Ebrach

Mit Handicap über sich hinauswachsen

Freuen sich über die im Restaurant des Baumwipfelpfads Steigerwald eröffnete Ausstellung "Tief verwurzelt": Künstler, Musiker sowie die Vertreter der Lebenshilfe Schweinfurt mit ihrer Werkstatt in Sennfeld sowie Baumwipfelpfadleiterin Barbara Ernwein (rechts). Foto: Norbert Vollmann

Noch tiefer mit dem Baumwipfelpfad verwurzelt, als sie es ohnehin schon ist, ist jetzt bis Oktober die Lebenshilfe Schweinfurt. „Tief verwurzelt“ ist der Titel einer jetzt eröffneten Ausstellung, die zeigt, zu welcher Leistung und Kreativität Menschen mit Handicap in der Lage sind. Entstanden sind die Bilder und Skulpturen zum Thema Baum in der zur Lebenshilfe Schweinfurt gehörenden Tagesgruppe der Werkstatt für behinderte Menschen in Sennfeld. Sie besteht seit über 25 Jahren. Die Ausstellung präsentiert einen kleinen Quer- und Ausschnitt der langen Schaffensperiode.

Bäume ziehen Menschen seit jeher in ihren Bann. Da verwundert es nicht, dass im Laufe der Zeit zahlreiche Bilder und Objekte zu dem Thema in der von Josef Weinbeer geleiteten Therapiegruppe entstanden sind. Mit dem Restaurant am Baumwipfelpfad bei Ebrach wurde jetzt zugleich der ideale Rahmen für die bis Oktober dauernde, täglich von 9 bis 18 Uhr zugängliche Ausstellung gefunden.

In der von den Bayerischen Staatsforsten betriebenen Einrichtung auf dem Radstein wird seit der Eröffnung im März 2016 durch die Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe Schweinfurt Inklusion gelebt. Die Lebenshilfe-Tochter MSI – die Abkürzung steht für Markt- und Serviceintegrationsunternehmen – betreibt hier die Gaststätte und den Souvenirshop. Ebenso sorgt sie auf dem Radstein für den Kassen- und den Reinigungsdienst. Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten dabei unter gleichen Arbeitsbedingungen und bei gleicher Bezahlung Hand in Hand.

Wichtige Auszeiten

Doch zurück zur Ausstellung und zum Aussteller: Die Tagesgruppe der Werkstatt für behinderte Menschen Sennfeld, in der die Bilder für „Tief verwurzelt“ entstanden sind, ist ein bayernweit einzigartiges Angebot. Hier nehmen Werkstatt-Mitarbeiter vor allem bei psychischen Problemen auf der Suche nach neuen Perspektiven an dreiwöchigen „Auszeiten“ von ihrem Arbeitsalltag teil.

Ein Hingucker: Das aus das aus Weidenzweigen geflochtene „Ei.von“ der Tagesgruppe der Lebenshilfe-Werkstatt für behinderte Menschen in Sennfeld. Foto: Norbert Vollmann

Anstelle von zum Beispiel Lohnarbeiten für industrielle Auftraggeber wird geistig und mehrfach behinderten Menschen die Möglichkeit geboten, in Kleingruppen Neues im lebenspraktischen, kreativen und künstlerischen Bereich auszuprobieren und so die individuellen Fähigkeiten zu stärken und auszubauen. Gerade die Kunst, vom Malen über das Töpfern bis zum Flechten, spielt dabei neben dem gemeinsamen Kochen oder der Gartenarbeit etwa eine wichtige Rolle. Ohne jegliche Vorgaben und sonstige Beeinflussung entwickelt sie sich von alleine aus der sicheren und geschützten Atmosphäre und Umgebung heraus und gibt den Menschen zugleich Sicherheit und Struktur, so Josef Weinbeer. Er betreut die Außengruppe von den ersten Anfängen an. 

Die Qual der Wahl

Josef Weinbeer betont: „In den 25 Jahren hat sich eine Unmenge an Bildern angesammelt.“ So kam ihm die schwierige Auswahl der Objekte zu. „Für mich sind sie alle gleich viel wert, weil ich in jedem Fall den Mensch dahinter sehe.“ Am Ende hat er intuitiv 24 Bilder von zwölf verschiedenen Malerinnen und Malern ausgewählt. Dazu drei Holzskulpturen.

Das ist quasi das Titelbild, das im Foyer des Restaurants auf dem  Baumwipfelpfad Steigerwald auf dem Radstein bei Ebrach zum Besuch der Ausstellung "Tief verwurzelt" einlädt. Foto: Norbert Vollmann

Der Stolz Weinbeers auf die lange und erfolgreiche Arbeit mit seinen Schützlingen ist deutlich aus seinen Worten herauszuhören, wenn er sagt: „Was einmal als Projekt gestartet wurde, hat sich etabliert. Die Nachfrage ist groß.“

So unterschiedlich wie die Menschen sind, die in der Gruppe ihre Auszeit nehmen, so unterschiedlich sind die Techniken und Arbeiten. Die Bandbreite reicht vom Schulabgänger mit vielleicht 19, 20 Jahren bis hin zu Teilnehmern im Rentenalter von 65 Jahren. Dabei zuzusehen, wie sich die ihm anvertrauten Menschen und ihre Arbeiten entwickeln, das macht die anstrengende Arbeit für Josef Weinbeer andererseits so spannend und erfüllend. Eine Frau hat erst mit 60 Jahren mit dem Malen angefangen. Ihr „Garten Eden“ sticht besonders heraus.

