SCHWEINFURT

Manfred Lütz über Werte, Wahrheit und das Glück

Gibt es Gott? Kirchenkabarettist Manfred Lütz stellte in St. Peter und Paul die Existenz-Frage. Foto: Uwe Eichler

Der Einstieg ist vielversprechend. Manfred Lütz geht es darum, die Menschen wieder ungläubig werden zu lassen. Sonst würde sein Vortrag über „Die Werte, die Wahrheit und das Glück“ wenig Sinn machen: Wenn das reichlich vorhandene Publikum im Pfarrsaal von St. Peter und Paul bereits restlos mit sich, Gott und der Welt im Einklang wäre. „Stellen Sie sich vor, Sie wären Atheist“, lockt der 62-jährige Rheinländer, und beruhigt die anwesenden Gläubigen wieder: „Am Ende des Vortrags können Sie wieder Christ werden.“

Aber auch Atheisten und Agnostiker dürfen entspannen: Es ist kein eifernder Laienprediger, der hier auf Einladung von Pfarrer Frank Sommerhoff durch einen ebenso amüsanten wie informativen Abend führt, rund um die zentrale Frage: „Existiert Gott, oder existiert er nicht?“ Am Pult steht ein hochkarätiger katholischer Theologe, lange Zeit Hausarzt des „Deutschen Friedhofs“ des Vatikan, nunmehr Leiter der Psychiatrischen Klinik der Alexianer in Köln. Außerdem Kirchenkabarettist und Autor von Büchern wie „Irre! Wir therapieren die Falschen“, „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“ oder eben „Gott.

Eine kleine Geschichte des Größten“. Ein Buch, mit dem er den Stand der theologischen Debatte so erklären will, dass es auch sein Metzger versteht.

Egal ob Hirnforschung, Wissenschaft, Ethik, Politik – sie alle kommen früher oder später auf die Gottesfrage zurück, sagt der Nervenarzt mit familiären Verbindungen zum Widerstand im „Dritten Reich“. Eine brisante Frage: Wer wirklich „gottlos“ und wertfrei durchs Leben geht, der dürfte sich in letzter Konsequenz jedes Verbrechen erlauben. Genau so haben die Massenmörder des 20. Jahrhunderts ihren Nihilismus verstanden.

Heutzutage herrsche, bei Dieter Bohlen & Co, eher das Gefühl vor, das viel Geld glücklich mache. Der Eindruck sei: „Glück ist etwas Machbares.“ Der Therapeut lächelt da nur milde: „Das ist der zentrale Gedanke von Drogenabhängigen.“ Weniger ist mehr. „Die glücklichsten Menschen der Welt leben in Bangladesch“, sagt er.

Wie kann nun in einer geldfordernden Welt des Diesseits der Verzicht auf Bankraub noch vernünftig sein? Kant habe für Moralität drei Bedingungen aufgestellt: Die Freiheit zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, die Unsterblichkeit der Seele und Gott. Für Chef-Atheist Feuerbach war der allerdings nur Projektionsfläche, ein reiner Wünscheerfüller, somit Einbildung. Lütz erblickt darin den Wunsch nach „sturmfreier Bude“: Jemanden nicht zu sehen, der offenkundig da ist, sei psychotherapeutisch auch bedenklich. Nietzsche, der den Atheismus bis zum Ende „durchdacht und durchlitten“ habe: Der Gottesmann bewundert diese Konsequenz fast schon wieder. Nur habe in Nietzsches Todesjahr 1900 Max Planck die Quantenphysik begründet. Starr ablaufende Naturgesetze, wie sie der Atheismus voraussetzt, gebe es seitdem nicht mehr, nur noch Wahrscheinlichkeiten.

Und der Gottesbeweis?

Lütz, der sich Kontroversen mit dem gengläubigen Radikal-Atheisten Richard Dawkins („Der Gotteswahn“) ebenso wie mit dem esoterischen Fernsehpfarrer Fliege geliefert hat: Für ihn ist Gott letztlich nicht philosophisch, sondern personell, „der, den jeder im Gebet ansprechen kann“. Die unmittelbare Wahrnehmung von Kindern sei der Sicht von Erwachsenen da weit überlegen.

Und der Gottesbeweis? Für Manfred Lütz liegt der nicht etwa im Genom oder im subatomaren Bereich – sondern grammatikalisch im Futur II: „Wir werden morgen hier gesessen haben“. Und übermorgen, im nächsten Jahrtausend und in ferner Zukunft, wenn es längst keine Menschen, keine Erde und kein Universum mehr geben wird, wird es so gewesen sein. Der Beweis, dass es eine in sich selbst ewig fortdauernde Wesenheit gibt? Oder bloße Gedankenspielerei? Egal, ob das kosmische Glas für Gläubige am Ende immer noch halb voll war und bei Skeptikern halb leer: Für spirituelle Anregung hat der gemütvolle Kirchenmann aus Köln gesorgt, in der „längsten Liebesgeschichte aller Zeiten“, zwischen Mensch und Gott.

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