GEROLZHOFEN

Naturerlebnis das ganze Jahr

Immer draußen sein, bei Wind und Wetter, zu allen Jahreszeiten. Und dabei viel über die Natur lernen. An einem Donnerstag im Februar 2006 hatte Erzieherin Ulli Hillebrand die Idee, in Gerolzhofen einen Waldkindergarten zu etablieren. Am folgenden Montag saß sie beim damaligen Bürgermeister Hartmut Bräuer im Rathaus und trug ihre Idee vor. Der Bürgermeister war sofort dafür zu haben. Für ihn war es ein Vorteil, neben der Kirchenstiftung einen zweiten Träger in der Stadt anbieten zu können. Die Umsetzung der Idee ging atemberaubend schnell. Zuerst entwickelte sich alles in Richtung eines Betriebskindergartens für die Mitarbeiter der Klinik am Steigerwald gedacht. Aber es fanden sich rasch acht Familien mit zwölf Kindern von außerhalb der Klinik, die sich für die Idee begeisterten und ihre Kinder in eine solche Einrichtung schicken wollten. Sie gründeten den Trägerverein Waldkindergarten Gerolzhofen. Es fehlte jedoch am Startkapital. Wieder half die Klinik. Sie stellte 5000 Euro bereit gegen die Zusicherung, dass auch Klinikangestellte ihre Kinder in den Waldkiga schicken durften. Gemeinsamem wollte man sich auch eine Kraft teilen, die das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ) leistet. So geschieht es bis zum heutigen Tag, zehn Jahre nach der Gründung. Doch wo sollte der Kindergarten hin? Zusammen mit Revierleiter Volker Conrad streifte Ulli Hillebrand durch das Mahlholz, den Gerolzhöfer Stadtwald. Der Förster schlug eine Stelle mitten im Wald vor. Doch auch die Untere Naturschutzbehörde hatte da ein Wörtchen mitzureden. Deren Leiter Jürgen Kiefer brachte den Platz am Waldrand Richtung Alter Berg ins Spiel, der es dann auch wurde. Lediglich zwei Bäume mussten weichen. Ulli Hillebrand war zunächst etwas skeptisch, weil der Trimmpfad direkt am Waldkiga vorbeiführt und sie sich mit den Kindern etwas exponiert vorkam. Aber das hat sich gelegt. Der Aufbau des Kindergartens vollzog sich in Eigenarbeit. Eine Hütte müsste her, denn Jürgen Kiefer akzeptierte den ursprünglich geplanten Bauwagen im Wald nicht, erinnert sich Ulli Hillebrand. Der heutige Stadtrat Christian Ach zeichnete die Pläne. Das Bauholz stiftete die Stadt, allerdings nur indirekt. Es bestand aus vom Borkenkäfer befallenen Fichtenstämmen, die die Eltern schälten und dann in der Geusfelder Zimmerei Zipfel gegen das Holz eintauschten, aus dem die Hütte besteht. Am Anfang gab es viele Zweifler. Ulli Hillebrand erinnert sich an eine Stimme: „Ihr werdet da draußen erfrieren. Ihr werdet schon wieder gekrochen kommen.“ Doch es lief. Der Waldkindergarten mit seinen aktuell 21 Bedarfsplätzen war bis zum heutigen Tag immer ausgebucht. In manchen Jahren gabes sogar mehr Nachfrage als Angebot, so dass Kinder abgewiesen werden mussten. Die nicht geringe Verwaltungsarbeit des staatlich anerkannten Kindergartens erledigt der Trägerverein. Behördengänge gehören dazu. Alle Leistungen geschehen ehrenamtlich. Erste Vorsitzende waren vor zehn Jahren Anneke Schilling und Karin Förster, heute sind es Norbert Groeger und Daniela Triebel. Manche Elternteile im Vorstand machten sogar länger mit, als sie Kinder im Waldkiga hatten. Inhaltlich lehnt sich auch der Waldkindergarten an den Kreis des Kirchenjahres an. St. Martin, St. Nikolaus und Weihnachten werden genau so gefeiert wie in den von der Kirche getragenen Kindergärten der Stadt. „Es ist ganz wichtig, das nicht auszublenden, es gehört zu unserem Kulturkreis“, sagt Ulli Hillebrand, die selbst aus der kirchlichen Jugendarbeit stammt. Viel stärker als andere erleben die Kinder vom Mahlholz die Jahreszeiten, lernen Blüte, Wachstum und Reife von Äpfeln und Kartoffeln kennen, begeben sich auf Fährtensuche nach tierischen Mitbewohnern des Waldes. „Diese Kinder werden ihr Lebtag lang den Wald schätzen und schützen“, ist sich Ulli Hillebrand sicher. Norbert Groeger und Daniela Triebel glauben, dass der natürliche Bewegungsdrang der Kinder hier am besten befriedigt werden kann. Das habe auch positiven Einfluss auf die geistige Entwicklung. Spielsachen sind nicht einfach da, sondern werden selbst erarbeitet. „Das hilft später in der Lösungsfindung“, sagt Groeger. Außer einem Notaggregat für die dunkle Jahreszeit gibt es keinen Strom und auch kein fließendes Wasser. Kosten für Müllabfuhr oder Reinigung fallen nicht an, das gesparte Geld fließt alles in die Betreuung. Waldkindergartenkinder bekommen zwar auch mal eine Erkältung, sind aber grundsätzlich resistenter gegen Infektionen und so gut wie nie chronisch krank. Mit den andern Kindergärten der Stadt gibt es keine Berührungsängste. Man feiert gemeinsame Gottesdienste und besucht sich gegenseitig. Den Kindern hat die Zeit im Mahlholz offensichtlich sehr gut gefallen. Darauf lässt sich schließen, weil immer wieder Jungs und Mädchen zurückkommen, die heute schon Teenager sind und sich mal umschauen wollen, was heute so geht. Und die kleinen Mathilda Groeger hat sogar ihren letzten Ferientag, bevor sie eingeschult wurde, im Waldkindergarten verbracht. Foto: Ulli Hillebrand

