SCHWEINFURT

Lea Singer und die Anatomie der Wolken

Lea Singer vor einem Caspar David Friedrich im Museum Georg Schäfer.
Lea Singer vor einem Caspar David Friedrich im Museum Georg Schäfer. Foto: Martina Müller

Es hätte eigentlich klappen können mit Goethe und Caspar David Friedrich und den Wolken. Der Dichter, der sich mal wieder auf Naturwissenschaft kaprizieren wollte und der Maler, der das Metaphysische in den Dingen sieht, die Seele der Wolken malt, arbeiten zusammen. Warum nicht?

Es hat aber nicht geklappt. Goethe war zu sehr in seiner Zeit verhaftet, für Friedrichs Bilder hatte er wenig übrig. Als Illustrationen zu einem wissenschaftlichen Werk von ihm hätten sie ihm gefallen. Sonst nicht. Nur wäre es für Caspar David Friedrich Verrat an der Natur gewesen, sie zu klassifizieren, in Ketten zu legen.

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Lesung in Schweinfurt mit Autorin Lea Singer - Das Museum Georg Schäfer setzte seine Veranstaltungsreihe „Literatur!“ mit der Münchner Schriftstellerin Lea Singer und ihrem Roman „Anatomie der Wolken“ fort.

Goethe und Friedrich sind die Helden in Lea Singers Roman „Anatomie der Wolken.“ Sie haben sich wirklich getroffen, das ist die Grundlage. Im Museum Georg Schäfer spricht Lea Singer über Goethe und Friedrich, die Macht der Wolken. „Sie sind eine kluge Frau“, sagt Moderatorin Johanna Bonengel bewundernd.

Lea Singer, die mit richtigem Namen Eva Gesina Baur heißt – unter diesem Namen schreibt sie Sachbücher – schafft es, die Menschen in ihren Büchern lebendig werden zu lassen. Sie kommen einem näher. Man erfährt viel über die Zeit, die Charaktere. Trotzdem ist das Ganze unterhaltsam, nie belehrend. Lea Singer interessiert sich in erster Linie für die Menschen hinter den historischen Figuren. Das macht ihre Bücher so spannend.

„Wozu soll ich etwas erfinden, wenn die Wahrheit so ungeheuer spannend ist?“, fragt sie. Sie spricht gerne von der Poesie des Faktischen.

Singer hat sich in die Briefe Friedrichs vertieft. Über ihn als Mensch gibt es wenig. Auch als Künstler wurde er relativ spät wieder entdeckt. Schreiben war jedenfalls nicht sein Ding, Orthografie auch nicht. Und die Wörter, die er verwendete, wären in Goethes Salon undenkbar gewesen. Auch seine Kleidung und Erscheinung waren wohl eher nicht salontauglich.

Frauen finden übrigens, dass Goethe im Buch nicht so gut wegkommt, Männer sehen das nicht so, meint Singer. Das mag daran liegen, dass Goethe dass tut, was eine typische Männerattitüde ist: Sich für den Nabel der Welt halten. Goethe nimmt nicht zu, seine Westen wurden zu heiß gewaschen. Er ist nicht kurzatmig. Der vertraute Weg ist einfach steiler gemacht worden. Er wird auch nicht älter. Nur noch bewundernswerter.

Friedrich dagegen ist ein Typ, wie man ihn heute auch noch finden würde, meint Lea Singer. Ein Naturschützer, ein Grüner, jemand, der sich nicht um Konventionen schert. Oder um Konsum und Kommerz. Ganz im Gegensatz zum saturierten Dichterfürsten.

Wolken ziehen sich durch beider Leben. Der eine schwebt gerne darauf, umgibt sich mit Wolken von Bewunderinnen – und sieht am Himmel etwas, das man katalogisieren müsste in einer Wetterlehre. Der andere sieht Träume, Verheißungen, Stimmungen, Botschaften. Alles.

Zwei Werke Friedrichs stehen im Mittelpunkt des Buches: „Mönch am Meer“ und „Abtei am Eichwald“. Beide sind nach längerer Restaurierung in Berlin in der Alten Nationalgalerie zu sehen. Was die Wolken für ihn waren, lässt sich aber auch schön an den Gemälden im Museum Georg Schäfer sehen. Lea Singer und Eva Gesine Baur mögen das Museum sehr gerne, die Bilder inspirierten die Autorin auch für ihr Buch. Wolken mögen beide gerne. Allerdings eher auf die Caspar-David-Friedrich-Art.

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