Niederwerrn

Kleingartenanlage in Niederwerrn feierte 40-jähriges Bestehen

Die Niederwerrner Kleingartenanlage verbindet heute "deutsche" und "russische" Gartenkultur. Es gibt riesigen Ochsenherz-Tomaten und "Biogurken".
Ein Gewächs des "Jahr des Kindes" 1979: Alexander Hense, Johann Schmidt und Peter Heusinger (von links), vor dem Gedenkstein, der an die Gründung des Kleingarten-Spielplatzes vor 40 Jahren erinnert. Foto: Uwe Eichler

"Kalinka, Kalinka, Kalinka mein, im Garten ist die Beere, die Himbeere mein": Schon im bekanntesten russischen Volkslied geht es um den Stolz aufs eigene Beet und seine Erzeugnisse (inklusive dem Herzbeerchen, der Kalinka). Die Deutschen wiederum haben ihren Schrebergarten, benannt nach dem strengen Pädagogen Moritz Schreber, der Stadtkinder "durch körperliche Ertüchtigung" zu Naturfreunden erziehen wollte. Eigentlich war es 1864 ein Leipziger Spielplatz, der "Schreberplatz", aus dem sich der Inbegriff einer heimischen Kleingartenanlage entwickelte.

Auch  die Niederwerrner Kleingartenanlage ist vor 40 Jahren aus einem Spielplatz hervorgegangen, der vom "Dramatischen Verein" gestiftet worden war: im weltweiten "Jahr des Kindes" 1979. Heute hört man an der Hellmuthstraße Deutsch und Russisch: "Zehn der 15 Parzellen gehören Spätaussiedlern", sagt Alexander Hense als Vorsitzender des Vereins, der selbst aus Kokschetau in Kasachstan stammt, unweit der Hauptstadt Nursultan (dem früheren Astana). Der Altbürgermeister und Initiator der Kleingartenanlage war selbst schon auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion unterwegs, wo Verwandte gearbeitet haben oder noch arbeiten. "Es ist ein Beispiel für gelungene Integration", meint Heusinger zum hohen Anteil an "Russlanddeutschen" in der Gartenanlage. Viele stammen allerdings aus Kasachstan, Nachbar Johann Schmidt, der spontan vorbeischaut, aus Karaganda.

Wahlversprechen eingelöst

Als Bürgermeister Heusinger 1979 ein Wahlversprechen einlöste und zwischen Aussiedlerhöfen, Gartenweg, Hellmuth-, Wieland- und Hainleinstraße Platz für Schrebergärten bereitstellte, hätte sich noch niemand träumen lassen, dass sie einmal überwiegend von (ehemaligen) Sowjetbürgern genutzt werden würde. Aus 60 Bewerbern wurden 16 Kleingärtner ermittelt. "Die Leute haben sich im Ratssaal gedrängt", erinnert sich der damalige Rathauschef. Erster Vorsitzender des Kleingartenvereins wurde Wolfgang Müller, Alfred Schleyer zweiter, Max Gackstatter dritter Vorsitzender (sein Grundstück dient mittlerweile als Gemeinschaftsgarten, in dem eine zeitlang die Sommerfeste gefeiert wurden).

Beim Nachbarn des Vereinsvorsitzenden gedeihen die Tomaten prächtig. Foto: Uwe Eichler

In über 2500 Stunden ehrenamtlicher Arbeit wurde das umzäunte Areal angelegt, mit Unterstützung der Gemeinde, die unter anderem die Geräte zur Verfügung gestellt hat. Von der Hainleinstraße her wurde Mutterboden angeliefert. Am 21. September 1980 erfolgte die offizielle Übergabe, zusammen mit Landrat Karl Beck. Als Schirmherr fungierte der CSU-Bundestagsabgeordnete und spätere Wirtschaftsminister Michael Glos. Es war eine Blütezeit deutscher Kleingartenkultur: Das Niederwerrner Gärtner-Paradies heimste 1981 und 1983 erste Plätze bei einem Landeswettbewerb ein, auf Bundesebene rangierte man immerhin an dritter Stelle.

Der Aushang an der Gerätehalle vermeldet noch immer penibel Ruhestunden, die Benutzungszeiten der Motorgeräte, Bedarf an Rasenmähen und sonstigen Arbeitseinsätzen oder die allgemeine "Hausordnung". Ansonsten herrscht schon ein wenig Petersburger Atmosphäre, zwischen prachtvollen Blumenbeeten und Pflanzkübeln in Schwanenform. Zar Peter der Große, der Ost und West miteinander verbinden wollte, soll die Datschen-Kultur nach Russland eingeführt haben. Nach der Gründung von St. Petersburg schenkte er seinen Adeligen Sommerresidenzen vor der Stadt, als "Datschen", frei übersetzt "kleine Gaben."

Tomaten wie aus Tschernobyl

Kleine Geschenke, in Form einer riesigen Ochsenherz-Tomate und "Biogurken", erhält man auch von Johann und seiner Frau. Der andere Nachbar von Alexander Hense stammt als Krimdeutscher aus der Nähe von Feodosija. "Tomaten wie aus Tschernobyl", sagt Alexander Hense, begeistert ob der Größe. Bei Henses gibt es einen kleinen Kartoffelacker, einen Teich mit Goldfischen und, ebenfalls zum Versuchen, purpurne, süße Weintrauben. Vor allem während der Umbruchszeit in der Sowjetunion war die "typisch russische" Datscha Garant für Selbstversorgung, mit Obst und Gemüse. So richtig könne man Datschen und Kleingärten aber nicht miteinander vergleichen, findet der Vereinsvorsitzende, der seit einem Vierteljahrhundert in der alten Heimat Deutschland lebt. In Russland fahre man schon ein paar Stunden bis zum Ferienhaus im Grünen.

Auf Sommerfrische in Sibirien, bei Verwandten nahe Tomsk, sei es ihm mal passiert, dass ihm plötzlich ein Bär gegenüberstand, erinnert sich Hense, beim Angeln. Er habe sich aber wieder getrollt. An der Hellmuthstraße steht man höchstens Beeren gegenüber. Übernachtung ist im Gärtenhäuschen ebenfalls nicht erlaubt, zumindest offiziell. Auch wenn seinerzeit eine geplante Erweiterung, auf der anderen Seite der Hellmuthstraße, nicht zustande gekommem ist, scheint die Zukunft gesichert: "Die Warteliste ist lang", sagt Peter Heusinger, der nichts dagegen hätte, wenn auch der Nichtaussiedler-Anteil wieder etwas anwachsen würde, gerade im Sinne des Miteinanders und der Integration.

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