Ballingshausen

Landwirtschaft: Wenn die Bürokratie Zeit und Nerven frisst

Wo verbringt ein Landwirt die wohl die meiste Zeit: Im Feld, im Stall? Oder vielleicht am Computer? Warum die Bürokratie vielen Landwirten zu schaffen macht.
Vater Oswald Schneider (rechts) und Sohn Fabian sind stundenlang mit der Ermittlung des Düngebedarfs sowie der Stoffstrombilanz beschäftigt. Foto: Silvia Eidel

Immer mehr Verordnungen und Vorschriften, immer mehr Formulare, immer mehr Bürokratie: Viele Landwirte empfinden den Aufwand für Anträge und Dokumentationen aller Art als Belastung neben ihrer Arbeit auf dem Feld und im Stall. Die Zeit, die sie an Schreibtisch und PC verbringen müssen, nimmt seit Jahren stetig zu.

Gerade jetzt im Winter, wenn die Feldfrüchte für das kommende Jahr geplant werden, wartet besonders viel Büroarbeit, seufzt Fabian Schneider. Der 32-jährige Landwirtschaftsmeister, Agrarbetriebs- und Energiewirt ist fit am PC und erkennt auch an, dass Online-Formulare eine gewisse Erleichterung darstellen. "Sofern die Internet-Verbindung passt", grinst er. Glücklicherweise ist das der Fall am 1970 ausgesiedelten Schneiderhof bei Ballingshausen, den er mit seinem Vater Oswald betreibt. Was auch zeigt, dass schnelles Internet sehr wohl "an jeder Milchkanne" gebraucht wird.

Immer mehr Auflagen

Jedes Jahr kommen neue Auflagen hinzu. In ihrem Betrieb haben die Schneiders mittlerweile am Schlepper, an der Spritze, am Düngerstreuer oder Güllefass ein Buch liegen, in das alle Bewegungen eingetragen werden, "was, wo, wieviel". "Man muss ja jederzeit mit Kontrollen rechnen", weiß Sohn Fabian. Nach der Feldarbeit überträgt er die Aufzeichnungen in den Computer.

"In den vergangenen 40 Jahren ist der Aufwand für die Landwirte immer mehr gewachsen", bestätigt Pflanzenbauberater Heinz-Dieter Hofmann vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Schweinfurt. "Der Mehrfachantrag, die Tierarznei-Datenbank, die Düngeverordnung oder neu die Stoffstrombilanz", zählt er auf. Dieser "Schreibkram" sei zermürbend für die Landwirte.

Einer Umfrage des Deutschen Bauernverbands von 2017 zufolge verbringen Landwirte mit Tierhaltung im Schnitt 32 Stunden im Monat, um ihre bürokratischen Pflichten zu erfüllen. Das seien vier Stunden oder 14 Prozent mehr als noch 2014, berichtet der DBV.

"Es kann zu paradoxen Situationen kommen"

Das fängt schon beim Mehrfachantrag (MFA) an, mit dem Landwirte die Fördermaßnahmen und Ausgleichszahlungen der EU beantragen. Seit 2018 kann er nur noch in elektronischer Form gestellt werden. Wer dazu nicht in der Lage ist, muss einen Dienstleister beauftragen.

Aus zwei unterschiedlichen Tiefen werden die Bodenproben von den Feldern gezogen, um den Stickstoffgehalt zu eruieren. Darauf baut die Berechnung des Düngebedarfs auf. Foto: Silvia Eidel

Dass für den Bezug der EU-Betriebsprämie ein Nachweis über die Flächen und Anbaufrüchte erbracht werden muss, ist natürlich richtig, stimmt der Junglandwirt zu. Für jeden Ackerschlag – am Schneiderhof sind es 150 – muss ein Landwirt angeben, was er anbaut, ob er ökologische Vorrangflächen hat und die Greeningprämie beansprucht, ob er Förderung für Junglandwirte beantragen will, Weideprämie, Ausgleichszulage für benachteiligte Gebiete oder Auszahlungen für das Kulturlandschafts- (Kulap-) und Vertragsnaturschutzprogramm (VN).

