SCHWEINFURT

Lesung Martin Beyer: Rau und rotzig, fein und poetisch

Auf dem Sofa im Collibri: Der Schriftsteller Martin Beyer las aus seinen „Mörderballaden“. Foto: Katharina Winterhalter

Es war die letzte Geschichte, die Martin Beyer auf dem roten Sofa im Collibri aus seinen „Mörderballaden“ vorlas, in der sich sein Können, sein Humor, seine Lust am nie-ganz-Ausgesprochenen besonders gut offenbart. In „Hinter den Türen“ taucht Beyer selbst auf, als verlotterter Schriftsteller mit zu viel Lord Nelson intus und einem Manuskript auf dem Schreibtisch, mit dem er nicht recht weiterkommt.

Wir treffen ihn hinter der dritten Türe eines imaginären Hauses, vor dem ein toter Polizist liegt. Hinter der ersten Türe ist gerade ein Typ mit einem hässlichen Brummschädel aufgewacht, der sich fragt, wie das Luftgewehr in seine Hand kommt und ob er damit den Mann erschossen hat, der draußen liegt. Hinter Tür zwei hat ein Versicherungstyp einem Trainee after work zwei Ladys spendiert, aber das Jüngelchen traut sich nicht ran.

Nur siebeneinhalb Seiten ist diese Geschichte kurz, aber sie steckt voller aufregender Details und Überraschungen. Beyer wechselt virtuos die Ebenen, bewegt sich zwischen Fiktion und Realität, in anderen Erzählungen zwischen Mythos, Geschichte und Gegenwart. Er trifft den Ton seiner Protagonisten genau, seine Sprache kann rau und rotzig sein wie diese Typen, oder fein und poetisch wie in der Geschichte „Komm schon, berühr die Sonne“. Kein Wort zu viel. Köstlich seine Anspielungen, hier eine ziemlich freche auf den berühmten „Keks“ aus Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, der für das Erinnern steht.

„Hinter den Türen“ – Martin Beyer liebt dieses Motiv, es taucht immer wieder in seinen Romanen und Erzählungen auf. Was bringt einen Menschen dazu, Türen zu öffnen, Schwellen zu überschreiten, sich neuen Situationen zu stellen? Das sind die Fragen, die den 36-jährigen Autor bewegen. Auch er selbst muss Schwellen überschreiten, muss sich in die Köpfe von Mördern und Selbstmördern versetzen, muss sich in Situationen begeben, in denen es keine Sicherheit gibt – gedanklich und real als freischaffender Schriftsteller.

Mit den 13 „Mörderballaden“ überführt er die Gattung der guten alten Moritat ins 21. Jahrhundert. Jedes Stück bezieht sich auf einen Song. Die „Ballade von Steven Tillerman“ beispielsweise ist die Literarisierung eines Musikvideos der Band „I like Train“. Eine andere Lieblingsband von Beyer ist „Turin Brakes“. Ein Satz aus deren Song „The Door“ über einen Menschen, der die Wahl hat, durch eine Türe zu gehen oder es bleiben zu lassen, hat ihn zur Story vom Future Boy inspiriert, einem jener Lebens-Erschöpften, um die sich viele seiner Storys ranken.

Das Publikum im Collibri ließ sich hineinziehen in die spannungsreichen Geschichten, die viel Raum für die Vorstellungskraft des Zuhörers und Lesers lassen. Da störte auch das Kamerateam des Bayerischen Fernsehens nicht, das Martin Beyer Mitte November in einem Kurzporträt vorstellen wird. Der Anlass ist die Verleihung des Bayerischen Kunstförderpreises an den Bamberger Autor für seinen Erzählband.

Tarja Schmitt, eine erst 17-jährige Singer-Songwriterin aus Schweinfurt, gab mit ihren melancholischen Kompositionen musikalisch Antwort auf die Mörderballaden.

„Mörderballaden“: Erschienen im Verlag „asphalt & anders“. Mehr Infos: www.hinter-den-tueren.de

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