Würzburg/Schweinfurt

Nitrat im Grundwasser: Alles nur gelogen?

Wird den Landwirten zu Unrecht der schwarze Peter für zu viel Nitrat in unserem Grundwasser zugeschoben? Was stimmt und mit welchen Falschaussagen Stimmung gemacht wird.
Um die 100 Landwirte fuhren am Mittwoch (18.12.19) auf der B19 zwischen Unterpleichfeld und Bergtheim (Lkr. Würzburg) Kolonne. Damit wollen die Bauern auf Missstände in der Landwirtschaftspoilitik aufmerksam machen. Foto: Daniel Peter

Werden die Bauern zu Unrecht ab 2020 durch neue Düngevorschriften drangsaliert? Die Nerven vieler Landwirte liegen blank. Besonders dann, wenn bei öffentlichen Veranstaltungen, Demonstrationen oder in Whatsapp-Gruppen verwirrende oder falsche Behauptungen kursieren. So etwa beim Thema Nitrat. Wir haben die häufigsten Aussagen überprüft. Ein Faktencheck:

Behauptung: Die Qualität unseres Grundwassers wird immer schlechter/besser.

Falsch. Die Qualität des Grundwassers in Deutschland hat sich seit vielen Jahren kaum verändert. An 28 Prozent aller Messstellen in Deutschland, in deren Einzugsgebiet Ackerbau, Grünland und Sonderkulturen dominieren, wird der Schwellenwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter überschritten. Über alle Gebiete in Deutschland (nicht nur landwirtschaftliche) lagen 18 Prozent der Messdaten über dem erlaubten Wert. Insgesamt sind 27 Prozent der rund 1200 deutschen Grundwasserkörper wegen zu hoher Nitratwerte in einem schlechten Zustand. Der Europäische Gerichtshof hat Deutschland deshalb verurteilt. Es drohen Geldstrafen bis zu 850.000 Euro pro Tag.

Behauptung: Der Dünger der Landwirte ist die Hauptursache zu hoher Nitratwerte.

Richtig. Nitrat kann zwar auch über Stickstoff aus der Luft, defekte Abwasserleitungen oder die natürliche Nitrifizierung im Boden ins Grundwasser gelangen. Doch im Vergleich zum landwirtschaftlichen Anteil sind diese Quellen marginal. Nach Berechnungen des Bundeslandwirtschaftsministeriums überstiegen die Stickstoffmengen, die 2017 auf landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht wurden, um 93 Kilogramm pro Hektar die Menge, die von den Pflanzen aufgenommen werden konnten. Der Überschuss versickert zu einem großen Teil auch im Grundwasser, so das Umweltbundesamt.

Am Mittwoch (18.12.19) standen zwei Traktoren auf der B22 in Höhe Schwarzach (Lkr. Kitzingen). Damit wollen die Bauern auf Missstände in der Landwirtschaftspoilitik aufmerksam machen. Foto: Silvia Gralla
Behauptung: Die Messstellen in Deutschland sind nicht repräsentativ. 

Falsch. Um den Zustand des Grundwassers in Deutschland zu beschreiben gibt es 1215 Messstellen. Die Ergebnisse werden jährlich an die Europäische Umweltagentur gemeldet. Sie bilden repräsentativ die Verteilung von Landwirtschaft, Wald und Siedlungen in Deutschland sowie die regionale Verteilung der Nitratbelastung ab. Davon geben die 697 Messstellen, die landwirtschaftlich beeinflusst werden (da rund 60 Prozent der Fläche Deutschlands landwirtschaftlich genutzt wird), alle vier Jahre Auskunft darüber, wie Deutschland die Vorgaben der EU-Nitratrichtlinie von 1991 umsetzt. Die Richtlinie hat zum Ziel, die Nitrateinträge durch die Landwirtschaft zu reduzieren.

Behauptung: Deutschland hat seine 700 schlechtesten Brunnen gemeldet, weshalb es jetzt als Land mit extrem hoher Nitratbelastung gilt. 

