Schweinfurt

Jazzival in der Disharmonie: Aufbruch in vitale  Klangwelten

Hochspannungs-Jazz mit „Stephan-Max Wirth Experience“. Stücke mit filigranem Auftakt, die sich mitunter in einen brodelnden Hexenkessel steigern.
Jazz pur: Das "Stephan-Max Wirth Experience" Quartett in der Disharmonie. Im Bild von links Jaap Berends, Bub Boelens, Florian Hoefnagels und Stephan-Max Wirth.  Foto: Manfred Herker

Ein Wiederhören mit der vitalen und schillernden Klangwelt des Berliner Komponisten und Saxofonisten Stephan-Max Wirth brachte das Konzert mit seinem Quartett in der Disharmonie. Wirth standen drei holländische Musikerfreunde, die er seit seinem Studium in Arnheim kennt, musikalisch zur Seite. Jaap Berends (E-Gitarre), Bub Boelens (E-Bass) und Florian Hoefnagels (Schlagzeug) bildeten gemeinsam mit Wirth das Jazz-Quartett. Wirth vermeidet nicht nur in seinen Kompositionen jede Oberflächlichkeit, seine Stücke sind oft klingende Statements, immer klar und expressiv.

Musikalisch eine zweite Sonne über Europa gesetzt

Wie etwa im Opener "Second Sun" aus seinem Konzeptalbum "Calling Europe", das von den Anschlägen auf die Redaktion der Zeitschrift "Charlie Hebdo" inspiriert wurde. Hier geht es wohl um die Hoffnung, dass eine zweite Sonne über ein Europa ohne Gewalt aufgehen möge. Musikalisch ausgedrückt wird dies durch zwei gleichzeitig ertönende, aber verschiedene  Melodien von Tenorsaxofon und Gitarre über wechselnden Moll-Modi.

Aus der gleichen CD folgt "Winter in Paris", eine von den Attentaten geprägte Ballade, ein Bezug auf das swingende Jazzthema "April in Paris", das unbeschwerte Lebensfreude ausstrahlt. In einem großen Solo klagt Wirths Altsaxofon fast schreiend eine wehmütige Melodie. Auch "Zoom" gehört zu diesem Programmabschnitt, rasende Unisono-Passagen von Gitarre und Saxofon wechseln zu expressiven Dialogen zwischen verzerrter Gitarre und dem pulsierenden Bass von Bub Boelens, oder zwischen Gitarre und dem Energie sprühenden, vorwärts drängenden Schlagzeug von Florian Hoefnagels.

Neue Musik zum Bauhaus Jubiläum

Dann Wirth-Kompositionen, die er anlässlich des diesjährigen Bauhaus-Jubiläums schrieb. "Akapella" ist eine Erinnerung an die Bauhaus-Kapelle jener Jahre, in der auch Oskar Schlemmer mitspielte. Nach dem Thema im Swing-Stil beginnt Wirth mit expressiven Saxofon-Kaskaden, die sich im Double-Time-Teil zu wilden Gipfelstürmereien steigern. Die "Ballade Triadique" erinnert an das "Triadische Ballett" der Bauhausepoche. Das im piano gehaltene melodiöse Thema –Schlagzeuger Hoefnagels jetzt mit Filzklöppeln und Besen – strahlt Ruhe und Frieden aus.

Ein Geheimnis der packenden Musik Wirths besteht darin, dass seine Kompositionen voll dynamischer Überraschungen stecken: Eben noch leises, filigranes Zusammenspiel der Vier – wie etwa im von Alice Coltrane inspirierten "In Pulse" oder in "Ellipse" – steigern sich viele Stücke zu einem brodelnden Hexenkessel. Dabei werden die Grenzen der Tonalität oft hart angesteuert, und die übereinander liegenden Rhythmen schaffen zusätzliche Dichte. Eine andere Überraschung bietet Wirth im Finale von "Space in Time": Eine wunderschöne Kadenz im klassischen Stil, die seine musikalische Meisterschaft einmal mehr unterstreicht.

Neues kreieren, aber der Stil bleibt 

Seit fast 25 Jahren ist Max-Stephan Wirth jetzt mit seiner holländischen Rhythmusgruppe auf Tour und man darf sie wirklich als eine der Top-Bands des europäischen Jazz bezeichnen. Immer geht Wirth einen Schritt weiter und kreiert Neues. "Wäre es anders, würde ich keine neue CD machen. Für einen Jazzmusiker gibt es nichts Langweiligeres als immer dasselbe zu spielen. Geblieben ist unser Stil", antwortet Wirth auf die Frage, ob und wie sich seine Musik in einem Vierteljahrhundert verändert habe.  

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