SCHWEINFURT

Kritik an Erdogan, Hoffnung auf Freiheit

Am Ende ging es bei der Veranstaltung eher um Politik als um Religion. Das lag nicht zuletzt am Anlass: 50 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei bildeten den Rahmen der Versammlung in der Alevitischen Gemeinde Schweinfurt, und auch, wenn einer der Referenten ausführlich auf die alevitische Religion einging, drehten sich die meisten Vorträge um das unerschöpfliche Thema Integration. Aleviten in Deutschland, Aleviten in der deutschen Politik, alevitischer Religionsunterricht an deutschen Schulen - und das angespannte Verhältnis zur türkischen Regierung.

Denn das Alevitentum, eine in der Türkei entstandene Glaubenslehre, ist für viele Anhänger keine muslimische Konfession, sondern ein eigenständiger Glaube. Nach wie vor haben Aleviten in der Türkei starke Probleme. Alevitische Schüler etwa würden gezwungen, am sunnitisch-muslimischen Religionsunterricht teilzunehmen und darin Prüfungen abzulegen, so Referent Ismail Kaplan, Bildungsbeauftragter der Alevitischen Gemeinde Deutschland. Man rede ihnen ein, sie seien Muslime und versuche dadurch, eine religiös homogene Türkei zu schaffen.

Für zusätzlichen Unmut sorgte die Rede des türkischen Regierungschefs Erdogan in Berlin. Denn was eigentlich Sympathiepunkte bei den Deutschtürken bringen sollte, rief bei vielen Schweinfurter Aleviten Ärger und Unverständnis hervor. „Er will uns Unterricht in Menschenrechten erteilen?“, spottete Ali Ertan Toprak, stellvertretender Vorsitzender der Alevitischen Gemeinde Deutschland und Mitglied des Bundesbeirats für Integration. „Er nennt es eine Menschenrechtsverletzung, wenn Türken, bevor sie hierher kommen, schon mal ein bisschen Deutsch lernen sollen? Dieser Herr sollte vor der eigenen Tür kehren.“ Im Hinblick auf die Unterdrückung der Aleviten in der Türkei sei es Ironie, den Deutschen Tipps zur Behandlung von Minderheiten zu geben.

In der zweieinhalbstündigen Veranstaltung in der Alevitischen Gemeinde traten insgesamt sechs Redner auf, wobei die Vorträge von unterschiedlicher Qualität und Dauer waren. Während der Schweinfurter Integrationsbeauftragte Harald Mantel in erster Linie den Wikipedia-Artikel über Aleviten wiedergab, schlug Ali Ertan Toprak einen Bogen von Sarrazin bis zum EU-Beitritt. Dabei forderte er die EU explizit auf, die Türkei auf die Einhaltung der Religionsfreiheit hinzuweisen. Eines der Dinge, die Aleviten dort nicht haben, haben die etwa 700.000 Aleviten in Deutschland mittlerweile durchsetzen können: 2002 gab es den ersten alevitischen Religionsunterricht an einer deutschen Schule. Seit 2008 gibt es den Unterricht auch an einigen bayerischen Schulen. Ziel der Gemeinde ist es, überall Unterricht durchzusetzen, wo Bedarf herrscht.

Denn die Unterschiede zum sunnitischen Islam sind zu groß. „Wir sind keine liberalen Muslime, wir sind Aleviten“, so Toprak. Zusätzlich zu Mohammed verehren sie Ali, den Schwiegersohn Mohammeds. Aleviten glauben nicht an die Scharia, sie gehen nicht in die Moschee und sie betrachten Mann und Frau als gleichgestellt. Auch alle Religionen sind gleichwertig, Gewalt lehnen sie grundsätzlich ab. Ein kleines Stück dieser spirituellen Atmosphäre war zwischenzeitlich spürbar, als Nur Deniz-Kaplan alevitische Lieder und Gebete vortrug. Die religiösen Texte konnte man aber durchaus auch politisch interpretieren: „Komm doch näher, noch näher./ Wohin führten uns diese Wege/ Diese Ausbeutung, Streit und Krach?/ Du bist ich und ich bin doch du!“

Es steckt auch ein Stück Vorwurf in diesen Zeilen. Denn bei allem Lob an Rechtslage und Freiheit in der Bundesrepublik kamen auch kritische Stimmen auf. „Wenn man Menschen wie Ausländer behandelt, darf man sich nicht wundern, wenn sie sich wie Ausländer verhalten“, sagte Toprak. „Ich habe Deutschland umarmt. Worauf wartet dieses Land, uns zu umarmen?“ Seine Rede erntete großen Beifall.

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