Garstadt

Mitarbeit bei der Weinlese: Zum Naschen keine Zeit

Über 40 Prozent Steigung: Die Weinlese im Weinberg der Familie Geßner erfordert Trittfestigkeit.
Über 40 Prozent Steigung: Die Weinlese im Weinberg der Familie Geßner erfordert Trittfestigkeit. Foto: Anand Anders

Ich bin noch gar nicht richtig angekommen, da sitze ich schon im Transporter Richtung Weinberg, oder besser „Wengert“, wie man in Garstadt sagt. Es ist ein Montag im September, 7.30 Uhr am Morgen, Weinlese mit den Mitarbeitern des Weinguts Geßner. Jede Minute zählt, es wird ein langer Tag. Einer als Reporter in Betrieb, an dessen Ende ich eine gute Flasche Wein noch viel mehr schätze.

Falsche Schuhwahl

Eigentlich sollte ich es ja von den anderen bisherigen Reporter-Einsätzen wissen: Gute Vorbereitung ist das halbe Leben. Nun ich fühle mich zumindest richtig angezogen – eine Hose, die dreckig werden kann, Arbeitsjacke, die ich auch zu Hause verwende, selbst an Handschuhe habe ich gedacht. Doch das mit den Schuhen habe ich natürlich wieder in bewährter Manier unterschätzt. Als wir aus dem Auto am Weinberg steigen, wirft Robert einen skeptischen Blick auf meine Schuhe. Turnschuhe, aber mit fester Sohle. Er und die zwölf anderen Weinleser, darunter zwei Frauen, tragen natürlich Gummistiefel. Der Fachmann weiß, dass in so einem Weinberg nicht gerade Wüstenklima herrscht, der Schikora muss das erst lernen: Nach einer Minute sind die Schuhe nass bis auf die Socken. Und der Tag hat erst begonnen.

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Reporter in Betrieb

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Immerhin werden meine grüne Schere und ich schnell Freunde. Die dicht gewachsenen grünen Silvaner-Trauben runter zu schneiden, fällt mir einigermaßen leicht, weil wir selbst an unserem Haus zwei Weinstöcke haben. Die allerdings nach wie vor der Ernte harren. Konzentriert sein muss man trotzdem, zum einen weil immer zwei Leute sich gegenüber stehen und den Weinberg Trauben schneidend hochlaufen, dann mit der nächsten Zeile Trauben schneidend wieder runter.

Dem anderen in den Finger zu schneiden, wäre da nicht ganz so lustig. Auch nicht, versehentlich die dicken Äste der Reben abzuschneiden. Zum anderen müssen die essigsauren Trauben ausgelesen werden, sie kommen nicht in den großen Bottich.

Naschen erlaubt

Die Trauben sind schön reif, Naschen ist auch erlaubt, doch Zeit bleibt dafür kaum. Die ersten zwei Stunden bis zur Kaffeepause vergehen fast wie im Flug, sind aber verflucht anstrengend. Bis zu 45 Prozent Gefälle hat der Weinberg. Ich merke erst, als zum wiederholten Mal mein Eimer umfällt und mir Trauben ein paar Meter den Berg hinunterkullern, wie steil es geworden ist. Roberts Rat: Fuß vor den Eimer. Gold wert.

Den Blick über das Maintal schweifen zu lassen, ist fast nicht möglich. Alle paar Minuten kommt der Traktor mit dem großen grünen Bottich hinten dran, in den die Eimer geleert werden. Wenn er den Anhänger voll hat, werden die Trauben gleich in die Presse gebracht, wo Firmenchef Uwe Geßner schon wartet. Die Lese-Helfer machen ihren Job routiniert, einige sind seit Jahrzehnten dabei und ich frage mich, warum sie das machen, auch noch als Rentner.

Robert ist zum Beispiel gelernter Landwirt, war dann Polizist, könnte heute die Beine hochlegen, das Leben genießen und sich beim Schöppeln an die guten alten Zeiten im Weinberg erinnern. Geschafft hat er in seinem Leben sicher genug, wie auch die 70-Jährige Eva. „Weil's Spaß macht“, antwortet Eva kurz.

