Schweinfurt

Mehr ÖPNV, aber wer fährt? Busfahrer verzweifelt gesucht

Bessere Verbindungen, engere Takte, mehr Pendler in Bussen statt im eigenen Pkw. Der Weg dahin ist schwierig, denn Busse kann man kaufen, Busfahrer aber nicht. 
Erst schrubben, dann schreiben, dann starten. Osman Tanimu ist einer von fünf Frauen und Männern, die über den Weg der Anpassungsqualifizierung und in Zusammenarbeit von Bundesagentur für Arbeit und Busunternehmer Harry Metz, Busfahrer geworden sind. "Super-Job" sagt der 30-jährige, der aus Ghana stammt, über seine neue Arbeit. Foto: Helmut Glauch

Er kommt gut an, der Ruf nach dem Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs. In Zeiten der Klimadiskussionen und der Suche nach Wegen, die Schadstoffbelastung zu reduzieren, lässt sich aus kommunalpolitischer Sicht gut punkten mit der Forderung zum Beispiel Pendler durch attraktive Angebote zum Umstieg vom Auto auf den Bus zu bewegen. Auch Busunternehmer Harry Metz, der sechs große Linien im Landkreis Schweinfurt, und damit rund 85 Prozent des stadtbusfreien Busverkehrs bedient, hätte nichts dagegen, die ÖPNV-Anbindung nach Schweinfurt weiter zu optimieren.       

Neue Fahrzeugflotte und attraktive Arbeitsplätze 

Die materiellen Voraussetzungen dafür hat der 61-jährige Unternehmer geschaffen, innerhalb von nur 28 Monaten 32 neue Busse mit Euro-6-Standard angeschafft, was für ihn eine Investition von 7,5 Millionen Euro bedeutet hat. 2009 hat er den Reiseverkehr aufgegeben, um sich ganz auf die Linien konzentrieren zu können. Die Hindernisse lauern anderswo. "Busse kann man beschaffen, Busfahrer sind so gut wie nicht zu bekommen", so seine Erfahrung die für die ganze Branche gilt.

Die Zeiten, als Berufssoldaten ohne große Brüche in die freie Wirtschaft wechselten, um dort als Busfahrer, Lkw-Fahrer, oder als Fahrschullehrer ihre Brötchen zu verdienen, sind vorbei. Auch Tanja Jaeckel, Arbeitsvermittlerin bei der Agentur für Arbeit hat die Erfahrung gemacht "Den Arbeitslosen Berufskraftfahrer gibt es eigentlich nicht". Auch der Nachwuchs steht nicht unbedingt Schlange Busfahrer zu werden, "die Industrie mit ihren Arbeitsplatzangeboten ist da eine große Konkurrenz".

Schöne Aussichten. Vom Fenster des Betriebshofes der Firma Harry Metz gleich neben dem Bahnhof, hat man einen guten Blick auf einen Teil der Flotte des Unternehmens. Foto: Helmut Glauch

Deutlich mehr Fahrer braucht ein Unternehmer wie Harry Metz aber nicht nur, um einen dichter werdenden Fahrplan bedienen zu können, sondern vor allem auch, um den Fahrern ein attraktiveres Angebot machen zu können. "Wir haben in hypermoderne Busse investiert, die den Fahrern alle Annehmlichkeiten bieten, dazu haben wir Schichtmodelle entwickelt, die dazu führen, dass die Leute ihre Touren gestraffter fahren können und ihnen mehr Freizeit bleibt". Also weniger Leerlauf zwischen den Fahrten und unterm Strich "mehr vom Tag" für die Fahrer und dank moderner Flotte ein Vorteil für die Umwelt. Das bedeutet für Harry Metz, der 44 Busse laufen hat, die von rund 50 Fahrerinnen und Fahrern an 365 Tagen im Jahr bewegt werden, dass er deutlich mehr Fahrer braucht. Fahrer, die über Tarif bezahlt würden, doch es bleibt beim Konjunktiv, der Markt ist leer.     