"Da kann es auch zu paradoxen Situationen kommen", erinnert sich Schneider an eine Stilllegungsfläche, die er mit Wildblumen eingesät hatte. Pflicht bei der Stilllegung ist, jedes Jahr zu mulchen, also abzumähen und zu zerkleinern. "Weil es so schön geblüht hat, habe ich es für die Bienen stehen lassen, aber im Herbst bei der Cross Compliance-Kontrolle wurde die Fläche als nicht förderfähig herausgenommen."

Insgesamt 180 Hektar Feld, darunter 25 Hektar Grünland, bewirtschaften die Schneiders. Außerdem werden 70 Bullen gemästet und 70 Kälber großgezogen. Über die sogenannte HI-Datenbank (Herkunftssicherungs- und Informationssystem für Tiere) muss der Zu- und Abgang jedes Tieres gemeldet werden. "Um nachzuverfolgen, wo es geboren und aufgewachsen ist, welcher Händler es transportiert hat, wo es geschlachtet wird", erläutert Hofmann. Im HI-System ist zudem eine Tierarzneimittel-Datenbank verortet, in die jede Anwendung gemeldet werden muss.

Um die verbliebenen Nährstoffe im Boden zu verifizieren, nimmt Landwirt Fabian Schneider vor der neuen Vegetationsperiode Bodenproben, die im Labor ausgewertet werden. Foto: Silvia Eidel

"Zudem kontrolliert der Tierarzt im Betrieb mindestens sechs Mal im Jahr", erklärt Schneider, "wenn keine Krankheiten vorkommen", ansonsten häufiger. Sein Viehdoktor aus Geiselwind fährt 60 Kilometer nach Ballingshausen. "Es gibt ja kaum noch Tierärzte für Großtiere".

Aktuell fordert vor allem die wegen der Nitratproblematik verschärfte Düngeverordnung die Landwirte. Vor der ersten Aufbringung von Nährstoffen im Frühjahr müssen für jeden Acker und geplante Frucht sowie den geplanten Ertrag eine schriftliche Düngebedarfsermittlung – organisch und mineralisch – erstellt werden. Was dem Landwirt auch Dünger spart. Mittels Bodenproben, die er von seinen Feldern nehmen muss, wird ermittelt, wieviel Stickstoff, die Hauptnahrung für Pflanzen, im Frühjahr noch im Boden zur Verfügung steht.

Im folgenden Jahr muss vor der neuen Aussaat eine Nährstoffbilanz zum Vergleich erstellt werden. "Das Saldieren ist eine der Winterarbeiten", erklärt Hofmann. Dies könne aber auch schwierig werden, wenn beispielsweise Anfang März mit einem bestimmten Ertrag und entsprechender Düngung geplant werde, aber aufgrund einer trockenen Witterung – wie 2018 – nur die Hälfte geerntet werde. "Das Saldo passt dann natürlich nicht", erklärt Hofmann, weil die Pflanzen dem Boden nicht so viele Nährstoffe entzogen haben, wie vorher berechnet.

Der Pflanzenschutzausweis

Genau dokumentiert werden muss auch die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln. "Alle drei Jahre muss der Landwirt auch seinen Pflanzenschutzausweis erneuern", ergänzt der AELF-Berater. Von Hobbygärtnern werde das nicht verlangt.

Zwar übernimmt am Schneiderhof die Buchführung und Steuererklärung ein Steuerberater. Aber das Sammeln und Ordnen der Belege gehört natürlich zur Büroarbeit, ebenso wie die Angaben für die Landwirtschaftliche Alterskasse oder die Berufsgenossenschaft. "Manche Betriebe haben schon eine Bürokraft eingestellt", weiß Fabian Schneider.

Trotz des bürokratischen Aufwands liebt der 32-Jährige seine Arbeit, freut sich an den Tieren, daran, wenn draußen wieder die Vegetation beginnt. Das Image seines Berufsstandes beurteilt er als "schwierig" und wünscht sich von der nicht-landwirtschaftlichen Bevölkerung: "Redet mit uns, nicht über uns!"

Die Arbeit im Stall bei seinen Kälbern verrichtet Fabian Schneider gerne. Auch hier muss er die Abläufe genau dokumentieren. Foto: Silvia Eidel

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