Schweinfurt

Neuer Polizeichef: "Das Ankerzentrum ist eine große Herausforderung"

"Ich fahre jeden Tag mit einem Lächeln hierher." Schweinfurts neuer Polizeichef, Leitender Polizeidirektor Joachim Mittelstädt, hat den Wechsel von Coburg nach Schweinfurt nicht bereut. Foto: Anand Anders

Seit einer Woche trägt er den vierten goldenen Stern auf der Schulterklappe. Joachim Mittelstädt wurde nach seinem Wechsel als Polizeichef von Coburg nach Schweinfurtnun offiziell auch zum Leitenden Polizeidirektor befördert. Seit gut 100 Tagen ist er im Amt. Wir besuchten ihn in seinem neuen Büro. Im Gespräch zieht er eine erste Zwischenbilanz.

Frage: Die ersten 100 Tage im neuen Amt sind vorbei, haben Sie sich schon eingearbeitet?

Joachim Mittelstädt: Ja. Ich bin auf dem Laufenden und habe schon viele Leute kennengelernt.

Sie waren neun Jahre lang Dienststellenleiter der Polizeiinspektion Coburg und sind nach Schweinfurt gewechselt, weil Sie noch einmal eine Herausforderung suchten. Wo liegt diese?

Mittelstädt: Zunächst einmal in der Größe der Dienststelle, die ist in Schweinfurt um einiges größer als in Coburg. Dann im viel größeren Zuständigkeitsbereich. Wir sind neben der Stadt Schweinfurt ja auch für 19 Landkreisgemeinden verantwortlich. Mich hat aber nicht nur die Größe gereizt, sondern auch das breit gefächerte Aufgabengebiet. Hier gibt es zum Beispiel ein stillgelegtes Kernkraftwerk. Das ist eine interessante Geschichte für mich, weil ich in einer bundesweiten Kommission zur Erarbeitung von Polizeidienstvorschriften tätig bin. Da haben wir von 2012 bis 2016 die Dienstvorschrift zum Thema Geiselnahmen überarbeitet, und ich hatte mich hierbei speziell mit dem Thema Kernkraftwerke befasst. Insofern ist es interessant zu sehen, wie das in der Praxis gehändelt wird. Dann gibt's hier noch die Wasserschutzpolizei, damit hatte ich bislang auch nur bei der Erarbeitung der Dienstvorschrift "Gefahren auf dem Wasser" Berührung. Jetzt kann ich live erleben, wie das umgesetzt wird. Und dann gibt's hier ja noch den Fußballclub, der auch eine Herausforderung ist. Wir haben hier ja immer wieder gefahrgeneigte Spiele. 

Eine Herausforderung ist sicherlich auch das Ankerzentrum in der Stadt.

Mittelstädt: Das Ankerzentrum ist eine große Herausforderung. Das kannte ich bisher nur aus dem Nachbarbereich in Bamberg. Ich habe damals die Schwierigkeiten miterlebt, wenn man die umliegende Bevölkerung mit einer solchen Einrichtung konfrontiert. Insofern ist das Ankerzentrum natürlich eine Herausforderung, die mir bewusst war und die ich ganz spannend finde. 

Im Laufe des Jahres wird das Ankerzentrum in die Conn Barracks bei Geldersheim verlegt. Was bedeutet das für die Inspektion?

Mittelstädt: Im Hinblick auf den bevorstehenden Umzug haben wir hier in der Dienststelle schon eine kleine organisatorische Änderung vorgenommen. Wir haben zwei Leute benannt, die eine Koordinierungsgruppe zu diesem Thema bilden und künftig Ansprechpartner für alle möglichen Behörden sind. Sie werden auch den Einsatz in der Ankerwache steuern.

Die Unterfränkische Polizeigewerkschaft hat jüngst eine personelle Aufstockung Ihrer Inspektion explizit wegen des Ankerzentrums gefordert. Wieviel Personal brauchen Sie mehr?