Leiharbeit ist nicht die Lösung 

Das Landratsamt als Aufgabenträger muss sicherstellen, dass die Bevölkerung mit angemessenen Verkehrsangeboten bedient wird. Wie die Busunternehmer, die die Konzessionen für die einzelnen Linien haben, dies personell meistern, ist ihre Aufgabe.  Und damit fühlt sich Harry Metz auch ein Stück weit allein gelassen. Harry Metz betreibt seine Linien eigenwirtschaftlich, das bedeutet "jeder Fahrgast zählt".

Es ist nicht etwa so, dass die Linien nur "abgefahren" werden und es egal wäre, wie viele Gäste zusteigen. Dafür braucht es gut ausgebildetes und freundliches Personal. Mit international agierenden Leiharbeitsfirmen hat Metz keine besonders guten Erfahrungen gemacht. Bei Mitarbeitern aus dem europäischen Ausland scheitere es oft an den Sprachkenntnissen, die nun mal im Umgang mit den Gästen, oder bei technischen Problemen und Rücksprachen mit dem Werkstattleiter notwendig seien.  

Vom ersten Tag angestellt und ab in die Fahrschule 

Viel besser lässt sich da eine Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit in Schweinfurt an. Dort gibt es ein Programm, das unter der Überschrift "Anpassungsqualifizierung" Menschen, die sich vorstellen können Busfahrer zu werden, passgenaue Angebote macht, so Tanja Jaeckel von der Bundesagentur. Die Hälfte der Qualifizierungskosten trägt die Bundesagentur, die andere Hälfte der Unternehmer. Die Kandidaten fahren zunächst ein paar Tage mit, erhalten eine Probefahrstunde, schauen sich den Betrieb an, der Chef schaut sich die möglichen Mitarbeiter an. Ist man sich einig, glaubt man an den gemeinsamen Erfolg, sind die künftigen Mitarbeiter vom ersten Tag an in der Firma eingestellt und Teil des Förderprogramms. Sie werden also dafür bezahlt, dass sie zunächst einmal acht bis zehn Wochen die Fahrschule besuchen, ihren Busführerschein machen und auch sonst alle bürokratischen und medizinischen Voraussetzungen für den Job nachweisen. 

Vorschuss an Vertrauen und in finanzieller Hinsicht

"Ein echter Vertrauensvorschuss", so Harry Metz und dies auch in finanzieller Hinsicht, denn keiner garantiert, dass die Kandidaten an Bord bleiben. Sechs solcher Qualifzierungsmaßnahmen wurden gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit durchgeführt, fünf Bewerber haben erfolgreich abgeschlossen. So wie zum Beispiel Osman Tanimu. Der 30-Jährige kommt aus Ghana, ist seit sechs Jahren in Deutschland und verfügt über ausreichend Sprachkenntnisse. "Super-Job", strahlt der junge Mann und schwingt den großen Wischer, um seinen Bus zu reinigen. Wenig später sitzt er hinter dem Steuer, füllt den Fahrtenschreiber aus und macht sich auf zu seiner Tour. Auch wenn am Anfang nicht alles perfekt geklappt hat, ging er am Ende doch mit Null Fehlerpunkten aus der Prüfung.

Osman Tanimu ist einer von fünf neuen Busfahrern, die die Anpassungsqualifizierung durchlaufen haben. Weitere sollen folgen. Foto: Helmut Glauch

Die Erfolgsquote ist gut, "ich bin sehr angetan von der Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit", bilanziert Harry Metz. Auch Tanja Jaeckel betont, dass ihre Mitarbeiterinnen sensibilisiert seien, Klienten, die sich vorstellen können als Busfahrer Fuß zu fassen, dieses Angebot zu unterbreiten, das Programm "Anpassungsqualifizierung" geht also in die nächste Runde. Harry Metz ist sich sicher, dass die Steigerung der Attraktivität des ÖPNV letztlich nur gelingen kann, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Es bringe nichts, optimierte Fahrpläne und engere Takte anzubieten, wenn man diese nicht auch personell abbilden könne. Eine  Aufgabe, die letztlich nur partnerschaftlich zu meistern sei.   

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