SCHWEINFURT

Live-Hörspiel in der Disharmonie: Worten sollte man nicht trauen

Wie alle Mildverrückten sind auch Berliner eher konservativ: Das merkt man am Bühnenbild vom Live-Hörspiel und Poetry Slam-Theater „Hinter den Kulissen“, in der Disharmonie.

Anstelle einer Facebook-Galerie hängen noch goldfarbene Bilder an der Leine, statt mit dem Smartphone wird klassisch mit der Kamera geknipst, die Generation „Kopf Unten“, vertreten durch Marie-Theres Schwinn und Romy Schneider, blickt in ein erlesenes Familiendrama von Isabel Allende. Ein Roman über die Suche nach eigener Identität, mit Hilfe der Kamera: „Porträt in Sepia“. „Gestörte Möchtegern Twins“ nennen sich die Hauptstädterinnen, die durch den Kontakt mit Poetry Slammer Manfred Manger an den Main gekommen sind.

Hier ist Marie-Theres Schwinn schon mit einem hübsch provokanten Monolog der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin aufgefallen.

Romana Schneider ist Fast-Namensvetterin von Romy Schneider. Die Theaterfrauen, in den reifen Zwanzigern, hatten bereits Gastrollen im „Tatort“ oder im Nachkriegsdrama „Die Frau des Heimkehrers“, derzeit sind sie bei der Webserie „Helden der Hauptstadt“ dabei. „Hinter den Kulissen“ spielen Romy und Marie-Theres sich selbst, ein kleines Tourneetheater – und dann auch wieder nicht, man sollte Worten nicht zu sehr trauen.

Die beiden haben genug von Präventionsauftritten in Schulen, mit Stücken gegen Mobbing und Gewalt, wenn dort manche Schultoiletten aussehen wie KZ-Waschräume: „Deutschland, du brauchst eine Frischekur“, verkünden die Gedanken-Zwillinge im Duett. Aber eigentlich ist es das eigene Leben, das nach Auffrischung lechzt.

Marie-Theres ist Fotografin sepiafarbener Kunstwerke: „Die Kamera kann Geheimnisse enthüllen.“ Und der Künstler sich dahinter verbergen? „Da hat sich aber ganz schön was angestaut“, staunt Romy, als sie das Tagesbuch ihrer Freundin liest. In einem packenden Monolog erinnert sich die Schreiberin, was sie als kleines Mädchen gefühlt hat, beim Anblick ihrer vom Vater verprügelten Mutter: „Ein gewaltiger Rausch Farben spuckt mich aus.“ Oder war die traumatische Erfahrung nur Täuschung, ein Unfall? Nichts ist, wie es scheint, auch nicht die Hommage an den Spreepark, im Plänterwald vor Berlin. Ein romantischer DDR-Rummelplatz, in Ruinen. Symbol für das Ende der Kinderträume, auch von Erwachsenen. Oder die Liebeserklärung ans Meer, Ort der Freiheit: Ist sie nicht ein bisschen zu lieblich geraten? Oder doch so tief und groß wie der Ozean? Es dreht sich die Spieluhr, erklingt anrührender Sologesang zum Klavier. „Süß und poetisch“, das bekommen die Twins ins Gästebuch geschrieben. Aber zuckrig ist ihre Suche nach sich selbst und dem Leben nicht, eher zartbitter schäumendes Saccharin: Mit 26 ist man „immer noch Traumtänzer, aber nicht mehr hinter dem Mond“, heißt es im Gedicht. Fest gefügte Wahrheiten gibt es nicht mehr, nur noch flüchtige, in Wort-Bildern festgehaltene, als wahr erfühlte Augenblicke.

„Zum Schluss ist das Einzige, was wir wirklich in Fülle haben, die Erinnerungen, die wir selbst gewebt haben“ heißt es bei Allende. Man darf sich die beiden noch verspielten, aber schon hellwach in die Welt schauenden Schauspielerinnen merken. Uwe Eichler

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