Falsch.  Deutschland hat, wie in der Nitratrichtlinie gefordert, die Ergebnisse der 697 repräsentativen Messstellen gemeldet, deren Fläche landwirtschaftlich genutzt wird. Dabei wird die gesamte Bandbreite übermittelt: sehr gute bis sehr schlechte Werte, so das Umweltbundesamt.  

Behauptung: Es gibt viel zu wenig Messstellen.

Falsch: Neben den 1215 Messstellen untersuchen die einzelnen Bundesländer mit einem zweiten Messnetz, das der Umsetzung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie dient, anhand rund 5000 Überblicks- und 2300 operativen Messstellen den chemischen Zustand der Grundwasserkörper. Die Ergebnisse dieses Messnetzes werden alle sechs Jahre an die EU gemeldet. Was die Nitratbelastung angeht, zeigen beide Messnetze laut Umweltbundesamt deutliche Parallelen.

Behauptung: Andere EU-Länder haben Durchschnitts-Nitratwerte gemeldet.

Richtig. Obwohl die EU 1991 festgelegt hat, für die Überprüfung der Nitratrichtlinie nur landwirtschaftlich dominierte Messstellen zu melden, hält sich nicht jedes Land daran. Manche Länder melden auch die Ergebnisse von Messstellen unter Wald oder Siedlungen. Andererseits wurden bereits einige Länder wegen zu hoher Nitratwerte verklagt, darunter Frankreich. Zum Schutz der Bürger, so der Europäische Gerichtshof, denn die trügen die Kosten für die Aufbereitung des Wassers.

Behauptung: Es wird an Brunnen gemessen, die neben einer Jauchegrube stehen. Dessen Messwert gilt für einen Umkreis von 15 bis 20 Kilometern. 

Falsch. Um einen Grundwasserkörper zu bewerten, gibt es in der Regel immer mehrere Messstellen. Erst, wenn 20 Prozent der durch die Messstellen repräsentierten Fläche eines Grundwasserkörpers die Grenzwerte überschreiten, gilt der Grundwasserkörper als belastet.

Behauptung: Marode Abwasserkanäle sind verantwortlich für zu viel Nitrat im Grundwasser.

Falsch. Zwar sind zehn bis 15 Prozent des öffentlichen Kanalnetzes sanierungsbedürftig. Doch Stickstoffeinträge aus der Kanalisation betragen laut Bayerischem Landesamt für Umwelt - gehe man vom schlimmsten Fall aus - weniger als fünf Prozent. Messbar ist: Die Nitratbelastung des Grundwassers unter Siedlungsbereichen, unter denen in der Regel Abwasserkanäle verlaufen, sind deutlich niedriger als unter intensiv landwirtschaftlich genutzten Flächen.

In Mellrichstadt (Lkr. Rhön-Grabfeld) machten die Landwirte am Mittwoch (18.12.19) an der Autobahnauffahrt in Richtung Erfurt auf ihre Anliegen aufmerksam. Foto: Jochen Stäblein
Behauptung: Kläranlagen verunreinigen das Grundwasser mit riesigen Mengen an Stickstoff.

Falsch. Kläranlagen leiten ihr Abwasser in Bäche und Flüsse (Oberflächengewässer). Dort wird das Wasser verdünnt, bevor es in Richtung Nordsee und Schwarzes Meer transportiert wird. An allen Messstellen von Oberflächengewässern wird der Wert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter nicht überschritten. Grundwasser ist davon nicht betroffen, so das Bayerische Landesamt für Umwelt.

Behauptung: Kläranlagen verunreinigen Bäche und Flüsse mit ebenso viel Nitrat wie die Landwirte.

Falsch. Kläranlagen können das Abwasser zu 78 Prozent von Stickstoff befreien. 2016 haben bayerische Kläranlagen 18.000 Tonnen Rest-Stickstoff in Bäche und Flüsse geleitet. Was viel klingt, macht 17 Prozent des gesamten Stickstoffeintrags der Bäche und Flüsse (kein Grundwasser!) aus. Fünfmal so viel, 83 Prozent der Einträge, stammten aus diffusen Quellen rechts und links der Gewässer, im Wesentlichen aus der Landwirtschaft, so das Bayerische Landesamt für Umwelt. 