Stolz auf das Geleistete

Beim Arbeiten mit naturverbundenen Menschen, lernt man erst wieder zu schätzen, was ehrliche Arbeit eigentlich ist. Die leiste ich als Büromensch auch, aber ich kann nicht verhehlen, dass ich nach viereinhalb Stunden im Weinberg mit einem gewissen Stolz auf die Traubenernte blicke und mir der Geruch der Trauben und des Bodens durchaus gefällt. Trotzdem bin ich angesichts meines schmerzenden Rückens überzeugt, dass der griechische Sagenheld nicht Sisyphos, sondern Bacchiphos heißt, weil er ständig Weinfässer den Berg hinaufrollte.

Das Weingut Geßner, das Uwe und seine Frau Inge betreiben, ist in Garstadt und Umgebung bekannt. Für Qualität, Vielfalt und Heimatverbundenheit. Als mir Uwe aufzählt wie viele verschiedene Rot- und Weißweinsorten sie im Programm haben, komme ich fast nicht mit – auf der Preisliste finden sich 39 inklusive der Seccos.

Uwes Vater Ferd startete 1981 mit eineinhalb Hektar im Nebenerwerb. 1996 entschied sich sein Sohn, auf Vollerwerb umzustellen. Heute bewirtschaftet man 19 Hektar rund um Garstadt, die Weine daraus werden alle selbst vermarktet.

Schmucke Vinothek

Schon in den 90er Jahren hatten die Geßners einen alten Bauernhof im Ort an der Hauptstraße gekauft, wo heute die Pressen sind und die beliebten Hoffeste veranstaltet werden. Dazu kommt seit fast 30 Jahren die schon unter dem Vater gut gehende Heckenwirtschaft. 2010 „wollten wir's noch mal wissen“, wie sich Inge Geßner ausdrückt, auf dem alten Grundstück am Kirchsteig bauten sie eine neue schmucke Vinothek und eine moderne Kellerei mit Stahltanks, in denen bis zu 200 000 Liter Wein lagern. Die Zukunft des Unternehmens ist gesichert, Sohn Marco hat Winzer gelernt, arbeitet im Betrieb mit.

Gemeinsames Mittagessen

Heilig ist den Geßners das gemeinsame Mittagessen mit ihren Mitarbeitern, nicht nur während der Lesezeit. Da kommen alle zusammen, machen kräftig Brotzeit, unterhalten sich und man merkt, dass das Geheimnis guten Weines auch ein gewisser Familienzusammenhalt ist. Kurz vor 13 Uhr steht Eva auf, „Husch, die Waldfee, der Silvaner wartet.“ Kaum gesagt, gehen schon die Türen des Transporters auf, alle steigen ein, die Weinlese geht weiter.

Ich bin ein klein wenig erleichtert, dass ich mir den Rest des Betriebs auch noch anschauen möchte – es warten noch genug Herausforderungen. Uwe Geßner führt mit dem Stolz eines Weinbauern, der seinen Beruf voller Leidenschaft ausführt, durch seinen Betrieb. Nach der Weinlese werden die Trauben gepresst, der Traubensaft über eine gut hundert Meter lange unterirdische Leitung dann in die Stahltanks in der Kellerei gepumpt. Der Trester, die Reste wie Blätter, Traubenhaut, Stängel nach dem Pressen, kommt auf den Kompost und im nächsten Jahr zum Düngen auf den Weinberg. Über Nacht wird der frisch gepresste Traubensaft erst sedimentiert, dann mit Hefe vergoren, mehrmals filtriert und nach entsprechender Ruhezeit schließlich abgefüllt. Die Fachleute sagen dazu, der Wein wird ausgebaut.

Turnübung im Tank

A propos ausbauen. Das Loch in den Sedimentationstanks hätte man durchaus ein wenig größer machen können. Marco kriecht behände voraus, er macht das ja ständig, ich zwänge mich hinterher und wenn ich schon nicht lachen kann, mache ich wenigstens unserem Fotografen eine Freude bei den Turnübungen. Die Tanks müssen regelmäßig innen gereinigt werden von den Traubenresten, deshalb gilt es schlank zu bleiben.

Bevor ich am späten Nachmittag einen kleinen Schoppen probiere, gibt es noch den Höhepunkt für Technikfreaks: Vollernter-Einsatz im Weinberg. Wie der Wipfelder Rainer Thaler da durch den Weinberg bei Hergolshausen saust, ist schwer beeindruckend. Er schafft in knapp 45 Minuten das an Fläche, was wir 13 Helfer am Vormittag in vier Stunden erledigten. Die Trauben werden von dem über die Weinstöcke fahrenden Ernter vom Stielgerüst geschüttelt, ein in der Tat bemerkenswerter Vorgang. Allerdings kann man nicht jede Lage vollautomatisch ernten, vor allem wenn der Weinberg zu steil ist. Da sind dann die Erntehelfer wieder gefragt.

