SCHWEINFURT

Marianne Birthler liest: Rote Lore trifft Westtante Ruth

Im Winter mussten die Mädchen furchtbar kratzige Strümpfe tragen, da gab es in Ost und West keinen Unterschied. Zumindest nicht in der deutschen Nachkriegszeit. Das zeigt das verständige Schmunzeln im Publikum, als Marianne Birthler, Jahrgang 1948, aus dem Kapitel über ihre Kindheit vorliest. Ihr Zug ist ein bisschen verspätet angekommen, zum Umziehen bleibt keine Zeit mehr, also nimmt sie ohne große Vorbereitung umstandslos im Sessel auf der Bühne der recht ordentlich besuchten Rathausdiele Platz. Sie ist gekommen, um auf Einladung der Stadtbücherei aus ihrer Autobiografie „Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben“ zu lesen. „Ich hoffe, Sie können davon absehen, dass hier eine in Jeans und Pulli in Ihrem tollen Rathaus sitzt.“

Im Westen ist ihr Name für viele Menschen vor allem mit der Stasiunterlagen-Behörde verknüpft, aber Marianne Birthlers Lebenslauf ist im Grunde der Lebenslauf Deutschlands seit dem Krieg – vom Osten aus gesehen. Der Vater ist krank aus dem Krieg heimgekehrt und gestorben, als sie acht war, die Mutter steht dem SED-Staat ablehnend gegenüber. Marianne darf nicht Pionier werden und muss im Schulchor von der ersten in die dritte Reihe. „Ich habe meine Mutter gequält, bis ich Pionier werden durfte. Nicht aus Überzeugung. Ich wollte in die erste Reihe zurück.“

Zwischen gelesenen Abschnitten erzählt sie vom Alltag in der DDR. Dass junge Paare heirateten, wenn ein Kind unterwegs war. Dann bekam man eine Wohnung und einen zinslosen Kredit, den man „abkindern“ konnte – bei drei Kindern wurde er komplett erlassen. Sie selbst erfährt, dass sie schwanger ist, an dem Tag im Jahr 1968, an dem die Truppen des Warschauer Pakts in der CSSR einmarschieren. Früh also überlagert das Politische das Private, wenn auch Letzteres noch einige Jahre wichtiger bleiben wird.

Sie erzählt gelassen und mit trockenem Humor. Wie Mutter und Schwiegermutter die Organisation der Hochzeit komplett übernehmen – „dadurch bekam das Ganze einen Hauch von Konfirmation“. Die größte Schwierigkeit besteht allerdings darin, die Verwandtschaft Ost von der Verwandtschaft West fernzuhalten, also die Tante Eleonore, genannt rote Lore, die sogar beim Kochen Kampflieder singt, von Westtante Ruth, einer überzeugten Antikommunistin, oder von Onkel Willi, „der ein echter Reaktionär war und unter Alkoholeinwirkung gern von seinen tollen Erlebnissen als Wehrmachtssoldat erzählte“.

Nach dem Scheitern ihrer Ehe beginnt sie, für die Kirche zu arbeiten und gelangt so ins Zentrum der Bürgerbewegung. Die Kirchen stellen Räume für kritische Gruppen aller Schattierungen, da jegliche private Versammlung außerhalb vom Staat als „Zusammenrottung“ geahndet wird. Vor allem aber sind es die Kirchengemeinden selbst, in denen sich der Widerstand formiert.

Gleichzeitig wächst der Druck des SED-Staats. Die Stasi-Überwacher sind allgegenwärtig, die Oppositionellen nehmen es mit Mut, Beharrlichkeit und Humor. „Das ist ja, als ob du mich zur Arbeit fahren würdest“, witzelt ihr Freund und Weggefährte Werner Fischer, als Marianne Birthler ihn einmal mehr in ihrem Dienst-Trabbi zum Verhör bringt. Doch all die Abschiebungen, Verhaftungen, Schikanen haben den gegenteiligen Effekt. In den Kirchen entstehen die Fürbittandachten, eine Mischung aus politischer Versammlung und Gottesdienst, die immer mehr Zulauf haben.

Ab dem 7. Oktober 1989 dann überschlagen sich die Ereignisse. Der Opposition ist gelungen, nachzuweisen, was ohnehin jeder weiß: Die Kommunalwahlen waren, wie alle anderen Wahlen in der DDR, gefälscht. Es kommt überall zu spontanen Demonstrationen – „heute würde man sagen, Flashmobs“, sagt Marianne Birthler. Die Polizei geht mit Gewalt gegen die Bürgerrechtler vor, es gibt Verhaftungen, Misshandlungen, Demütigungen. Doch zuletzt siegt die Opposition – es ist eine erfolgreiche Revolution und keine „Wende“. Den Begriff, den Egon Krenz ganz bewusst geprägt hat, meidet Marianne Birthler: „Es ist wie beim Segeln. Man wendet und wendet, aber eigentlich will man weiter in die gleiche Richtung.“

Ihre Zeit als Abgeordnete von Volkskammer und Bundestag, als Ministerin in Brandenburg, als Stasiunterlagen-Beauftragte – kaum vorstellbar, mit welcher Energie und Ausdauer Marianne Birthler sich immer wieder in immer neue Aufgaben eingearbeitet hat. „Wir mussten alles neu lernen, das ging schon mit Geldautomaten los. Oft kam ich mir vor wie eine Schulanfängerin. Und manchmal bekamen wir auch die Überheblichkeit im Westen zu spüren.“

In der Gesprächsrunde zum Schluss möchte ein Besucher wissen, wann Ost und West denn zusammengewachsen sein werden. Marianne Birthler bringt es auf eine persönliche Formel: „Solange ich höre – und das ist als Kompliment gemeint – ,Frau Birthler, man merkt gar nicht, dass Sie aus dem Osten kommen', haben wir noch ein bisschen was zu tun.“

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