Gerolzhofen

Nach Urlaub in Ischgl: Gruppe aus Unterfranken teils an Corona erkrankt

14 Freunde aus der Region Schweinfurt genossen unbeschwerte Tage in Ischgl - ohne zunächst zu wissen, dass sie sich in einem Corona-Hotspot befanden. Einige sind nun infiziert.
Die österreichische Region Paznauntal mit dem Touristenort Ischgl steht wegen einer erhöhten Zahl von Coronavirus-Fällen seit dem 13. März unter Quarantäne. Eine Urlaubergruppe aus dem Raum Schweinfurt konnte kurz zuvor noch abreisen. Foto: Jakob Gruber, dpa

Die 14 Freunde, allesamt aus Gemeinden im Dreieck Schweinfurt, Gerolzhofen und Haßfurt stammend, fahren schon seit vielen Jahren gemeinsam zum Skifahren und Abfeiern nach Ischgl im österreichischen Bundesland Tirol. Mit dabei: Ein Unternehmer aus dem südlichen Landkreis Schweinfurt. Seinen Namen will der 51-Jährige lieber nicht öffentlich nennen. "Bitte ersparen Sie mir das Spießrutenlaufen", sagt er am Telefon.

Am Dienstag, 10. März, starten die Freunde frühmorgens um vier mit zwei Kleinbussen in Richtung Ischgl. Die Stimmung ist bestens. Denn schon am Nachmittag geht es auf die Piste. "Keiner von uns wusste da irgendwas vom Coronavirus in Ischgl." Am ersten Abend, als sich die Gruppe traditionell zum Après-Ski aufmacht, stellen die Freunde enttäuscht fest, dass das von ihnen sonst gern besuchte Wirtshaus "Kitzloch" geschlossen hat.

Die Apres-Ski-Bar "Kitzloch" war bereits geschlossen, als die Urlaubergruppe aus Unterfranken in Ischgl eintraf. Foto: Jakob Gruber, afp

"Man hat uns erzählt, dass dort ein Barkeeper angeblich positiv auf Corona getestet wurde", berichtet der 51-Jährige. Aber alle anderen Lokalitäten sind noch geöffnet. Und so stürzen sich die Unterfranken dort ins Nachtleben. "Wir sind am ersten Abend gleich durch fünf oder sechs Lokalitäten gezogen, da waren Tausende unterwegs und haben auf engstem Raum abgefeiert." Das Coronavirus sei nirgends ein Thema gewesen.

Island hat Ischgl bereits am 5. März als Risikogebiet eingestuft

Inzwischen weiß man, dass die Regierung von Island bereits am 5. März den Wintersportort Ischgl als Risikogebiet deklariert hatte, nachdem eine Gruppe von 14 isländischen Urlaubern infiziert aus dem Skiurlaub in die Heimat zurückgekommen war. Der Corona-Fall im "Kitzloch" - die Gaststätte ist laut eigener Homepage ein "Hotspot für Après-Ski Parties" - ist dann am 7. März festgestellt worden, berichten österreichische Medien. Also schon drei Tage bevor die Skifahrer-Gruppe aus Unterfranken eintraf. Inzwischen wird Ischgl im Paznauntal als Brutstätte für den Ausbruch des Coronavirus in weiten Teilen Europas angesehen. "Jetzt ist klar, dass die dort Geschäfte gemacht haben auf Kosten unserer Gesundheit", kritisiert der Unternehmer aus dem Landkreis Schweinfurt. 

Der zweite Tag in Ischgl verläuft aus Sicht der Urlauber ohne Zwischenfälle. "Am Mittwochabend haben wir beim Feiern dann aber erfahren, dass dies der letzte Abend der Saison mit Après-Ski sein soll", berichtet der 51-Jährige. Tatsächlich sind am Donnerstag alle Après-Ski-Kneipen geschlossen. "Nur noch die Restaurants und Bars in den Hotels waren geöffnet."

Und auf der Skipiste gibt es ab Donnerstag plötzlich die Regelung, dass nur jeweils vier Personen in eine Gondel der Seilbahn dürfen. Als Vorsichtsmaßnahme vor dem Coronavirus, habe es geheißen, erinnert sich der Unterfranke. "Wir empfanden das als ziemlichen Blödsinn, denn in der langen Warteschlange vor dem Drehkreuz der Seilbahn standen ja Hunderte Menschen dicht an dicht." Und weiter oben am Berg sei man von der Gondel auf die Sessellifte umgestiegen. "Und da wurden die Sechs- und Achtsitzer auch wieder komplett vollgepackt."