Immer draußen sein, bei Wind und Wetter, zu allen Jahreszeiten. Und dabei viel über die Natur lernen. An einem Donnerstag im Februar 2006 hatte Erzieherin Ulli Hillebrand die Idee, in Gerolzhofen einen Waldkindergarten zu etablieren.

Am folgenden Montag saß sie beim damaligen Bürgermeister Hartmut Bräuer im Rathaus und trug ihre Idee vor. Der Bürgermeister war sofort dafür zu haben. Für ihn war es ein Vorteil, neben der Kirchenstiftung einen zweiten Träger in der Stadt anbieten zu können.

Die Umsetzung der Idee ging atemberaubend schnell. Zuerst entwickelte sich alles in Richtung eines Betriebskindergartens für die Mitarbeiter der Klinik am Steigerwald gedacht. Aber es fanden sich rasch acht Familien mit zwölf Kindern von außerhalb der Klinik, die sich für die Idee begeisterten und ihre Kinder in eine solche Einrichtung schicken wollten. Sie gründeten den Trägerverein Waldkindergarten Gerolzhofen.

Kein Startkapital

Es fehlte jedoch am Startkapital. Wieder half die Klinik. Sie stellte 5000 Euro bereit gegen die Zusicherung, dass auch Klinikangestellte ihre Kinder in den Waldkiga schicken durften. Gemeinsamem wollte man sich auch eine Kraft teilen, die das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ) leistet. So geschieht es bis zum heutigen Tag, zehn Jahre nach der Gründung.

Doch wo sollte der Kindergarten hin? Zusammen mit Revierleiter Volker Conrad streifte Ulli Hillebrand durch das Mahlholz, den Gerolzhöfer Stadtwald. Der Förster schlug eine Stelle mitten im Wald vor. Doch auch die Untere Naturschutzbehörde hatte da ein Wörtchen mitzureden.

Deren Leiter Jürgen Kiefer brachte den Platz am Waldrand Richtung Alter Berg ins Spiel, der es dann auch wurde. Lediglich zwei Bäume mussten weichen.

Ulli Hillebrand war zunächst etwas skeptisch, weil der Trimmpfad direkt am Waldkiga vorbeiführt und sie sich mit den

Kindern etwas exponiert vorkam. Aber das hat sich gelegt.

Der Aufbau des Kindergartens vollzog sich in Eigenarbeit. Eine Hütte müsste her, denn Jürgen Kiefer akzeptierte den

ursprünglich geplanten Bauwagen im Wald nicht, erinnert sich Ulli Hillebrand.

Käferhoplz gegen Bauholz

Der heutige Stadtrat Christian Ach zeichnete die Pläne. Das Bauholz stiftete die Stadt, allerdings nur indirekt. Es bestand aus vom Borkenkäfer befallenen Fichtenstämmen, die die Eltern schälten und dann in der Geusfelder Zimmerei Zipfel gegen das Holz eintauschten, aus dem die Hütte besteht.

