Schweinfurt

Klimapolitik in Schweinfurt: Was für Schüler wirklich wichtig ist

Umweltpolitische Podiumsdiskussion im Alexander-von-Humboldt-Gymnasium mit Vertretern der im Stadtrat vertretenen Parteien. Warum der Bus bislang schlechte Chancen hat.
Alle Fraktionen auf einem Podium. Unter Moderation von Helen Sesterhenn (links) und Alicja Ebert, diskutierten weiter von links Sinan Öztürk (Linke), Adi Schön (Freie Wähler), Marietta Eder (SPD), Georg Wiederer (FDP), Johanna Häckner (Grüne), Sebastian Madeiski (AfD), Sebastian Remelé (CSU) und Ulrike Schneider (Initiative Zukunft) über städtische Klimapolitik. Frank Pfeffermann (Dritter von rechts) hat als Fachleiter Sozialkunde das Projekt begleitet. Ganz rechts im Bild Schulleiter Klemens Alfen. Foto: Helmut Glauch

Kommunalpolitiker klagen gerne, dass sie zu wenig mit jungen Menschen in Kontakt kommen, weil sie zwar von der Kindergarteneinweihung bis zur Jubilarehrung  viel herumkommen, aber den Nachwuchs an der Schwelle zum Erwachsenenalter eher weniger zu Gesicht bekommen.  Ein Paradebeispiel, dass es auch anders geht, war am Freitag im Alexander-von-Humboldt-Gymnasium zu erleben.  Die Umwelt-AG des AvH hatte zur Podiumsdiskussion geladen, um zu hören, wie die im Stadtrat vertretenen Parteien in Sachen kommunaler Klimapolitik ticken.    

Frische Fragen von gut vorbereiteten Schülern

Eine Diskussionsrunde, keine zwei Monate vor der Kommunalwahl, aber dennoch nicht getrieben vom Wahltermin, denn die meisten der mehr als 200 Oberstufenschüler, die in der Aula die Veranstaltung verfolgten, dürfen erst bei der nächsten Kommunalwahl ihre Kreuzchen machen.  Also eher Unterrichtsstunden in Sachen politischer Bildung, die der Information künftiger Wähler dienen, so der Fachleiter Sozialkunde Frank Pfeffermann, der gemeinsam mit der Umwelt-AG den Vormittag organisierte. Es wurde in jeder Hinsicht eine "politische Lehrstunde im besten Sinne", wie Schulleiter Klemens Alfen nach mehr als zweieinhalb Stunden zusammenfasste. Muntere Diskussionen, auch unbequeme Fragen und Schülerinnen und Schüler die genau wissen, was sie von der Kommunalpolitik wollen, prägten den Vormittag.       

Junge Leute, hier im Gespräch mit Oberbürgermeister Sebastian Remelé, wollen Antworten. Zum Beispiel wie die Chancen stehen für ein kostenloses Busticket für alle Schüler. Foto: Helmut Glauch

Oberbürgermeister Sebastian Remelé  (CSU), Sinan Öztürk (Linke), Johanna Häckner (Bündnis 90/Grüne), Adi Schön (Freie Wähler), Georg Wiederer (FDP), Marietta Eder (SPD), Ulrike Schneider (Initiative Zukunft) und Sebastian Madeiski (AfD) hatten auf der Bühne in der Aula des AvH Platz genommen, um ihre Haltung zu Fragen Schweinfurter Umweltpolitik  zu erörtern. "Der Klimawandel ist nicht zu leugnen, nicht löschbare Brände in Australien, wegen Trockenheit absterbende Fichtenwälder hierzulande sind Tatsachen", so Schulleiter Klemens Alfen in seinen einleitenden Worten.   

Eine Minute und 30 Sekunden und dann kommt der Buzzer

Dann überließ er Helen Sesterhenn von der Umwelt-AG, die gemeinsam mit Alicja Ebert die Veranstaltung moderierte, die Bühne. Und die Geschehnisse dort hatten die beiden, anders als in manchen TV-Talkshows, immer bestens im Griff. Schon bei der Vorstellungsrunde wurden die Parteienverteter nach eineinhalb Minuten gnadenlos ausgebuzzert, sprich elektronisch vom Mikro getrennt. Auch in den kommenden zweieinhalb Stunden, so viel vorneweg, bewies Helen Sesterhenn, dass sie das Zeug hat, solche Veranstaltungen zu leiten, denn die Diskussionen liefen nicht nur fair und geordnet, sondern auch nie aus dem sprachlichen Ruder.         

