Schwebheim

Lichtblick in Schweinfurt für misshandelte Hunde

Nach der "Hundehölle von Königsmoos" gab es ein kleines Happy End in Schweinfurt. Die Hunde sind nicht aggressiv, nur völlig verstört.
Evi Kehl und Tochter Tina kümmern sich um Emma, die aus einem Tiermessie-Fall in Königsmoos stammt.
Evi Kehl und Tochter Tina kümmern sich um Emma, die aus einem Tiermessie-Fall in Königsmoos stammt. Foto: Uwe Eichler

Eine Katze, die durch eine Schlagfalle schwer verletzt worden ist. Angeschossene Tauben in der Stadt. Ein kleiner Fuchs, der durch eine Krankheit zeitweise sein Augenlicht verloren hat: Dr. Michael Göde hat schon so einiges erlebt, als langjähriger Tierarzt im Schwebheimer Tierheim, ebenso Johannes Saal als Chef des Tierschutzvereins oder Heimleiterin Christina Herrmann.

Nein, es gebe nicht mehr Fälle von "klassischer" Tierquälerei als früher, sagt Saal, während der Tierarzt auf Stippvisite vorbeischaut. Der Vereinsvorsitzende sieht aber schon ein Behördenversagen, wenn es um jahrelange Verstöße gegen das Tierwohl geht, Stichwort Schweineskandal bei Würzburg oder Misshandlungen in Allgäuer Viehbetrieben. Eingegriffen werde oft zu spät, auch im Wiederholungsfall, mit laxen Strafen – bei enormen Kosten für die Allgemeinheit. Und lebenslangen Folgen für die Tiere.

Ein Beispiel bellt im Tierheim gleich nebenan. Im November 2018 wurden sechs Labrador-Hunde oder Labrador-Mischlinge aus der oberbayerischen Gemeinde Königsmoos nach Schwebheim gebracht. "Wieder mal ein Fall von  Animal Hoarding", sagt der Stadtlauringer. Ein "Tiermessie" hat weit über 100 Hunde auf einem verwahrlosten Anwesen in Obermaxfeld gesammelt. Entsorgt werden sollten sie nach Tschechien, mit gefälschten Impfpapieren.

Ein Fernsehteam von "Stern TV" hat die skandalösen Zustände aufgedeckt, zusammen mit der Tierschutzorganisation "Vier Pfoten". Es herrschte reiner Darwinismus, in der "Hundehölle von Königsmoos", wie eine Zeitung titelte. "Nur die Stärksten kamen ans Futter", berichtet Johannes Saal. 134 kranke, völlig verdreckte und traumatisierte Tiere wurden nach der Erstversorgung auf 21 bayerische Tierasyle verteilt, auch um hundertausende Euro an Kosten stemmen zu können. Darunter auch Hunde wie "Vermehrerin" Emma, mit neun Welpen, die eindeutig nicht ihr erster Wurf waren. Ihre Jungtiere wurden mittlerweile in gute Hände in der Region abgeben.

Das ganze Rudel hat Namen mit H

Die verhaltensauffälligen Erwachsenen zu vermitteln ist weitaus schwieriger. Um so dankbarer ist die Tierheimleitung, dass sich jetzt Evi Kehl um Emma kümmert. Seit Februar lebt die Hündin bei der Tierfreundin in Schweinfurt. "Angefangen hat es mit einer Katze aus dem Tierheim", sagt Tochter Tina. Dann wurden der "Gassigeher-Schein" absolviert – und nun Emma adoptiert. Eigentlich hieß sie mal Helia. Das ganze Königsmooser Rudel hat Namen mit H.

Der tiefergelegte Henry ist hörbar der Chef, Hulk der stämmige "Muskelprotz", Hope und Holly zwei lieb schauende Hündinnen. Wenn man sich dem separaten Zwinger von Hoomer nähert, erlebt man, was Jahre der Misshandlung anrichten können. Der Einzelgänger bellt wie verrückt und flüchtet in seine Hütte, sobald Ralf Wegner das Gehege betritt. Dennoch besitzt der ehrenamtliche Pfleger das Vertrauen von Hoomer, eigentlich als Einziger, und muss auch nicht befürchten gebissen zu werden.

Auch der verletzte Nero, hier mit Tierheimleiterin Christina Herrmann, hat schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht.
Auch der verletzte Nero, hier mit Tierheimleiterin Christina Herrmann, hat schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht. Foto: Uwe Eichler

Im Nachbarzwinger dauert es etwas, bis Henry & Co mit dem Bellen aufhören und Zutrauen fassen, wobei auch Leckerli helfen: "Ich war zwei, drei Wochen nicht da, jetzt sind sie schon wieder misstrauisch", sagt Ralf Wegner. Die quasi verwilderten Hunde, im Alter zwischen etwa fünf und sieben Jahren, haben nie ein soziales Miteinander, geschweige denn vertrauensvolles Zusammenleben mit Menschen gelernt, damals, in der riesigen Meute. Unsicher drücken sie sich in die Ecke, schimpfen, trauen sich nur nach und nach in die Nähe eines Fremden.

Mit Engelsgeduld kann man etwas erreichen

"Aufsteigerin" Emma wird freudig begrüßt. "Der Fall zeigt, dass man mit Engelsgeduld etwas erreichen kann", lobt Michael Göde das Engagement von Evi Kehl. Am Anfang habe sich Emma keine drei Meter an sie herangetraut, erinnert sich ihre Besitzerin, die sich 15 bis 20 Stunden in der Woche um die "Königsmooser" kümmert: "Ich bin fast jeden Tag im Tierheim". Mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen, zuletzt auch mit der Hilfe eines Trainers, wurde Emma beigebracht, ein normales Hundeleben zu führen – und sich von etwas Besserem zu ernähren als von Abfall: "Leckerli helfen natürlich  immer."

Selbst einem Hund wie Hoomer könne man helfen, ist Kehl überzeugt. Michael Göde bewundert den "Biss" der freiwilligen Helferin. Mitleid bringe nichts, ist Kehl überzeugt, Mensch und Tier müssten gemeinsam nach vorne sehen. Die Königsmooser Hunde hätten trotz allem Charakter, seien nicht wirklich aggressiv, nur vollkommen verstört.

Auch für Nero soll es ein "Happy End" geben, wünschen sich die Tierheim-Verantwortliche, Stichwort "alltägliche Tierquälerei". Der schwarze Mischlingshund wurde von seinem Vorbesitzer einfach ausgesetzt. Das Tier lief in ein Auto, der Ellenbogen war gebrochen und auch die Vorderpfote verletzt. Michael Göde hat die Behandlung übernommen. Nach der schmerzhaften Erfahrung geht es wieder aufwärts, Nero lässt sich anfassen und ist ebenfalls "in gute Hände abzugeben".

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