LOURDES/WÜRZBURG

Lourdes-Wallfahrt: Zwei Ärzte über kleine und große Wunder

Der französische Fotograf und eine Assistentin dirigieren die Würzburger Pilgergruppe für das Foto. Foto: Markus Hauck

Vor Leid vergrämte Gesichter, aus denen auf einmal wieder Freude strahlt: Das hat Gerhard Müller mindestens schon zehnmal gesehen. Denn so oft hat der Obbacher (Lkr. Schweinfurt) Allgemeinmediziner als Pilgerarzt schon die Sonderzüge von Würzburg und Erfurt nach Lourdes begleitet. Mittlerweile hat der Malteser-Arzt sogar die Organisation mit übernommen, kümmert sich um die Anmeldung der Patienten, um ihre Medikation, muss ihr Pflegebedürfnis wissen, bespricht mit den ebenfalls ehrenamtlichen Pflegern im Vorfeld, was zu tun ist. „Unser technisches Equipment ist mindestens wie ein Altenheim bestückt“, erläutert er.

20 Stunden Zugfahrt

Genau das ermöglicht den Alten, Kranken oder Behinderten auch, die 20-stündige Zugfahrt überhaupt unternehmen zu können. „Ich habe 1982 und 1985 eine Israel-Wallfahrt begleitet“, denkt er zurück. Aus den damaligen Erfahrungen entstand überhaupt erst der Gedanke der Malteser, diese Krankenwallfahrt nach Frankreich zu unternehmen, sie für diese Menschen möglich zu machen.

Viele Angehörige mit dabei

„Ja, es ist eine Strapaze“, gibt der 64-jährige Obbacher zu. „Aber man sieht bei den Kranken, dass sie froh sind, bei dieser Wallfahrt in den Mittelpunkt gestellt zu werden.“ Wunder? Heilung? „Das sehen viele nicht so“, meint Müller über die Patienten. Es gehe für sie darum, wieder herauszukommen, anderen Betroffenen zu begegnen. Gerade bei dieser Wallfahrt sei eine Integration der Kranken gut gelungen. Deren Angehörige, Kinder und Enkel seien zum Teil dabeigewesen, hätten mit ihnen die verkleinerten Unterkünfte im Hospiz vor Ort beziehen können. Dort kümmern sich Pflegeprofis um die Betroffenen.

Bischof: Hier haben sich Himmel und Erde berührt

„Früher waren die Kranken in Sechser-Sälen untergebracht, wurden zu den Gottesdiensten gebracht und danach wieder zurück“, erzählt Müller. „Das hat sich sehr geöffnet“, meint er, „das tut gut.“ Er selbst lässt sich – obwohl evangelischer Christ – von der Situation am katholischen Marienwallfahrtsort gefangen nehmen.

Er darf als Mitglied der „Lourdes-Ärzteschaft“ bei den Prozessionen auch direkt hinter dem Baldachin gehen. „Um eventuell ein Wunder zu bezeugen“, erklärt er. Er selbst hat zwar eine solche Situation noch nie erlebt, die umschrieben lautet: „Mit den derzeitigen medizinischen Untersuchungsmöglichkeiten gibt es keine medizinische Erklärung“ und deren Anerkennung viele Jahre dauert. Aber Gerhard Müller weiß, dass es immer wieder solche Anerkennungen gibt.

Die Menschen fühlen sich wohler

Für ihn besteht das Wunder darin, dass die Menschen psychisch gestärkt werden, dass sie sich wohler fühlen. Und: „Man nimmt dort alle so an, wie sie sind.“ Das spüren die Kranken, dass sie akzeptiert werden. Für den Mediziner steht fest, dass dies nicht sein letzter ehrenamtlicher Einsatz war: „Es ist fast wie ein Lourdes-Fieber: Wenn man einmal dabei war, muss man immer wieder mitkommen“.

Schwer beieindruckt von der ersten Wallfahrt

Georg Lippert, Chirurg im Ruhestand aus Schweinfurt, war das erste Mal als Arzt bei der Wallfahrt dabei. Die Fahrt nach Lourdes, der Ort selbst, die Begegnungen: Lippert, eigentlich eher ein geradliniger Skeptiker, ist schwer beeindruckt zurückgekommen. „Lourdes versteht nur, wer selber da war“, sagt er. Vor vielen Jahren war er mal als Tourist in Lourdes. Ziemlich kurz. Damals hat er vor allem Trubel und Devotionalien-Kitsch gesehen. Jetzt hat er etwas erlebt, was man die Magie des Ortes nennen könnte. Und das Gemeinschaftserlebnis, die sichtbare, spürbare Zusammengehörigkeit genossen. Alle Teilnehmer aus der Diözese Würzburger hatten nämlich orangefarbene Tücher dabei. Die hat auch wohl jeder getragen. „Da hat der Bischof drauf geachtet.“

Lippert: Perfekt organisiert

Schwer beeindruckt hat Lippert auch, wie die Malteser alles vorbereitet hatten.