Speed-Dating mit Kommunalpolitikern. In der Pause hatten die Schüler Gelegenheit ihre Fragen direkt an den Mann oder die Frau zu bringen, was für einiges Gedränge auf der Bühne sorgte. Hier im Gespräch mit Marietta Eder (SPD), im Hintergrund Sebastian Madeiski (AfD). Foto: Helmut Glauch

Wie sieht es aus mit dem Solarkataster für Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern der Stadt, und warum gibt es bei uns keine Biotonne? Fragen, die sozusagen zum Aufwärmen an die Politiker gestellt wurden, und die mit dem aus dem Stadtrat sattsam bekannten Argumenten beantwortet wurden.  Erinnerungen an alte Grabenkämpfe und längst im Stadtrat geschlagene Schlachten flackerten zwischen den Vertretern der Fraktionen auf, als es um die Frage "Klimawald oder Landesgartenschau" ging. Die Antwort ist zwar längst durch ein nicht zustande gekommenes Bürgerbegehren vom Tisch, dennoch versäumte zum Beispiel Ulrike Schneider nicht, noch einmal zu betonen, wie viel besser für die Umwelt und günstiger für den Geldbeutel die Wald-Variante gewesen wäre – auch AfD-Mann Madeiski hätte dem Wald den Vorzug gegeben.      

Was nutzt der Bus wenn er nicht fährt oder zu teuer ist

Richtig lebendig wurde der Vormittag, als es um das Thema Öffentlicher Nahverkehr ging. Da, so scheint es, geht die Entwicklung in der Wahrnehmung der Schüler nicht nur zu langsam voran, sondern vor allem an deren Lebenswirklichkeit vorbei. Da nützte es nicht viel, dass OB Remelé im Detail erklärte, wie man mit allen Beteiligten an Verkehrsverbund und Wabensystem arbeite mit dem Ziel "mit einem Ticket vom Kreuzberg bis zum Würzburger Käppele" fahren zu können.     

Das alles bleibt für die jungen Leute graue Theorie, die im hier und jetzt am Nachmittag 45 Minuten auf den Bus warten müssen um – nachdem sie von der Schule zum Bahnhof gelaufen sind – zum Beispiel nach Garstadt zu kommen. Da nützt es auch nicht viel, wenn von Politikerseite der sicher berechtigte Hinweis kommt, dass es nun mal eine Stadt Schweinfurt und einen Landkreis Schweinfurt gibt – mit verschiedenen Zuständigkeiten.

Wie kann mehr Akzeptanz für den ÖPNV gelingen?

Berlin hat es vorgemacht, der ÖPNV ist seit diesem Jahr für alle Schüler kostenlos. Die Oberstufen-Humboldtianer müssen wie alle Schüler ab der elften Klasse ihre Tickets selbst bezahlen.  "Was nützen mir moderne Busse mit Wlan und so weiter, wenn ich sie mir nicht leisten kann", bemerkte ein Schüler und erhielt dafür viel Beifall. Kommt der Verkehrsverbund, so die Befürchtung, dann ziehen vielleicht die Preise weiter an. Deutlich mehr Akzeptanz für den ÖPNV kann nur gelingen, so ein Fazit, wenn sich die Anbindung verbessert und die Preise sinken. Was nützen also die vielen Investitionen in die Busflotte, wenn keiner damit fährt? Diese Frage lässt sich wohl nicht bei einer Podiumsdiskussion beantworten.        

"Politische Lehrstunde". Schulleiter Klemens Alfen dankte Helen Sesterhenn und Alicja Ebert von der Umwelt-AG des AvH für die Moderation. Foto: Helmut Glauch

Die Schüler ließen in ihrer Forderung nach kostenloser Beförderung auch für Oberstufenschüler nicht locker.  Doch ein Bus in Bewegung, der auch einen Fahrer  braucht, kostet immer Geld, egal ob diejenigen die einsteigen, dafür zahlen oder nicht. Tun sie es nicht, dann ist es eben der politische Wille, der die Allgemeinheit der Steuerzahler mit den Kosten belastet, entgegnete Remelé sinngemäß.  

Wären sie noch einmal 16, wären sie bei Fridays for Future dabei ?

"Wenn sie noch einmal 16 wären, würden sie bei Fridays for Future mitmachen?", so eine abschließende Frage an OB, Stadträte und  Polit-Neulinge auf dem Podium. Die meisten würden oder waren selbst schon dabei. Selbst Georg Wiederer, mit 78 der Senior auf der Bühne, räumte ein, dass er vor fünf Jahren noch anders gedacht hätte, nun aber dabei wäre, aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen, die die Bewegung angestoßen habe. Auch Adi Schön freute sich, dass nach der 68er-Generation endlich wieder Jugendliche wach geworden sind, auf die Straße gehen und den politischen Dauerschlaf der Jugend beenden.       

Aus heutiger Sicht nicht, aber "mit 16 wäre ich wahrscheinlich mitgelaufen", so Sebastian Remelé, sei es doch das legitime Privileg der Jugend solche Dinge zu tun, die vielleicht auch nicht immer ganz zu Ende gedacht sind. Besser wäre, so der OB, wenn sich die jungen Leute engagieren, sich einbringen. "Demokratie geht nicht schnell und leicht, aber es lohnt sich". Fridays for Future mit 16, von AfDler Sebastian Madeiski gab es dazu ein klares Nein. Ein Nein, mit ökologischer Hintertür "Wahrscheinlich wäre ich eher in die Stadt gegangen, um dort Müll aufzusammeln".    

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