Mittelstädt: Wir haben mal für 2018 errechnet, dass fast 19 000 Arbeitsstunden ausschließlich fürs Ankerzentrum und damit zusammenhängende Einsätze angefallen sind. Bei einer 40-Stunden-Woche sind das elf bis zwölf Leute pro Jahr, die sich nahezu ausschließlich mit den Aufgaben des Ankerzentrums befassen. Denn wir rücken bei Einsätzen dort – egal ob es ein Feueralarm oder nur eine Hilfeleistung ist – immer mit mindestens zwei Streifen aus, wenn's geht sogar mit mehr. Das hat sich bewährt. Denn wenn wir gleich entsprechende Präsenz zeigen, wirkt das deeskalierend.

Wieviel Personal haben Sie insgesamt in der Inspektion?

Mittelstädt: Auf dem Papier stehen 222 Soll-Stellen. Tatsächlich arbeiten wir aber mit einer Ist-Stärke von 196. Und wenn ich die Kolleginnen und Kollegen noch abziehe, die in Elternzeit oder erkrankt sind, dann sind es 170, die tatsächlich Dienst leisten.

Waren Sie persönlich schon im Ankerzentrum?

Mittelstädt: Ja, ich war schon einige Male oben.

Wie ist Ihr Eindruck? 

Mittelstädt: Es ist sehr beengt. Die Leute wohnen sehr dicht aufeinander. Die technischen Überwachungsmöglichkeiten sind allerdings sehr gut, das hilft uns auch weiter.

Gab es in Ihren ersten 100 Tagen als Polizeichef in Schweinfurt besondere Vorfälle im Ankerzentrum?

Mittelstädt: Ja zwei. Einmal eine Messerattacke, als Besucher aus Frankfurt da waren. Und einmal im Zusammenhang mit einer Abschiebung. Das ist im übrigen auch so eine Thematik, die künftig die Koordinierungsgruppe in die Hand nehmen wird. Probleme gibt es nämlich immer dann, wenn man Familien wegen unterschiedlicher Rechtsstellungen auseinanderreißen muss. Das ist der Fall, wenn die Eheleute zum Beispiel über verschiedene Länder eingereist sind. Jeder muss dann in das Land zurückgeführt werden, aus dem er gekommen ist. Die Koordinierungsgruppe wird künftig solche Abschiebemaßnahmen vorab klären, damit die Eheleute nicht getrennt werden müssen. Dann wären sie nämlich auch eher bereit zu gehen.

Wenn das Ankerzentrum in die Conn Barracks verlegt ist, sind die Bewohner nicht mehr so gut an die städtische Infrastruktur angebunden. Wird sich das Konfliktpotenzial erhöhen?

Mittelstädt: Ich glaube nicht, dass das eintritt. Die Wohnsituation wird sich in den Conn Barracks für die Bewohner verbessern. Es gibt dort schöne Grünflächen, man sitzt nicht so aufeinander. Das wird das Konfliktpotenzial vermutlich reduzieren. Außerdem ist ja geplant, Shuttlemöglichkeiten zu schaffen, damit die Bewohner in die Stadt kommen können. 

Nochmal zu den Einsätzen im Ankerzentrum: Sind diese für die Polizeibeamten gefährlicher?

Mittelstädt: Dass sich Leute zusammenrotten, das haben wir nicht nur im Ankerzentrum. Das gibt es mittlerweile überall. Das Zusammenrotten ist fast üblich, auch weil die Neugier und Gaffermentalität um sich greift. Dann fliegt halt auch mal eine Flasche aus der Menge in Richtung Polizei. Die Entwicklung der Angriffe auf Polizeibeamte ist richtig erschreckend. 2017 hatten wir im Bereich der PI Schweinfurt 18 Widerstandshandlungen, 2018 waren es 74.

Gab es auch Verletzte?

Mittelstädt: Zum Teil waren die Kollegen auch verletzt. Gottseidank gab es aber keine Schwerverletzten. Nach meinem Eindruck ist das Gefahrenpotenzial im Ankerzentrum nicht übermäßig problematisch. Das Hauptproblem liegt eher beim Alkohol. Wenn es unter den Bewohnern Schwierigkeiten gibt, ist nämlich meistens Alkohol im Spiel. Aber auch das ist kein Spezifikum des Ankerzentrums, das gibt es in der Stadt auch. 

Ihr Vorgänger hat großen Wert auf eine starke Polizeipräsenz an den Einsatzschwerpunkten in der Stadt, dem Roßmarkt und den Parkanlagen, gelegt. Werden Sie das ebenso handhaben?