Tagblatt-Serie Reporter in Betrieb

Denken Sie nicht auch manchmal, wie schön es wäre, die anderen arbeiten zu lassen, den Herbst zu genießen. Kein Problem: Mieten Sie sich einen Redakteur. Mit unserer neuen Serie „Reporter in Betrieb“ wollen wir Zeitungsleute auch mal selbst über den Tellerrand schauen – nicht immer nur Stadtratssitzung und Jahreshauptversammlung, das wirkliche Leben ruft. Wir wollen wissen, wie geht es denn in anderen Berufsfeldern tatsächlich zu?

Unser Vorschlag: „Reporter in Betrieb“. Sie haben einen interessanten Job, den Sie uns zutrauen, dann melden Sie sich. Schreiben Sie uns, wen wir wo ersetzen sollen. Entweder per Post an Schweinfurter Tagblatt, z. Hd. Oliver Schikora, Schultesstraße 19a, 97 421 Schweinfurt, oder per Mail an red.schweinfurt@mainpost.de

Die Redakteure Katja Beringer, Josef Schäfer, Oliver Schikora, Irene Spiegel und Susanne Wiedemann wählen die Angebote aus und wir krempeln dann die Ärmel hoch. Wie es uns ergangen ist, lesen Sie nach den Arbeitseinsätzen dann in unseren Samstagsausgaben.

Schlank sein hilft: Marco Geßner amüsiert sich über den Ausstieg aus dem Tank.
Schlank sein hilft: Marco Geßner amüsiert sich über den Ausstieg aus dem Tank. Foto: Anand Anders
Konzentration bei der Weinlese: Reporter Oliver Schikora im Einsatz.
Konzentration bei der Weinlese: Reporter Oliver Schikora im Einsatz.
Im Weinkeller bei den Eichenfässern erklärt Uwe Geßner, worauf es ankommt.
Im Weinkeller bei den Eichenfässern erklärt Uwe Geßner, worauf es ankommt.

Rückblick

  1. Tag im Grünen: Arbeitseinsatz bei der Solidarischen Landwirtschaft
  2. Reporter in Betrieb: Glühweinausschank für Anfänger
  3. Mit dem Weihnachtsmann durch die Nacht
  4. Fränkische Landwirtschaft: Wo Mensch und Tier gemeinsam leben
  5. Mensa: Wo es günstig, schnell und trotzdem lecker sein soll
  6. Vesperkirche: Wo Gemeinschaft durch den Magen geht
  7. Auf Tour mit der mobilen Tierärztin
  8. Mit dem 20-Liter-Fass in den Gewölbekeller
  9. Nachschub für Heizöltank und Tankstellen
  10. Die Tafel. Oder: Essen wo es hingehört
  11. Hebammenalltag: Schmerzen, Flüche und ein lauter Schrei
  12. Ein Knochenjob
  13. Herr über sechs Millionen Liter Wasser
  14. Der Touri-Toni, die aktuelle Wettervorhersage und die Suche nach Zimmern
  15. Zwischen Friedhof und Elektroauto
  16. Zwischen Stall und Teller
  17. Brotzeit mit Herz
  18. Vom „Beckenbauer“ zur Doppelzunge
  19. Ein guter Whisky braucht Geduld, Erfahrung und Leidenschaft
  20. Adlerauge für den Datenhighway
  21. Mitarbeit bei der Weinlese: Zum Naschen keine Zeit
  22. Reporter in Betrieb: Anpacken in der Bücherei
  23. Wenn's die Pause richtig in sich hat
  24. Reporter in Betrieb: Jede Bohne erzählt ihre Geschichte
  25. Reporter in Betrieb: Abdrückschaufel und Felgenspanner
  26. Eine Schicht in der Großküche: Cordon Bleu am Fließband
  27. Zwischen Leben und Tod: Unterwegs mit Bestattern
  28. Im Kreislauf des Lebens: Ein Tag im Altenheim
  29. Serie „Reporter in Betrieb“: Die Arbeit mit der Kunst
  30. Naschen erlaubt: Einsatz auf dem Erdbeerfeld
  31. Ein Tag als Tierpflegerin: Frauen, die für Ziegen scharren
  32. Neue Serie: Reporter in Betrieb

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