Am Anfang gab es viele Zweifler. Ulli Hillebrand erinnert sich an eine Stimme: „Ihr werdet da draußen erfrieren. Ihr werdet schon wieder gekrochen kommen.“

Doch es lief. Der Waldkindergarten mit seinen aktuell 21 Bedarfsplätzen war bis zum heutigen Tag immer ausgebucht. In manchen Jahren gabes sogar mehr Nachfrage als Angebot, so dass Kinder abgewiesen werden mussten.

Die nicht geringe Verwaltungsarbeit des staatlich anerkannten Kindergartens erledigt der Trägerverein. Behördengänge gehören dazu. Alle Leistungen geschehen ehrenamtlich.

Erste Vorsitzende waren vor zehn Jahren Anneke Schilling und Karin Förster, heute sind es Norbert Groeger und Daniela Triebel. Manche Elternteile im Vorstand machten sogar länger mit, als sie Kinder im Waldkiga hatten.

Inhalte am Kirchenjahr orientiert

Inhaltlich lehnt sich auch der Waldkindergarten an den Kreis des Kirchenjahres an.

St. Martin, St. Nikolaus und Weihnachten werden genau so gefeiert wie in den von der Kirche getragenen Kindergärten der Stadt. „Es ist ganz wichtig, das nicht auszublenden, es gehört zu unserem Kulturkreis“, sagt Ulli Hillebrand, die selbst aus der kirchlichen Jugendarbeit stammt.

Viel stärker als andere erleben die Kinder vom Mahlholz die Jahreszeiten, lernen Blüte, Wachstum und Reife von Äpfeln und Kartoffeln kennen, begeben sich auf Fährtensuche nach tierischen Mitbewohnern des Waldes. „Diese Kinder werden ihr Lebtag lang den Wald schätzen und schützen“, ist sich Ulli Hillebrand sicher.

Norbert Groeger und Daniela Triebel glauben, dass der natürliche Bewegungsdrang der Kinder hier am besten befriedigt werden kann. Das habe auch positiven Einfluss auf die geistige Entwicklung.

Spielsachen sind nicht einfach da, sondern werden selbst erarbeitet. „Das hilft später in der Lösungsfindung“, sagt Groeger.

Außer einem Notaggregat für die dunkle Jahreszeit gibt es keinen Strom und auch kein fließendes Wasser. Kosten für Müllabfuhr oder Reinigung fallen nicht an, das gesparte Geld fließt alles in die Betreuung.

Waldkindergartenkinder bekommen zwar auch mal eine Erkältung, sind aber grundsätzlich resistenter gegen Infektionen und so gut wie nie chronisch krank.

Mit den andern Kindergärten der Stadt gibt es keine Berührungsängste. Man feiert gemeinsame Gottesdienste und besucht sich gegenseitig.

Den Kindern hat die Zeit im Mahlholz offensichtlich sehr gut gefallen. Darauf lässt sich schließen, weil immer wieder Jungs und Mädchen zurückkommen, die heute schon Teenager sind und sich mal umschauen wollen, was heute so geht. Und die kleinen Mathilda Groeger hat sogar ihren letzten Ferientag, bevor sie eingeschult wurde, im Waldkindergarten verbracht.

Das Jubiläumsprogramm

Der Waldkindergarten feiert sein zehnjähriges Bestehen am Sonntag, 25. September, mit folgendem Programm: 11 Uhr Uhr ökumenischer Gottesdienst beim Apfelbaum auf der Wiese, 12 bis 18 Uhr Waldfest mit Spielestationen und musikalischer Unterhaltung mit der Gruppe „Rocktankstelle“,

14 Uhr Liedvortrag der Kinder,

15 Uhr Theaterstück „Eugen Art(ig)“im Zirkuszelt. Für das leibliche Wohl ist zum Beispiel mit Gegrilltem oder Kaffee und Kuchen gesorgt. Fi

Die ersten Kinder, die ihre Kindergartenjahre im Mahlholz verbrachten. Foto: Hillebrand
Die Verantwortlichen heute (von links): zweite Trägervereinsvorsitzende Daniela Triebel, Leiterin Ulli Hillebrand und Vorsitzender Norbert Groeger. Foto: Norbert Finster
Eltern bauten eigenhändig das Herz des Waldkindergartens, die Holzhütte. Foto: U.Hillebrand

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