Mittelstädt: Selbstverständlich. Wir werden auf keinen Fall die Stadt vernachlässigen. Wir sind nach wie vor in der Stadt präsent, gerade an den Brennpunkten. Wir schauen uns täglich die Kriminalitätslage an und reagieren sehr schnell auf entsprechende Bewegungen. 

In Schweinfurt gibt es eine ehrenamtliche Sicherheitswacht. Läuft die Zusammenarbeit gut?

Mittelstädt: In jedem Fall. Die Sicherheitswacht ist ein wesentlicher Faktor, um das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung auf einem guten Level zu halten.Die Kolleginnen und Kollegen liefern gute Hinweise, die in der Vergangenheit schon zur Klärung von aufsehenerregenden Straftaten geführt haben.

Noch einmal zum Thema Personal: Die PI braucht also elf bis zwölf Stellen mehr?

Mittelstädt: Die Stellen nützen mir nichts, ich brauche tatsächlich Leute, die hier Dienst leisten. Wir haben ja acht Stellen mehr bekommen wegen des Ankerzentrums, aber meinen bisherigen Recherchen nach sind nicht tatsächlich alle zugeführten Stellen besetzt. Eine weitere Personalzuführung wäre deshalb durchaus wünschenswert. Dann könnten wir uns auch wieder vermehrt anderen Dingen widmen.

Zum Beispiel?

Mittelstädt: Verstärkte Verkehrsüberwachung, um Raser zu bekämpfen. Oder die Bekämpfung der Drogenkriminalität. Aber auch mehr Präsenz im öffentlichen Raum zeigen, auch außerhalb von Schweinfurt.

Kommen die Landkreisgemeinden zu kurz?

Mittelstädt: Im Großen und Ganzen spielt die Musik in Schweinfurt. Außerhalb des Stadtgebiets haben wir es hauptsächlich mit Verkehrsunfällen, Ruhestörung, Einbruch oder Sachbeschädigung zu tun. Da sind wir natürlich schon präsent. Wir haben in der PI auch Kontaktbeamte installiert, die Ansprechpartner für die Kommunen sind.

Gibt es Dinge, die Sie verändern wollen?

Mittelstädt: Aus meiner Sicht ist die PI Schweinfurt in allen Bereichen gut aufgestellt. Da wird es sich erst mit der Zeit erweisen, ob man an irgendeiner Schraube drehen muss.

Apropos Zeit: Ihr Vorgänger war nur ein Jahr da. Wielange werden Sie bleiben?

Mittelstädt: Also, ich gehe mit 61,4 Jahren in Pension. Das sind noch fast drei Jahre, da kann man schon etwas bewegen. Und: Ich trage mich mit keinerlei Veränderungsgedanken.

Sie leben im oberfränkischen Altenkunstadt. Das ist 100 Kilometer entfernt. Pendeln Sie täglich?

Mittelstädt: Aktuell pendele ich täglich. Ich will mir aber hier eine kleine Wohnung zulegen, bin aber trotz einiger Bemühungen noch nicht fündig geworden. Aktuell kann ich bei meiner Nichte in Dittelbrunn wohnen.

Bleibt dem neuen Leitenden Polizeidirektor noch Zeit für Hobbys?

Mittelstädt: Ja, endlich komme ich jetzt wieder dazu, mehr Sport zu treiben. Ich jogge und mache Krafttraining. Und ich gehe gerne in den Wald zum Brennholzmachen. Zusammen mit meinem Sohn habe ich noch eine Hobbyimkerei mit aktuell acht Bienenvölkern. Und meine Enkeltochter, die wird vier Jahre alt, macht mir auch viel Freude. Außerdem besitze ich ein altes Motorrad. Damit machen meine Frau und ich an Wochenenden bevorzugt Ausflüge an den Untermain oder in die Rhön.

Dann haben Sie den Wechsel von Coburg ins weiter entfernte Schweinfurt nicht bereut?

Mittelstädt: Auf keinen Fall. Es war eine der Entscheidungen, die wirklich gut war. Ich fahre jedenfalls jeden Tag mit einem Lächeln hierher.

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