Behauptung: Es gibt kaum Trinkwasser-Störfälle wegen zu hoher Nitratwerte.

Richtig. Bei den meisten Trinkwasser-Störfällen, allein 70 in den vergangenen fünf Jahren in Unterfranken, wurden gesundheitsgefährdende Keime gefunden. Aber: Die Störfälle beziehen sich nur auf das Trinkwasser, das an die Verbraucher abgegeben wurde und nicht auf das Grundwasser. Enthält das Wasser einzelner Brunnen von vorne herein zu viel Nitrat, wird es im Wasserwerk aufbereitet, bevor es ins System eingespeist wird.

Behauptung: Der Bürger merkt von zu hohen Nitratwerten im Grundwasser nichts.

Falsch. Denn die Aufbereitung des Wassers kann teuer werden. Laut Umweltbundesamt könnte der Wasserpreis in nitratbelasteten Regionen um 32 bis 45 Prozent steigen. Auf einen Vier-Personen-Haushalt kämen dann für Leitungswasser Mehrkosten in Höhe von 134 Euro pro Jahr zu. 

Behauptung: Auch im Salat ist Nitrat. Also ist Nitrat nicht so schlimm.

Falsch. Zwar ist laut Stiftung Warentest fast immer Nitrat im Salat, egal ob Ruccola oder Feldsalat, bio oder konventionell.  Der gesetzliche Höchstwert für Eisbergsalat etwa liegt bei 2000 Milligramm Nitrat pro Kilogramm. Trotzdem ist Nitrat alles andere als harmlos. Wird es im Organismus zu Nitrit umgewandelt, kann das vor allem bei Säuglingen die Sauerstoffversorgung über das Blut hemmen.

Warum in Unterfranken so viel Nitrat im Grundwasser ist
Trotz erfolgreicher Projekte, etwa Kooperationen von Wasserversorgern und Landwirten im Werntal im Landkreis Main-Spessart, weist das Grundwasser in Unterfranken im bayernweiten Vergleich deutlich erhöhte Belastungen auf. Dies ist das Fazit der letzten, bereits veröffentlichten, Wasserversorgungsbilanz der Regierung von Unterfranken. 
Von den 13 Grundwasserkörpern, an denen die Region Anteile hat, sind fünf "stark belastet", so das Wasserwirtschaftsamt in Aschaffenburg. Dies liegt daran, dass Unterfranken so trocken ist, dass sich Schadstoffe, die einmal ins Grundwasser gelangt sind, über Jahre durch Niederschläge kaum verdünnen. Der oft felsige Boden mit geringer Filterfunktion verschärft das Problem. 
Schon 2001 wurde deshalb die Aktion Grundwasserschutz ins Leben gerufen. Ihr Ziel: Öffentlichkeitsarbeit betreiben und Modellprojekte zum Schutz des Grundwassers mit Landwirten, Wasserversorgern und Handwerkern initiieren (Beispiel: Wasserschutzbrot). Knapp 100.000 Kinder zwischen drei und zwölf Jahren wurden in der "Wasserschule" auf Erlebnis-Bauernhöfen für den Wert des Wassers sensibilisiert. Die unterfränkische Initiative wurde mittlerweile auf alle bayerischen Regierungsbezirke übertragen.
Eine Chemielaborantin bei der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz in Karlsruhe zeigt eine Flasche mit einer Grundwasserprobe. Der Nitratgehalt im Wasser wird über Nitrit bestimmt. Die violette Färbung zeigt die Reaktion des Nitrits im Grundwasser. Je höher der Nitrat- und somit auch der Nitritgehalt in der Grundwasserprobe ist, desto intensiver ist die Färbung.  Foto: Uli Deck, dpa

Rückblick

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