Schweinfurt

Klare Kante gegen Gewalt: „Wir brauchen mehr Zivilcourage“

„Es gibt keine Zahlen, wie häufig Kolleginnen und Kollegen Gewalt am Arbeitsplatz erleben“, kritisierte die Vorsitzende der ver.di-Frauen Schweinfurt, Kathi Petersen, bei ihrer Begrüßung zur Expertenrunde anlässlich des internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen. Dennoch müsse man davon ausgehen, dass die Übergriffe, Bedrohung und Beschimpfungen zunehmen, heißt es in der ver.di-Pressemitteilung. „Wir haben drei Experten eingeladen, die aus ihren Bereichen schildern, wie sich Gewalt am Arbeitsplatz auswirkt und vor allem was wir alle dagegen tun können“, so Petersen.

Der Vorsitzende der BLLV Unterfranken, Gerhard Bleß, schilderte, dass die Zahlen zunehmen. Dies werde schon alleine durch die gestiegene Nachfrage nach Rechtsberatung im BLLV deutlich. Dieser gab bei Forsa gemeinsam mit seinem Bundesverband VBE eine Umfrage in Auftrag: Demnach erlebte im vergangenen Jahr jede fünfte Lehrerin, quer über alle Schularten, psychische Gewalt.

Vier Prozent sind Opfer von körperlichen Übergriffen, heißt es in der Umfrage. Das mag nicht viel klingen, so Bleß, bedeute aber, dass 500 Lehrkräfte in Unterfranken in den vergangenen fünf Jahren körperliche Gewalt erlebt hätten. Wichtig dabei: 60 Prozent dieser körperlichen Gewalt gehe von Eltern aus, fasste Gerhard Bleß die Ergebnisse der Umfrage zusammen.

Übergriffe auf Lehrer und Pfleger

Der Vorsitzende des Gesamtpersonalrats des Bezirks Unterfranken, Dieter Rottmann, ergänzte die Perspektive des Pflegepersonals. „Auf unseren geriatrischen Stationen werden Kolleginnen und Kollegen immer wieder getreten oder geschlagen. Das darf natürlich auch nicht sein, aber hat meist keine langfristigen Folgen. Denn die Kolleginnen und Kollegen wissen, dass Patienten, die beispielsweise an Demenz leiden, dies nicht gegen sie als Person richten, sondern dass dies ihrer Krankheit geschuldet sei“, schildert Rottmann. Gravierender seien Tätlichkeiten und massive Bedrohung auf den akut psychiatrischen und forensischen Stationen. Diese lösen häufig auch Traumata bei den Beschäftigten aus.

Die Polizeihauptkommissarin Martina Braum aus Röthlein beschrieb ebenfalls eine Zunahme von Gewalt. „Wir sind hier in einem besonderen Bereich. Natürlich üben wir auch als Polizeibeamte Gewalt aus. Aus diesem Grund sind innerhalb der Organisation entsprechende Maßnahmen getroffen wurden, damit dies nicht ungerechtfertigt geschieht.“

BodyCams für Polizisten

Auf der anderen Seite seien Polizeibeamte immer mehr Übergriffen und Beleidigungen ausgesetzt. „Früher waren insbesondere die verbalen Bedrohungen an die Uniform adressiert, nun erleben wir dies auf immer persönlicherer Ebene, auch sexualisierte Gewalt“, beschrieb Braum. Eine Verbesserung erlebe sie durch die Body Cams. „Die Einführung habe ich intensiv als Personalratsmitglied begleitet, da die Kameras natürlich auch viele Fragen für die Kolleginnen und Kollegen aufgeworfen haben."

Stefan Adamski aus dem Hauptpersonalrat des Zolls beschrieb ebenfalls seine Erfahrungen. „Wichtig für mich ist, mit allen auf Augenhöhe zu sprechen.“ Adamski kritisierte die Zunahme an Gewalt, unabhängig ob verbale, psychische oder körperliche hänge mit zunehmender Individualisierung zusammen. „Alle die Gewalt ausüben, stellen sich über uns als Gemeinschaft. Regeln gelten für andere, nicht für einen selbst. Dies sei treffe auch auf die Staaten zu, die zunehmend in Nationalismus abgleiten“, so Adamski.

Aktive Prävention

Moderation Marietta Eder, stellvertretende Geschäftsführerin von ver.di Schweinfurt, wollte von den Experten wissen, was gegen Gewalt in den Schulen, Dienststellen und Krankenhäusern gemacht werde. „Müssen wir das Schweigen durchbrechen, um aktiv gegen Gewalt am Arbeitsplatz vorgehen zu können?“ fragte Eder. Rottmann stimmte zu. Er beschrieb, dass auf allen Ebenen etwas gemacht werden müsse.

Betrieblich sei auch mittel- und langfristiges Beratung nötig. „Wir setzen uns aktiv mit dem Arbeitgeber auf Prävention. Das fängt schon in der Ausbildung an.“ Auch Gerhard Bleß unterstrich wie wichtig, das Durchbrechen des Schweigens sei. „Die meisten Lehrkräfte glauben, Gewalt betreffe nur sie und empfinden dies als eigene Schwäche. Wir müssen darüber reden, um Verbesserungen zu erreichen“, so Bleß. Polizeihauptkommissarin Braum ergänzte, dass Führungskräfte sensibilisiert sein müssen und aktiv handeln müssen.

Gemeinsam mit dem Publikum waren sich Braum, Rottmann und Bleß einig: Wir als Gesellschaft müssen handeln und klare Kante gegen Gewalt. „Wir brauchen mehr Zivilcourage“, forderte Braum. Jede und jeder sei täglich gefordert. Auf allen politischen Ebenen forderten die Experten mehr Personal, ob multiprofessionelle Teams an Schulen, mehr Personal in unseren Krankenhäusern oder mehr Polizeibeamte, heißt es in der Pressemeldung. „Wir halten die Gesellschaft zusammen, das können wir nur tun, wenn wir entsprechend viele sind“, fasste Marietta Eder zusammen.

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