Schweinfurt

Jessy James La Fleur: Von der Freiheit für Körper und Geist

Die Berliner Wortpoetin Jessy James La Fleur war mit ihrem Soloprogramm in der Disharmonie. Warum ein Abend voller Sozialkritik trotzdem erfrischend sein kann.
Frauenpower aus Berlin: Die Wortpoetin Jessy James La Fleur überzeugte in der Disharmonie mit einem bemerkenswerten Abend auf der Lesebühne. Foto: Oliver Schikora

Sie wohnt in Berlin, stammt aus Belgien, hat in 15 Ländern gelebt, ist Autorin, Poetry Slammerin, gibt Workshops unter anderem mit Gefangenen, macht Bühnenshows – und hat eine ganze Menge zu sagen. Wortgewaltig, gestenreich, eindrucksvoll: Jessy James La Fleur und ihr musikalischer Partner Maverin zeigten auf der von Manfred Manger zum zweiten Mal in der Disharmonie organisierten Lesebühne einen beeindruckenden, bemerkenswerten, nachhaltigen Auftritt.

Beim Poetry Slam war La Fleur schon in der Wälzlagerstadt, mit ihrem Soloprogramm aber noch nicht. Eine Premiere also, sogar im Wortsinne, denn ihr Partner Felix Michael hatte Sing- und Sprechverbot wegen einer Kehlkopfentzündung. Es sprang der Forchheimer Singer und Songwriter Eugen Meisner, alias Maverin, ein und es entwickelte sich auf Anhieb ein unvergesslicher Abend, in dessen Vordergrund natürlich La Fleur stand, der aber auch den Songs aus Maverin's Feder genug Raum gab.

Jessy James La Fleur stellte ein buntes Potpourri ihres bisherigen künstlerischen Lebens zusammen und traf den Nerv der leider nur gut 40 Besucher. Viel Autobiographisches, viel  Sozialkritisches und viel zum Lachen und Schmunzeln, die ideale Mischung für einen Abend der Poesie.

Wenn sich Kinder von ihren Eltern lösen

Beim Text "Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst" fühlte sich wohl jeder angesprochen, handelt er doch vom Loslösen von zu Hause, von dem Kampf um Eigenständigkeit, um Selbstständigkeit, um Anerkennung der eigenen Persönlichkeit mit ihren Wünschen, Bedürfnissen und Meinungen, aber auch der Einsamkeit und Sehnsucht nach Heimat und zu Hause. "Warum suche ich nach Heimat, wenn sie mich doch dauernd umgibt", fragt sich La Fleur nachdenklich.

Natürlich gibt es auch Aktuelles, zum Beispiel den Text "The Revolution will not be televised" über die freitäglichen Schülerproteste für Klimaschutz und eine ökologische Wende. Gerade in solchen Texten zeigt sich La Fleurs Kunst, mit Metaphern zu spielen, Worte wirken zu lassen. "Morgen ist keine romantische Verabredung", mahnt sie, "sondern ein unwillkommener Klinkenputzer." Diese Revolution, "der Trump niemals an die Pussy fassen würde", lässt sich nicht verhindern, auch wenn es sich "doch so lange super leben ließ, auf Kosten von morgen." 

Wenn im Treppenreich der Krieg ausbricht

Brillant ihre Idee des authentischen 24-Stunden-Krieges als Selbsttest, in dem sie, der "gute Kriegsherr, der keine Begründung braucht", ihr eigenes "Treppenreich" ausruft, den Nachbarn den totalen Krieg erklärt und die Kinder anstiftet, am perfekten Tag für eine Bücherverbrennung die "Bild-Zeitung im Nebel der Druckerschwärze abzufackeln" und danach mit Böllern und Gummibärchen das Treppenhaus zu verteidigen. Bis amerikanische, englische und russische Hausbewohner sich zusammen tun und dem Spuk ein Ende bereiten. "Die Vergangenheit ruht nicht. Sie wühlt auf. Immer wieder."

Das trifft auch auf das Finale zu, in dem ihre autobiographische Geschichte "Kümmer dich" ihrer Fehlgeburt mit 16 Jahren Männer wie Frauen im Publikum schlucken lässt. Es ist ein starkes, ein mutiges, ein kontroverses Statement gegen den Paragraph 219 a im Strafgesetzbuch und für die eigenständige Entscheidung einer jeden Frau über ihren Körper. "Dieser Bauch gehört allen, die mit dem Finger auf mich zeigen". Nein, das tut er nicht.

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