KREIS SCHWEINFURT

Kein Zuckerschlecken im Jobcenter

Jeder Erwachsene, der den Regelsatz für Hartz IV bekommt, muss nach Abzug der Miet- und Nebenkosten mit 100 Euro pro Woche über die Runden kommen. Das ist kein Zuckerschlecken. Ebenso wenig vergnüglich ist auch der Arbeitsalltag derer, die im Jobcenter die Fälle verwalten und versuchen, die Leistungsempfänger wieder in Lohn und Brot zu bekommen. Von einer „Verrohung des Umgangstons“ hat der stellvertretende Leiter des Schweinfurter Jobcenters, Ralf Herre, jetzt dem Kreisausschuss berichtet.

„Die Mitarbeiter fühlen sich unwohl“, sagte Herre angesichts der jüngsten Vorfälle in Rothenburg, wo ein Mann einen Gutachter erstochen hat, und in Bad Neustadt, als ein Kunde seinen Berater mit einer (nicht funktionstüchtigen) Handgranate aufgesucht hat. Den Mitarbeitern würden Schulungen zu Gewaltprävention angeboten, zudem seien so genannte „Panikschlösser“ eingebaut, um im Ernstfall auch aus einem verschlossenen Raum flüchten zu können.

Zusätzlich machten laut Herre weitere Hemmnisse den Kollegen des Centers, das mit 31 Mitarbeitern der Agentur für Arbeit und sechs des Landratsamts bestückt ist, zu schaffen. Zum Beispiel die Bundesmittel: Binnen fünf Jahren sei das Globalbudget um fast die Hälfte zurückgegangen auf 2,3 Millionen Euro, die Zahl der Empfänger dagegen nur um ein Viertel. Dennoch sei die geforderte Quote, Personen wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren, unverändert hoch. Die angestrebten 37 Prozent nennt Herre ambitioniert: „Viele können nicht so gefördert werden, wie es notwendig wäre.“

Seit vergangenem August wird in den Jobcentern bundesweit eine neue Software eingeführt. „Mit ALLEGRO kommt ein neues Programm zum Einsatz, das alle modernen Standards erfüllt und auch den Kundinnen und Kunden des Jobcenters Vorteile bringt: Sie erhalten in Zukunft verständlichere Bescheide, die die Berechnung des Jobcenters besser nachvollziehbar machen“, heißt es in einer damals verbreiteten Presseerklärung der Bundesagentur für Arbeit.

„Viele können nicht so gefördert werden, wie es notwendig wäre.“
Ralf Herre Jobcenter für den Kreis Schweinfurt

Weil es aber keine elektronische Schnittstelle zwischen altem und neuem System gibt, müssen die Mitarbeiter die Daten ihrer Kundschaft händisch ins neue Programm einpflegen, berichtete Herre dem Kreisausschuss: „Die Belastung durch die Umstellung auf ALLEGRO und die Personalsituation ist aktuell grenzwertig.“

Herre brachte einen rechtsgültigen Bescheid einer Frau mit: ein Packen von über 130 Seiten. Weil nur sechs Bögen in einen Umschlag gesteckt werden, flattern der Empfängerin 21 Briefe aus dem Jobcenter ins Haus. Die gleiche Prozedur folgt, wenn der Bescheid geändert werden muss. „Das ist ein Witz“, entfuhr es Kreisrat Ewald Öftring (FW), freilich einer, der auf erlassene Gesetze und Vorschriften zurückgehe, ergänzte Friedel Heckenlauer (CSU) süffisant.

Insgesamt attestierte Herre seit dem Sommer 2014 entgegen dem bayernweiten Trend einen Zuwach bei den Leistungsempfängern, wenngleich ihre Gesamtzahl im Landkreis Schweinfurt auf niedrigem Niveau liege. Diese Entwicklung dürfte sich laut Herre auch 2015 fortsetzen. Etwa 2200 Personen bekommen derzeit Hartz-IV-Leistungen, von denen 1500 als erwerbsfähig eingestuft werden. Immerhin seien im vergangenen Jahr 569 Personen in sozialversicherungspflichtige Jobs vermittelt worden – fast so viele wie im Jahr davor. Herre gab zu bedenken, dass man einen „verfestigten Kundenstamm“ habe, der nur schwer vermittelbar sei. Bei ihnen gehe es in erster Linie darum, sie gesundheitlich zu stabilisieren oder umzuschulen, bevor an eine geregelte Arbeit gedacht werden kann.

Keine Hoffnung machte Herre Kreisrätin Martina Gießübel (CSU) für ihren Vorschlag, syrische Flüchtlinge als Saisonarbeiter in der Landwirtschaft einzusetzen. Dafür seien keine speziellen Angebote vorgesehen, zunächst sei an sechsmonatige Sprachkurse gedacht.

Herre erwartet derzeit nicht, dass viele der ehemaligen Zivilbeschäftigten der US-Armee im Jobcenter landen, wie Stefan Rottmann (SPD) mutmaßte. Personen, die jetzt in einer Transfergesellschaft beschäftigt sind und keinen neuen Job finden, beziehen zunächst Arbeitslosengeld I. Die Steigerung bei den Leistungsempfängern rühre vielmehr von Rückkehrern, die an ihrem vermittelten Arbeitsplatz nicht zurechtkommen.

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