GRAFENRHEINFELD

Klangliche Achterbahnfahrt

Das Brucknerorchester begeisterte eine kleine, aber feine Zuhörerschar in der Kulturhalle. Foto: Daniela Schneider

Das wunderbare Neujahrskonzert des Brucknerorchesters Coburg in der Grafenrheinfelder Kulturhalle hatte nur einen einzigen Fehler: es waren schlicht zu wenig Menschen da, die dieses großartige Ensemble erleben wollten. Schade.

Das Brucknerorchester arbeitet projektbezogen. Die enthusiastischen Musiker, die aus dem ganzen Bundesgebiet und teilweise aus den Nachbarländern kommen, treffen sich nur einmal im Jahr, um mit symphonischer Klangkraft gemeinsam zu musizieren. Eine Woche arbeiteten dann die 60 Laienmusiker mit ihrem Dirigenten Hannes Krämer, Gewinner des Dirigentenwettbewerbs San Gemini 2006, an großen symphonischen Werken.

Der Name ist zwar Programm, doch wenn auch Bruckner draufsteht, ist bei dem Orchester natürlich mehr als nur Bruckner drin. In diesem Jahr war es Dimitri Schostakowitsch, der bereits zum zweiten Mal von dem Projektorchester zu Gehör gebracht wurde. Auf dem Programm stand die Sinfonie Nr. 10 in e-Moll, op. 93, ein viersätziges Werk mit großer symbolischer Ausdruckskraft und vielen Eigentümlichkeiten.

Die Sinfonie erhebt sich so düster wie die Gedanken ihres Komponisten im stalinistischen Russland, ein komplexes Werk, mit einem der „brutalsten Scherzo“, wie es Dirigent Krämer eingangs formulierte, voller harter Marschrhythmen, Trommelklänge und dissonanten Blechbläserakkorden. Eine schwere Kost voller Dramatik und Tragik und dunkler Töne, immer wieder aufgebrochen von solistischen Höhenflügen, von „unbekümmerten Klarinetten und sorglosen Violinen“, wie es im Programmheft hieß.

Mit sicherer Hand führte Dirigent Hannes Krämer sein Orchester, das heuer auch mit vielen neuen jungen Gesichtern besetzt war, durch das höchst schwierige Metier. Das finale Allegro Spirituoso verlangte den Mitwirkenden zum triumphalen Ende der Sinfonie alles ab, ließ aber einen Hauch von Ratlosigkeit zurück.

Dramatik, Trauer und Düsterheit

Denn auch wenn sich nach all der Dramatik, Trauer und Düsterheit zarte Hoffnungsschimmer erahnen lassen und positive Momente im Gedächtnis bleiben, ist es wohl doch eher die Kraft der Musik, die zumindest symbolisch die Unterdrückung besiegt. Auch wenn Josef Stalin ein dreiviertel Jahr vor der Uraufführung im Dezember 1953 verstorben war. Eine knappe Stunde dauerte die klangliche Achterbahn der Gefühle. Sie ließ am Ende begeisterte Zuhörer zurück, die sich beim Verlassen der Kulturhalle ratlos fragten, warum dieses tolle Orchester – zumal bei freiem Eintritt – nicht die Zuschauer bekommen hatte, die es sich musikalisch so redlich verdient hätte.

Im nächsten Jahr will das Brucknerorchester zum Abschluss der Probezeit wieder ein Konzert in der Grafenrheinfelder Kulturhalle geben. Freunde der symphonischen Musik können sich schon jetzt den 3. Januar 2018 im Kalender dick anstreichen.

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