älteren Söhnen. Jetzt können nur Jungs bis zum Alter von 14 Jahren aufgenommen werden. Für manche Frau ein Grund, nicht ins Frauenhaus zu gehen.

Das Frauenhaus ist eine Zuflucht auf Zeit. Was kommt danach, wer hilft den Betroffenen?

Schätzlein: Die Nachbetreuung ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit. Wenn eine Frau eine Wohnung gefunden hat, was auch in Schweinfurt oft viel zu lange dauert, sind die Sorgen nicht vorbei. Gerichtsverfahren sind noch nicht abgeschlossen, gewalttätige Männer belästigen oder bedrohen die Frauen erneut. Der Kampf um das Sorgerecht für die Kinder hört lange nicht auf. Wir bleiben Ansprechpartnerinnen, bieten wöchentliche Treffen für Ehemalige in unserer Beratungsstelle, versuchen aber auch an andere Beratungsstellen und Einrichtungen zu vermitteln. 

Der Umgang mit Gewalt gegen Frauen, hat er sich in den vergangenen Jahren verändert?

Schätzlein: Vieles hat sich zum Positiven verändert, es gibt mehr Beratung, mehr Information, das Problem wird nicht negiert, aber es fehlt eine klare Haltung gegen Gewalt an Frauen. Der Stellenwert zeigt sich an der unzureichenden Finanzierung. Wie hoch die gesundheitlichen Folgen der Gewalt und wie gravierend die Auswirkungen auf die Kinder sind, wird unterschätzt.

Gewalt gegen Frauen – immer noch ein großes Thema?

Schätzlein: Sie ist ein unverändert großes Problem in der Gesellschaft, aber nicht unbedingt ein großes Thema. Gewalt kommt in allen Bevölkerungs- und Altersgruppen, in allen Schichten vor. Laut einer Studie der Bundesregierung haben 42 Prozent aller befragten Frauen Formen von psychischer Gewalt erlebt, rund 25 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen wurden Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt. Die Studie stammt aus 2004. Doch verändert hat sich an der Situation nicht viel. Jede Kommune müsste klar Stellung gegen Gewalt an Frauen und häusliche Gewalt beziehen, das würde ich mir auch für 2020, wenn das Schweinfurter Frauenhaus 40 wird, wünschen. Ein klares Bekenntnis, dass sich die Region Main-Rhön gegen Gewalt an Frauen positioniert.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten . . .

Schätzlein: Ich würde mir wünschen, dass jede bedrohte und misshandelte Frau mit und ohne Kinder jederzeit Schutz und Unterstützung bekommt. Dass die politisch Verantwortlichen in unserer Region ernsthaft die Beseitigung der Hürden, die Frauen auf diesem Weg überwinden müssen, betreiben.

Das Frauenhaus Schweinfurt
Am 1. Juli 1980 eröffnete der Verein "Frauen helfen Frauen" das Frauenhaus. Die ersten Mieten werden durch Spenden finanziert. Den Betrieb stemmen elf Monate lang ehrenamtliche, bis 1981 die erste Mitarbeiterin eingestellt wird, zwei weitere folgen etwas später.
Seit 1983 bezuschusst die Stadt das Frauenhaus, seit 1989 schießt der Freistaat eine Förderung zu, seit 1990 beteiligen sich die Landkreise Schweinfurt, Bad Kissingen, Haßberge und Rhön Grabfeld.
1994 zieht das Frauenhaus von der Luitpoldstraße ins neue Haus um. Das Mietshaus hat acht Drei-Zimmer-Wohnungen mit Garten, im Erdgeschoss einen Beratungsbereich. Die Beratungsstelle des Vereins "Frauen helfen Frauen" ist ausgegliedert, sie hat ihren Sitz in der Cramerstraße.
1995 wird eine Vereinbarung mit den kommunalen Zuschussgebern getroffen. Alle bezuschussen das Frauenhaus zu gleichen Teilen, insgesamt aber reduziert sich die Förderung.
Weitere Frauenhäuser in Unterfranken gibt es in Aschaffenburg und Würzburg, wo zwei Einrichtungen, einmal unter der Trägerschaft der AWO, das andere unter der des Sozialdienstes katholischer Frauen ebenso viele Plätze bieten wie Schweinfurt. Was die Fläche betrifft, die zu seinem Einzugsbereich gehört, ist das Schweinfurter Frauenhaus das größte in Bayern.

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