NIEDERWERRN

Nach dem Asyl Kampf um eine Wohnung

Auf einen Kaffee: Landrat Florian Töpper und Bürgermeisterin Bettina Bärmann trafen sich im Wern-Café mit Flüchtlingsfamilien. Foto: Uwe eichler

Manchmal scheitert Integration an ganz banalen Dingen. Werner Lehrl etwa, ehrenamtlicher Sprachlehrer aus Niederwerrn, wollte einer Afghanin Deutsch beibringen. Es wollte partout nicht klappen, die Flüchtlingsfrau schien einfach nicht zu verstehen, was sie da lernen sollte. Bis herauskam, dass die Afghanin wirklich kaum ein Wort verstand: Sie war durch eine Erkrankung fast taub.

Ums größere Verständnis ging es, als Landrat Florian Töpper das „Werncafé“ in der Schweinfurter Straße besuchte, anlässlich des heutigen Weltflüchtlingstags: Der Treffpunkt für Einheimische und Migranten ist zwar in seiner Art einzigartig im Landkreis, aber nur ein Beispiel für gelebtes ehrenamtliches Engagement rund um die Stadt. „Bewältigung der Flüchtlingsaufgabe“ nenne sich das Thema in Verwaltungsdeutsch, so Töpper: „Ich rede lieber von Integration“. Der Landrat erinnert an die 1250 Menschen, die in diesem Jahr offiziell auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken sind. Es gebe sicher frustrierende Erfahrungen, aber auch Erfolge im Ehrenamt.

Gründung vor zwei Jahren

Vor zwei Jahren wurde das Werncafé gegründet, im August ist offizielles Jubiläum. Claudia und Robert Langhammer haben ihr Haus, einen ehemaligen Kolonialwarenladen, zur Verfügung gestellt. Nun werden hier, unter Trägerschaft der Gemeinde und der Schweinfurter Diakonie, Flüchtlingsfamilien betreut, bei Behördengängen ebenso wie auf Wohnungssuche oder der Überwindung der Sprachbarriere. Oder man triffft sich einfach zum multikulturellen Kaffeekränzchen, Montag und Donnerstag von 14 bis 17 Uhr.

„Es kommen auch Nichtasylbewerber“, sagt eine stolze Bürgermeisterin Bettina Bärmann, mit besonderen Dank an die Ehrenamtlichen, vom Sport- bis zum Frauenverein.

Die Hälfte sind „Fehlbeleger“

Es geht um Menschen wie die Familien Rasulli und Moyeb Zade aus Afghanistan oder die Osmans aus Syrien: Die kurdische Familie, mit zwei an Glasknochenkrankheit erkrankten, auf den Rollstuhl angewiesenen Kindern, war auf der Suche nach einer barrierefreien Bleibe, nachdem sie die dezentrale Unterkunft des Landkreises verlassen musste, und hat sie mittlerweile gefunden. Wohnungen für anerkannte Asylbewerber werden im Kreis händeringend gesucht.

Gisela Westendorf , im Landratsamt Vizeleiterin im Amt für Soziales, berichtet, dass fast die Hälfte der 941 Personen, die aktuell in Kreis-Unterkünften leben, „Fehlbeleger“ sind, die sich nach der Anerkennung eine eigene Wohnung suchen müssten – aber nur schwer finden. Syrer, Afghanen, Ukrainer führen derzeit das Feld der Flüchtlinge an, mit einem neuen Trend: „Der Schwerpunkt wandert Richtung Afrika“, so Westendorf. Und: „Wir haben Order, mit den sinkenden Flüchtlingszahlen auch die Zahl der Unterkünfte zurückzufahren“. Entsprechend steige der Druck.

Stimmung merklich abgeflaut

„Die Wohnungsvermietung ist eine schwierige Baustelle“, bestätigt Töpper. Nach der euphorischen „Willkommenskultur“ 2015 sei die Stimmung merklich abgeflaut, entsprechend auch die Bereitschschaft, an Menschen aus fremden Kulturkreisen zu vermieten – und sei es nur aus Sorge, dass die neuen Bewohner nicht lange bleiben werden. „Der syrische Bürgerkrieg wird noch länger dauern“, sagt Stefanie Mager, Ehrenamtskoordinatorin der Diakonie, die zusammen mit der gemeindlichen Beauftragten Daniela Demar und der Ehrenamtlichen Ingrid Schubert die Werncafé-Gemeinschaft betreut.

Im Haus leben afghanische Mieter, die Langhammers haben nur positive Erfahrungen gemacht. Bei der Diakonie ist Udo Wachter ehrenamtlicher Koordinator der Wohnungsbörse (wachter.udo@gmail.com).

Auch Erfolge der Integration gewürdigt

Ansonsten werden einen Nachmittag lang die Erfolge der Integration gewürdigt: Nurola aus Afghanistan etwa, der seit September eine Ausbildung im Berufsschulzentrum Alfons Goppel absolviert. Oder Bina Ali, die schon mit drei Jahren in einen deutschen Kindergarten gekommen ist, und gerade ihr Abitur am Rathenau-Gymnasium bestanden hat. Der ehemalige Schulleiter des Humboldt-Gymnasiums, Ernst Häublein, ist mit dem Vater befreundet. Binas Traumberuf wäre Kinderärztin, angesichts des „Numerus clausus“ wird es wohl auf Jura hinauslaufen. „Ich bin stolz auf meine Tochter“, sagt Mutter Schaima, die Wert darauf legt, dass alle drei Kinder eine gute Ausbildung erhalten.

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