Die Unterfranken brechen ihren Urlaub ab

Bei den Urlaubern aus Unterfranken reift im Laufe des Donnerstags der Entschluss, den Urlaub abzubrechen. Das Risiko, sich in den Gaststätten oder im Stau vor den Ski-Liften mit dem Coronavirus anzustecken, ist vielen zu hoch geworden. Und so starten am Freitag, 13. März, die beiden Busse nach dem Frühstück in Richtung Heimat. Als die Gruppe losfährt, sehen sie, wie ein uniformierter Trupp in Schutzkleidung ein Hotel betritt. Man ahnt Schlimmes.

Während der Rückfahrt erfahren die Urlauber, dass der österreichische Kanzler Sebastian Kurz gerade angekündigt hat, noch am Freitag das komplette Tiroler Paznauntal zu isolieren. Von den schier panikartigen Szenen, die sich danach in Ischgl abspielten, bekommen die Unterfranken nichts mehr mit. Man hat bereits die deutsche Grenze überschritten. Ohne Kontrolle. 

Unter dem Eindruck des radikalen Schritts von Kanzler Kurz beschließen die Ski-Urlauber noch im Bus, sich telefonisch beim Gesundheitsamt Schweinfurt zu melden und auf die mögliche Corona-Gefahr hinzuweisen. Die Antwort der Behörde ist unmissverständlich: Die 14 Freunde sollen sich nach der Ankunft sofort für 14 Tage in häusliche Quarantäne begeben. Auf keinen Fall zum Hausarzt oder ins Krankenhaus gehen, und sich von Ehepartner, Kinder und Eltern möglichst fernhalten. Per Handy werden die Familien daheim vorab informiert. Dass dann einer der beiden Busse auch noch mit einem technischen Defekt bei Marktbreit (Lkr. Kitzingen) auf der Autobahn liegenbleibt, passt ins Gesamtbild. "Es war halt Freitag, der 13."

Quarantäne im Gartenhäuschen oder im Spitzboden

Seit seiner Rückkunft lebt der Unternehmer aus dem Landkreis Schweinfurt nun alleine in seiner Wohnung. Die Freundin darf nicht kommen. Andere Teilnehmer der Fahrt haben sich ins Gartenhäuschen oder in den Spitzboden ihres Hauses zurückgezogen, um die eigene Familie nicht anzustecken. Vier Junggesellen haben für die Zeit der Quarantäne eine Wohngemeinschaft gegründet. Über eine WhatsApp-Gruppe tauscht man sich aus. Dort erfährt der 51-Jährige, dass mindestens vier Teilnehmer bereits Symptome zeigen und deshalb vom Gesundheitsamt getestet wurden. Das Ergebnis: "Sie sind alle positiv."

Der 51-Jährige selbst fühlt sich gesundheitlich noch fit, obwohl er davon ausgeht, dass er auch infiziert ist. Er versucht momentan, von zuhause aus seinen Betrieb mit 20 Mitarbeitern so gut wie möglich zu steuern. Beim Gesundheitsamt in Schweinfurt dringt er mehrmals telefonisch darauf, schnellstmöglich getestet zu werden, um Klarheit über seinen Gesundheitszustand zu haben. Doch er wird vertröstet. Man sei überlastet, heißt es, und erst kämen diejenigen Patienten dran, die schon Symptome zeigen. "Mein Argument, dass ich eine Firma führen muss, zählt Null-komma-Null."

Test am Tag zehn

Am zehnten Tag nach seiner Rückkehr aus Ischgl klingelt es am vergangenen Sonntagabend gegen 20 Uhr dann doch bei ihm. Zwei Mitarbeiter des Schweinfurter Gesundheitsamts nehmen bei der 51-Jährigen eine Probe. Es könne jetzt weitere fünf bis sieben Tage dauern, bis ein Ergebnis vorliege, sagt man ihm. Und so lange bleibt die Quarantäne auf jeden Fall bestehen, ehe es dann noch einen zweiten Test geben wird. Der Unternehmer aus dem Landkreis Schweinfurt hat sich in sein Schicksal gefügt. "Und das alles nur wegen diesem Ischgl."

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