Schweinfurt

Neue Hoffnung trotz Flucht und Terror

Herausfordernd und überzeugend: #JeSuis der Aakash Odedra Company im Schweinfurter Theater. Foto: Sean Goldthorpe

In einem düsteren Schutzraum sitzt eine Gruppe Menschen an einem Tisch, das elektrische Licht flackert, das kleine Radio knackt und pfeift, näher kommende Explosionen machen klar, dass wir mitten unter Flüchtlingen sind, die sich hier vor einem Bombardement sicher fühlen. Aber die Menschen haben Angst. Als das Radio plötzlich lauter wird, zucken sie zusammen wie unter einem Elektroschock. Die Gefahr ist spürbar, in jedem Moment.

Gerade in diese hier gezeigte Realität soll das Publikum hineingezogen werden, sagt der britische Choreograf Aakash Odedra, der mit seinem einstündigen Tanzdrama #JeSuis weltweit für Aufmerksamkeit sorgt. Es zeigt Unterdrückung und Gewalt und die Sprachlosigkeit der Opfer, die nicht nur wie hier im Krieg, auch im Gefängnis, Flüchtlingslager oder hinter zugezogenen Vorhängen Menschen verachtend zutage tritt. "Wir leben in einer Hashtag-Generation", sagt Odedra, "doch die TV-Meldungen und Hashtags bringen uns nicht weiter. Ich möchte Menschen zum Nachdenken bringen – und zum Handeln. Ich glaube daran: Jeder Mensch kann etwas zum Guten verändern".

Die verstörenden Bilder der verängstigten Menschen bekommen mit dem Eindringen eines Soldaten eine neue Dramatik. Sie weichen vor ihm zurück, er setzt sich an den Tisch, stellt das Radio lauter. Die Sechs hören den mit Sirenengeheul vermischten Nachrichten zu: Mit Gesten der Verzweiflung werfen und wälzen sie sich am Boden. Unbeteiligt der Soldat, er wirft ihre Dokumente in die Luft.

Packende Szenen leidenschaftlich und eindringlich getanzt

Vergeblich versuchen die Flüchtlinge, über ein Mikrofon/Telefon eine Nachricht nach draußen abzusetzen, doch niemand hört sie. Hören wird man dagegen einen vorbereiteten Text, den die Eingeschüchterten in ein Aufnahmegerät sprechen müssen: "Uns geht es hier gut".  Packende Szenen, die die sieben türkischen Tänzerinnen und Tänzer voller Leidenschaft und Präsenz, voller Dynamik und ergreifender Ausdruckskraft gestalten.

Eine Frau wird überwältigt, sie wird von Kopf bis Fuß in Klarsichtfolie eingewickelt. Man sieht ihr mühsames Ringen um Atem, doch sie kann sich befreien. Auch die anderen Flüchtlinge betreten mit Folien verbundener Stirn die Bühne. Gehirnwäsche? Zu infernalischen Bass-Linien ein brutaler Zweikampf zwischen dem Soldaten und einem Gefangenen, der zu Boden geht. Der stolze Sieger schleppt eine Frau aus der Gruppe, ein brutaler Pas de deux mit einer Wehrlosen deutet eine Vergewaltigung an.

Jetzt wächst Widerstand in der Gruppe, von den Frauen angeführt. Die Beleuchtung wechselt zum hellen Sonnenlicht, es scheint den Unterdrückten neue Hoffnung, Kraft und Würde zu schenken – auch diese wichtige Szene ist eine großartige tänzerische Leistung der Company. Aus dem Täter wird plötzlich der Gejagte: Am Boden liegend entledigt sich der Peiniger seiner Uniform. Langsam verlöschen die Scheinwerfer. Stille. Stille auch im Publikum. Dann großer Beifall für die engagierten Tänzer, für Aakash Odedra und seine fesselnde und beunruhigende Choreografie.

Bei der gut angenommenen Nachbesprechung stellte Tourmanagerin Evi Nurfidianti  Aakash Odedra und die Tänzerin Gizem Aksu vor. Der Choreograf erläuterte das Konzept seines Werkes, das ursprünglich als Work in Progress bei einem Workshop in Istanbul entstand. Als in einer der Zuschauerfragen der Abend als Albtraum bezeichnet wurde, entgegnete Odedra: "Das stimmt zum Teil, doch vergessen Sie nicht: Wir leben in einem Albtraum. Doch wir müssen uns nicht damit abfinden – das Stück ist meine Antwort".

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