Es gab zwar keine extremen medizinischen Notfälle, Kreislaufkollapse wurden behandelt, eine schwere Wunde, die sich ein Pilger nach einem Sturz zugezogen hat, musste er nähen – und hatte kaum andere Bedingungen als daheim in der Notaufnahme. „Das war perfekt organisiert, ich weiß, was das für eine Arbeit ist“, sagt Lippert, der für die Bundeswehr unter anderem in Afghanistan als Arzt gearbeitet hat.

In Lourdes selbst gibt es Krankenhäuser, die auf die Bedürfnisse der Pilger eingerichtet sind, in denen Gruppen ganze Stationen belegen können. Im einst gottverlassenen Ort in den Pyrenäen scheint sich eine reibungslos funktionierende Maschinerie rund um die Pilger entwickelt zu haben.

Schwerpflegebedürftige Menschen waren in den beiden Sonderzügen unterwegs nach Lourdes, viele nicht zum ersten Mal. Die Fahrt alleine gibt den Menschen wohl schon Auftrieb, im Wallfahrtstort kommt noch die besondere Atmosphäre dazu, Begeisterung, die sich überträgt.

Mit dem Pferdchendienst unterwegs

Und wer gläubig ist, fühlt sich an diesem Ort, an dem ein Hirtenmädchen eine Marien-Erscheinung hatte, sicher spirituell berührt. Wer sich nicht gut bewegen kann, eigentlich zu schwach ist, dem hilft der sogenannte Pferdchendienst. Das ist eine Art Ein-Mann-Rikscha, mit denen die Pilger zu den Veranstaltungen gebracht werden.

„Die Inbrunst, mit der hier gebetet wird, kann man sich nicht vorstellen“, sagt Lippert.

An der Grotte ist jeder erreichbare Stein hochglanzpoliert – von den Händen der Pilger. Menschen werfen sich auf den Boden. Jeden Abend ist Lichterprozession. Fast den ganzen Tag sind Gesänge zu hören im Heiligen Bezirk (nur in den Nachtstunden ist geschlossen), in allen möglichen Sprachen. Nur ein Satz ist universell: „Ave, Ave, Ave, Maria“. Pilgerschlachtruf, nennt das Georg Lippert in seiner direkten Art.

Gruppenfoto mit allen 850 Teilnehmern

Aber wenn er dann erzählt, wie er bei Vollmond auf der Dachterrasse auf dem Accueil Notre Dame, der Herberge für kranke und behinderte Pilger und ihre Betreuer, stand und auf den Heiligen Bezirk geschaut hat, spürt man wieder die Faszination von Lourdes, die ihn wohl auch zu seinem eigenen Erstaunen gepackt hat. Und das Gruppenfoto mit allen 850 Pilgern aus der Diözese, das ein französischer Fotograf mit ziemlich viel Geschick und mit Hilfe einer Leiter gemacht hat, wird wohl einen Ehrenplatz bei ihm an der Fotowand bekommen. Außerdem will Lippert wieder einmal bei einer Lourdes-Fahrt dabei sein.

Medizinische Wunder, gibt's so was? Der Bischof hat von Leuten erzählt, die geheilt wurden, sagt Lippert. Und er selbst hat in seiner medizinischen Karriere Genesungen erlebt, die wissenschaftlich eigentlich nicht zu erklären waren, sagt er. Wunder gibt es wohl immer wieder. Und sei es nur, dass jemand seine Skepsis verliert. Oder jemand einfach seine Schmerzen und sein Leid vergisst.

Krankenpflegeschülerin Anna Wohlfahrt mit Fritz Wurf, dem Alterspräsidenten vom Pilgerzug. Foto: Markus Hauck
Geistlicher Begleiter Pfarrer Robert Borawski (3. von rechts) betet gemeinsam mit Pflegekräften und Patienten den Engel des Herrn. Foto: Markus Hauck
Die Kranken und Behinderten wurden bei der Prozession in ihren Rollstühlen und Krankenfahrtstühlen meist von jugendlichen Pilgern geschoben. Foto: Markus Hauck
Erkennungszeichen orangenes Tuch: der Arzt Georg Lippert bei der Lichterprozession in Lourdes. Im Hintergrund Bischof Friedhelm Hofmann. Foto: Markus Hauck, POW
Gerhard Müller Foto: Silvia Eidel

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