Der Kniff mit den Stellelementen

Die Stellelemente für einen Teil der Bilder wurden wie die Bilderrahmen aus Holz in der eigenen Werkstatt gefertigt. Es handelt sich um eine geniale Lösung: Während darauf auf der Seite rechter Hand vom Eingang drinnen im Restaurant Bilder aufgehängt sind, zieren die Seite dahinter für diejenigen, die außen an den großen Fenstern vorbeiflanieren, der Hinweis auf die Ausstellung und ein jeweils zum Thema passender Sinnspruch. Einer aus dem Koran lautet etwa: „Ein gutes Wort ist wie ein guter Baum, dessen Wurzel fest ist und dessen Zweige in den Himmel reichen“. Die anderen Bilder sind an den Wänden im Restaurant auf der linken Seite vom Eingang aufgehängt. Ein besonderer Hingucker auf dem Tisch in dieser Ecke ist obendrein das aus Weidenzweigen geflochtene „Ei.von“ der Tagesgruppe.

Ausstellungen wie diese sind wiederum ein wichtiger Baustein für die Inklusion dieser Menschen mit Handicap, denn über ihre teilweise auch verkäuflichen Werke können sie ihre eigene Welt für andere sichtbar machen, sich darüber austauschen und sie erhalten obendrein gesellschaftliche Anerkennung.

Wenn Menschen über sich hinauswachsen

So stellte Martin Groove, der Geschäftsführer der Lebenshilfe Schweinfurt, bei der Vernissage im Beisein eines Teils der Künstler sowie von Ebrachs Bürgermeister Max-Dieter Schneider, dem Leiter der Lebenshilfe Werkstatt in Sennfeld, Günter Scheuring, und dem forstlichen Leiter im Handthaler Steigerwald-Zentrum, Andreas Leyrer, fest: „Bäume geben Halt und ermöglichen Wachstum. Dieses Netzwerk der tief- und Flachwurzler brauchen wir bei unserer täglichen Arbeit mit den Menschen mit Behinderung.“ Diese würden wiederum, buchstäblich über sich hinauswachsen, indem sie Kunstwerke mit großer Kraft und Ausstrahlung schaffen, so Martin Grove.

Auf der nach außen gewandten Rückseite der Stellelemente, auf denen im Inneren des Restaurants die Bilder hängen, sind Sinnsprüche zum Thema Wald und Baum zu lesen. Foto: Norbert Vollmann

Von Baumwipfelpfadleiterin Barbara Ernwein gab es für das Engagement ein dickes Kompliment. Sie sagte: „Die Idee mit der Ausstellung ist ganz fantastisch umgesetzt worden.“

Was Farbe zu bewirken vermag

Restaurantleiter Michael Greve machte deutlich: „Man sieht, was Farbe in so einem Raum auslösen kann. Wenn man noch dazu um den Hintergrund weiß, wie die Bilder entstanden sind, ist man noch beeindruckter.“

Musikalisch umrahmt wurde die Vernissage mit „natürlichen Klängen" der Tagesgruppe Weinbeer. Dies wurden etwa dem Monochord, einem Saiteninstrument für Menschen mit motorischen Einschränkungen, oder auch nur einer einfachen Vogelzwitscherpfeife entlockt. Oliver trug dazu das Gedicht „Die Wurzeln“ vor und verlas verschiedene der Sinnsprüche, die auf den Stellelementen zu finden sind.

Waldausstellungen im Paket
Neben der bis Oktober dauernden Ausstellung “Tief Verwurzelt“ im Restaurant des Baumwipfelpfades sind derzeit zwei weitere Ausstellungen zum Thema „Wald“ im benachbarten Steigerwald-Zentrum in Handthal zu sehen.
„Kein Wald vor lauter Bäumen“ lautete bis 26. Mai das Motto im Dauerausstellungsraum. Gezeigt werden dort von den beiden Bamberger Fotokünstlern Peter Eberts und Gerhard Schlötzer beeindruckende Fotografien und Fotoserien von Bäumen.
Im Vortragsraum ist ferner noch bis zum 1. Mai die Ausstellung „Waldhaftig schön“ aufgebaut. Für die gezeigten künstlerischen Arbeiten haben sich Studierende des Instituts für Kunstpädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München auf die Suche nach der Schönheit der heimischen Wälder begeben. (novo)
Die Ausstellung "Tief verwurzelt" im Restaurant Baumwipfelpfad Steigerwald auf dem Radstein bei Ebrach umfasst 24 Bilder von zwölf verschiedenen Malerinnen und Malern sowie drei Holzskulpturen, allesamt geschaffen von Menschen mit Handicap.  Foto: Norbert Vollmann

Schlagworte

  • Ebrach
  • Norbert Vollmann
  • Aussteller
  • Ausstellungen und Publikumsschauen
  • Baumwipfelpfad Steigerwald
  • Baumwipfelpfade
  • Behinderte
  • Fotokünstlerinnen und Fotokünstler
  • Künstlerinnen und Künstler
  • Lebenshilfe
  • Lebenshilfe Schweinfurt
  • Ludwig-Maximilians-Universität München
  • Malerinnen und Maler
  • Wald und Waldgebiete
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!