SCHWEINFURT

Martin Zingsheims "Kopfkino"

Ein sanfter Schelm: Martin Zingsheim bei seinem zweiten Auftritt in der Disharmonie. Foto: Uwe Eichler

„Schönen guten Tag. Wir würden mit Ihnen gerne über Gott lästern.“ Er wirkt sanft, der Kabarett-Chansonnier Martin Zingsheim, wie er da vor vollen Reihen in der Disharmonie sitzt, sanft und ein wenig spitzbübisch. Der gebürtige Kölner hat es faustdick hinter den Ohren. Schon beim letzten Mal ging es außer um Kinder, Familie und die passenden Ratschläge („Ich und meine Frau wären gerne alleinerziehend“) vor allem um das Kreuz mit der Kirche. Im „Kopfkino“ malt er sich aus, wie es wäre, wenn Atheisten genauso offensiv auf Kundenfang gehen würden wie Missionare. Wer im Orwellschen Jahr 1984 geboren wurde, weiß offenbar kleine private Rebellionen gegen eine große Übermacht zu schätzen.

Der klavierspielende Lockenkopf, diesmal am Main mit Soloprogramm Nr. 2, nach Opus Meins, träumt nun von der Enteignung des Klerus. Wäre toll, wenn Kita-Kinder aus Goldkelchen naschen dürften oder prachtvolle Messgewänder um zitternd aus dem Meer steigende Lampedusa-Flüchtlinge gehüllt würden. „Die Geschichte der Kirche war nicht nur von Mord und Totschlag geprägt. Sondern auch von Folter und Erpressung.“ Für Zingsheim hören sich Gottes Antworten auf Gebete immer ein bisschen nach Klaus Kinski an.

Der Rheinländer ist ein Kind seiner (Schul-)Zeit: „Wir haben uns damals nicht nur nicht für Religion interessiert. Sondern für gar nichts.“ Dafür gab es, Ende der 1990er, Tic Tac Toe, den Maschndroohtzaun und die Fanta 4 in den Charts. „Normal und ruhig, das sind die Freaks“, warnte der Kabarettist. Familiendramen passieren zum Beispiel fast immer nur Heteros. Wann erschießt schon einmal ein Manfred seinen Dieter?

Ansonsten quäle die Gesellschaft vor allem Vieh und Korn, Stichwort Massentierhaltung und Monsanto. Zingsheim ist seit kurzem aggressiver Veganer. Sein Motto „Immer in die Kresse rein.“ Der gelernte Musikwissenschaftler singt eine Hymne auf Selbstversorger mit blühenden Balkonbeeten im Grönemeyer-Schwurbelstil: „Ich pflanz Radieschen in Form von einem Mandala, sogar Kerbel, keine Ahnung, was das ist.“ Wer an tierfreundliche Fleischerzeugung glaubt, findet auch Elektroschocks mit Ökostrom gut, meint der Piano-Philosoph. 140 Liter Wasser brauche es, bis eine Tasse Kaffee auf dem Tisch steht. Seitdem verzichtet er im Café auch noch auf das Glas Wasser zum Espresso.

Es sind wilde Assoziationssprünge, die Martin Zingsheim seinem Publikum abverlangt: Temporeiches „Kopfkino“ eben. Das Gespöttel driftet inhaltlich gerne mal ins Nirwana: „Mann über Bord, Frau überglücklich“ klingt zwischenrein gestreut irgendwie toll, mehr nicht. Die Meinungen im Publikum gehen auseinander, vor allem über die erste Hälfte. Wer sich auf das Gesamtkunstwerk Zingsheim einlässt, wird mit eigenen, hintersinnigen Gedanken- und Gefühlswelten jenseits der ausgetretenen Pfade des Musik-Kabaretts belohnt. Die Welt bleibt verwirrend für angepasste, duldsame Revoluzzer wie ihn.

Wie am Ende, beim Lied von der goldlockig den Fischer an die Rheinfelsen lockenden Loreley „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“. Was war bei Heinrich Heines postrevolutionären Biedermeier-Reimen noch mal der Sinn? Vermutlich: Mann über Bord, Frau überglücklich.

Schlagworte

  • Alleinerziehende Mütter
  • Atheisten
  • Chanson-Sänger
  • Klaus Kinski
  • Missionare
  • Monsanto
  • Rebellionen
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!