Schweinfurt

Ist Schweinfurter Kinderschänder der Mädchen-Mörder von Jena?

Ein Verdächtiger in Thüringen musste mangels Beweisen freigelassen werden –und wurde auf Anordnung der unterfränkischen Staatsanwalt gleich wieder verhaftet.
Eine Polizistin richtet im Januar 2019 bei einer Pressekonferenz der Landespolizeiinspektion Jena zur Festnahme eines Tatverdächtigen das Bild von Ramona, die im August 1996 getötet wurde. Rund 23 Jahre nach dem Mord an der Zehnjährigen hatte die 'Soko Altfälle' einen Verdächtigen gefasst. 
Eine Polizistin richtet im Januar 2019 bei einer Pressekonferenz der Landespolizeiinspektion Jena zur Festnahme eines Tatverdächtigen das Bild von Ramona, die im August 1996 getötet wurde. Rund 23 Jahre nach dem Mord an der Zehnjährigen hatte die "Soko Altfälle" einen Verdächtigen gefasst.  Foto: Michael Reichel, dpa

Hartnäckige Ermittlung oder übertriebener Fahndungseifer? Der Fall im thüringisch-fränkische Grenzgebiet sorgt für ähnlichen Wirbel wie der ebenfalls bislang ungeklärte Fall "Peggy". Im 23 Jahre alten Mord an der zehnjährigen Ramona aus Jena hatten Ermittler im Januar 2019 in Thüringen den 76-jährigen Wilfried M. festgenommen – einen in Schweinfurt vorbestraften Kinder-Vergewaltiger. Die  Schweinfurter Justiz hatte M. bereits 1999 für gewaltsame sexuelle Übergriffe an vier Mädchen für 15 Jahre hinter Gitter und danach in Sicherungsverwahrung gebracht. 1996 war auch jener Mord von Jena passiert, der ins Schema der Taten von M. passte: Denn mit ähnlicher Vorgehensweise und Opfern im gleichen Alter hatte er vier Mädchen zwischen neun bis zwölf Jahren vergewaltigt. Drei hat er beim Spielen überfallen, eines auf dem Heimweg von der Schule vom Fahrrad geholt. Die Tatorte lagen in Unterfranken, in Brandenburg und in Sachsen-Anhalt.

Erneut unter Verdacht

M. war erst vor etwa zwei Jahren aus der Sicherungsverwahrung entlassen worden – unter strengen Auflagen, weil er als Rückfall gefährdeter Sexualstraftäter galt. Schnell geriet er wieder in den Verdacht, der Mörder von Ramona gewesen zu sein, was M. jedoch bestritt. Danach suchten verdeckte Ermittler gezielt Kontakt zu ihm, um herauszufinden, was er über den Mord an Ramona weiß. Die Zehnjährige war im August 1996 verschwunden. Im Januar 1997 wurde ihre Leiche 130 Kilometer entfernt in einem Wald in Thüringen gefunden worden. M. war wegen einschlägiger Vorstrafen bekannt und hatte 1996 in der Nähe des Einkaufscenters in Jena gewohnt, bei dem Ramona letztmals lebend gesehen worden war.

Um sein Vertrauen zu gewinnen, gaben sich jetzt laut Oberlandesgericht (OLG) in Jena die Ermittler als Mitglieder eines internationalen Mädchenhändlerringes aus. Sie sollen dem 76-Jährigen vorgemacht haben, sie könnten "jemanden besorgen, der gegen ein Entgelt für den Beschuldigten ins Gefängnis gehe". Die Person habe Krebs und wolle mit dem Geld ihre Familie versorgen. Damit der Krebskranke ein glaubhaftes Geständnis ablegen könne, müsse er aber konkrete Informationen über die Tat bekommen.

Verdächtiger demonstrierte Spezialknoten

So sei den Ermittlern gelungen, M. am Fundort von Ramonas Leiche zur Mitwirkung einer "Tatrekonstruktion" zu bewegen. Dabei hatte er einen Spezialknoten zum Fesseln vorgeführt, was die Ermittler per Video dokumentierten.

Nun die Überraschung: An diesem Punkt hätten die Polizisten dem Beschuldigten eine Falle gestellt, die ihre Befugnisse überschritt, so das OLG in Jena bei einer Haftprüfung. Deshalb kam M. in der vorvergangenen Woche aus der Untersuchungshaft frei. "Nach Auffassung des OLG besteht kein dringender Tatverdacht gegenüber dem Beschuldigten", sagte ein Sprecher der Justiz. Die gesammelten Beweise könnten vor Gericht nicht verwendet werden.

Tat mehrfach bestritten

M. kehrte an seinen Wohnort in Sachsen zurück. Aber er blieb nur eine Woche auf freiem Fuß. Denn die Staatsanwaltschaft Schweinfurt beantragte am vergangenen Freitag erneut die Festnahme – offiziell allerdings nicht wegen des Mordfalls Ramona. Die Schweinfurter Justiz hatte die Bedingungen zu überwachen, unter denen M. ursprünglich aus der Sicherungsverwahrung entlassen worden war. Dazu gehörte das Verbot, sich jungen Mädchen zu nähern. Man habe wegen Verstoßes gegen Bewährungsauflagen Haftbefehl beantragt, bestätigte die leitende Oberstaatsanwältin Ursula Haderlein in Schweinfurt auf Nachfrage von Medien.

Zeit gewonnen, um Beweise zu sammeln

Zumindest gibt die Schützenhilfe aus Unterfranken den Ermittlern nun Zeit, nach weiteren Beweisen zu suchen. Durch den OLG-Beschluss wurde bekannt: M. hatte sich bei seiner ersten Befragung 1996 wie auch später darauf berufen, mit der Tat nichts zu tun zu haben. Der Rentner gilt nach dpa-Informationen jedoch weiterhin als Tatverdächtiger. Die zuständige Staatsanwaltschaft Gera erklärte, dass im Mordfall Ramona weiter ermittelt werde.

Der Fall sorgte im Thüringer Landtag für heftige Auseinandersetzungen darüber, wie weit die Befugnisse verdeckter Ermittler gehen dürfen. Der Fernsehsender MDR sah sich zeitweise Vorwürfen der Funke-Mediengruppe ausgesetzt, sich an dem Täuschungsmanöver gegen den Verdächtigen mit einer fingierten Polizeimeldung beteiligt zu haben. Der MDR wies dies zurück.

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