STAMMHEIM

Neonazis sollen durch Geisterdorf marschieren

Keine Gegendemonstranten, sondern Ignoranz: Wenn die Neonazis der Partei "Die Rechte" am Pfingstsonntag durch Stammheim laufen, sollen sie durch ein Geisterdorf marschieren.
Stammheim ist bunt: Das erste sichtbare Zeichen im Dorf gegen die drohende Ansiedlung der neonazistischen Partei Die Rechte. Foto: Norbert Finster

So jedenfalls stellt es sich Bürgermeister Horst Herbert vor. Es soll keine Gegendemonstrationen geben, sondern die Rechten sollen einfach ignoriert werden. „Wir gehen alle zum Musikfest und zeigen den Rechten die kalte Schulter. Wir bieten diesen Leuten kein Podium“, lautet die Strategie des Bürgermeisters.

Dazu sollen auch die wahrscheinlich zahlreichen Besucher der ökumenischen Andacht aufgefordert werden, die am Sonntag um 16 Uhr zeitgleich mit dem Gründungsparteitag der Rechten auf dem Dorfplatz beginnt. Ob sich alle dran halten, ist die große Frage. Das gilt insbesondere für Demonstranten, die unangemeldet nach Stammheim kommen könnten, obwohl es ausdrücklich keine Demonstration geben wird.
Auf einer Bürgerinformationsveranstaltung im Musikerheim freute sich Horst Herbert über die breite Solidarität von politischen Mandatsträgern, Parteien, Verbänden und Bürgern außerhalb Stammheims. Zu dieser Versammlung waren gut 200 Stammheimer gekommen, rund ein Viertel der Bevölkerung. Ihnen dankte der Bürgermeister für den kreativen Widerstand unter dem Dach von „Stammheim ist bunt“.
Neben nützlichen Tipps über sinnvolles Verhalten bei einer Demonstration von Kriminalhauptkommissar Wolfgang Meyer von der bayerischen Informationsstelle gegen Extremismus, kurz Bige (siehe gesonderter Bericht), gab es auch zahlreiche teilweise besorgte Fragen zum Pfingstsonntag.
Die Gefährlichkeit der Rechten erkenne man an ihrer Parteisatzung und an ihren Mitgliedern, die ausgewiesene Neonazis seien. Sie kommen teils aus verbotenen Strukturen und organisieren sich in der Partei „Die Recht“ neu, sagte Meyer auf eine Frage von Burkhard Krapf, dem Koordinator des Runden Tisches in Stammheim. Ein Verbot sei nur erreichen, wenn diese Partei erkennbar aggressiv und kämpferisch gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung vorgehe.
„Wir haben es hier nicht mit unbescholtenen Bürgern zu tun“, so Meyer auch an die Adresse von Frank Firsching, Bündnissprecher von „Schweinfurt ist bunt“, der sich gut vorstellen kann, dass am Sonntag einige hundert Schweinfurter nach Stammheim zur Andacht kommen.
Die meisten der Rechtsextremen gehen einem Beruf nach. Viel Geld brauchen sie bei den modernen Kommunikationsmöglichkeiten für ihre Arbeit nicht, hieß es auf eine Frage von Renate Bendel.
„Wie darf ich die Herren nennen, ohne dass ich sie beleidige?“, war die interessante Frage von Peter Prowald. „Nazis raus“ sei okay, nicht aber „du rechtes Arschloch“ oder der Stinkefinger. Wenn es deshalb zu einer anzeige kommt, muss dien Polizei sie bearbeiten. Generell bestehe die Strategie der Rechten aus einer Mischung von Provokation und Einschüchterung, ergänzte Christoph Dauser, der Leiter der Bige in München.
Mit Kreativität dagegen vorzugehen sei besser als mit Konfrontation, meinte Burkhard Krapf. Er erinnerte an eine Spendenbox-Aktion bei einem Neonazi-Aufmarsch in Wunsiedel, durch die für jeden Meter Marsch Geld für Aktionen gegen Rechts gesammelt wurde, die Nazis also gegen sich selbst marschierten.
Dass rumänische Arbeitskräfte in Stammheim, die beim Spargelstechen helfen, in Gefahr sind, glaubt Wolfgang Meyer nicht. Silvia Ziegler befürchtet das.
Zu ihrer Einsatzstärke am Sonntag macht die Polizei wie immer in solchen Fällen keine Angaben. Dazu Markus Hack, der Sachgebietsleiter für Ordnungs- und Schutzaufgaben beim Polizeipräsidium Unterfranken, immerhin soviel: „Bei zwei Streifenwagen wird es nicht bleiben.“ Es werden gut ausgebildete Polizisten kommen, die Erfahrung mit solchen Vorgängen haben. Hack wird am Sonntag wahrscheinlich den Polizeieinsatz leiten. Er rechnet damit, dass rund 70 Rechtsextreme am Sonntag nach Stammheim kommen.
Bei der Überprüfung der Internetseiten von Linksextremen sei bisher noch kein Aufruf zu sehen, nach Stammheim zu kommen. Oft halten sich die Linken zurück, wenn sie erkennen, dass bereits Widerstand gegen Rechts besteht, so wie in Stammheim, hatte Wolfgang Meyer durchaus die Hoffnung, dass am Sonntag alles relativ ruhig bleibt.
Falls es doch zu Vandalismusschäden an Stammheimer Anwesen kommt, könnten Hausbesitzer leicht auf den Schäden sitzen bleiben, wenn die Verursacher nicht gefasst werden und keine entsprechende Versicherung einspringt. Bürger sollten sich mit ihren Versicherungen schon jetzt in Verbindung setzen, um zu überprüfen, inwieweit ihr Hab und Gut gegen solche Schäden versichert ist, riet der Stammheimer Versicherungsmakler Herbert Niedermeyer.
 

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