WÜLFERSHAUSEN

Noah gehört einfach dazu

Gelungene Integration im Kindergarten Wülfershausen: Der kleine Noah fühlt sich sehr wohl, sagt Kiga-Leiterin Julia Schmitt. Rechts ist Noahs Zwillingsbruder Nick. Foto: Katharina Winterhalter

An diesem Morgen ist Noah wieder Erster. Während sich sein Zwillingsbruder Nick noch die Hausschuhe anzieht, stapft Noah schon in den Gruppenraum des Wülfershäuser Kindergartens, schaut sich kurz um und geht zielstrebig auf den runden Tisch zu, an dem schon ein paar Mädchen sitzen und frühstücken. Wie alle anderen Kinder fragt auch Noah, bevor er sich zum Essen hinsetzt. „Tisch, ham-ham“ sagt er leise und gibt Julia Schmitt die Hand zum Morgengruß.

Noah hat das Down-Syndrom. Er ist ein Stück kleiner als sein Bruder, er lernt nicht so schnell, „seine Entwicklung ist verzögert“, sagt seine Mutter Silke Vollmuth. Aber er liebt seinen Kindergarten und ist jeden Morgen glücklich, wenn er mit der großen Schwester Nele, die im Herbst in die Schule kommt, und seinem Bruder Nick ins Auto steigen darf. Silke Vollmuth mag sich gar nicht vorstellen, was wäre, wenn Noah morgens alleine mit dem Bus in einen Förderkindergarten fahren müsste.

Von Anfang an war sie sich sicher, dass es für ihr Kind nicht besseres gäbe, als mit gesunden Kindern zusammen zu sein und von ihnen zu lernen. In Julia Schmitt fand sie jede Unterstützung. Schon kurz nach der Geburt der Zwillinge hatte ihr die Leiterin des Kindergartens zugesichert, sie würde Noah aufnehmen. Im Januar, kurz vor dem dritten Geburtstag der Zwillinge, war es dann soweit.

Viel gelernt

Schon jetzt nach wenigen Wochen, steht fest, dass die Integration gelingt. Noah sei glücklich und habe schon viel gelernt, sagt seine Mutter. An diesem Morgen, gleich nachdem er seine Laugenstange gegessen hat, holt er sich einen Holzklotz und lässt ihn brummend über den Heizkörper fahren. Kurz darauf gesellt er sich zu seinem Bruder, der kleine bunte Autos über eine Bahn sausen lässt. Am liebsten aber geht Noah in die Musikecke, holt sich eine Trommel oder eine Rassel heraus und lauscht den Tönen, die er selbst produziert.

Für die anderen Kinder scheint seine Behinderung kein Thema zu sein. „Sie fragen nicht, für sie gehört Noah einfach dazu“, sagt Julia Schmitt. Und die anderen Eltern? Auch da scheint es keine Fragen zu geben. Natürlich braucht Noah manchmal ein wenig mehr Aufmerksamkeit oder Anleitung als andere Kinder. „Aber das brauchen Zweijährige, die zu uns kommen ja auch“, sagt Julia Schmitt. Zum Ausgleich haben unter Dreijährige und Kinder mit Behinderung Anspruch auf mehr Betreuung. Bei Noah sind das vier Stunden pro Woche, in denen eine Erzieherin kommt, um mit ihm zu spielen, Musik zu machen oder Bilderbücher anzuschauen, meist in Gemeinschaft mit anderen Kindern.

An diesem Tag wird Noah früher abgeholt, er geht regelmäßig zur Ergotherapie. Von den Fortschritten, die er dort und bei der Logopädin macht, erfährt nicht nur seine Mutter, sondern auch Julia Schmitt. Alle stehen in Kontakt miteinander. Die Beobachtungen und Erfahrungen fließen mit ein in Noahs Förderplan. Einen solchen gibt es freilich nicht nur für ihn, sondern für jedes Kind im Kindergarten. „Jeder hat seine Stärken und Schwächen“, sagt Julia Schmitt und soll entsprechend gefördert werden.

Im Einzelfall entscheiden

Auf die Frage, ob sie jedes behinderte Kind aufnehmen würde, antwortet sie, dass sie prinzipiell offen sei. Aber man müsse in jedem Einzelfall prüfen, ob es möglich sei, vor allem bei schweren körperlichen Behinderungen. Dass sich Kinder mit Down-Syndrom sehr gut integrieren lassen, diese Erfahrung hat sie bereits bei ihrer früheren Arbeit an einem Nürnberger Kindergarten gemacht. Silke Vollmuth weiß von einigen Bekannten, dass die Integration nicht geklappt hat und die Kinder dann doch in eine Fördereinrichtung mussten. Umso dankbarer ist sie Julia Schmitt für ihr Engagement. Das sei nicht selbstverständlich.

Was in drei Jahren wird, wenn Noah in die Schule kommt, diese Frage kann Silke Vollmuth noch nicht beantworten. Natürlich weiß sie, dass Noah seit 2009 das Recht hat, zusammen mit gesunden Gleichaltrigen unterrichtet zu werden. „Wir streben schon den Besuch einer Regelschule an. Aber drei Jahre sind eine lange Zeit, wir warten ab“, antwortet Julia Schmitt auf die Frage. Entscheidend sei, was für Noah das beste ist.

Welt-Down-Syndrom-Tag

Termin: Am Sonntag, 21. März, wird der Welt-Down-Syndrom-Tag begangen, an dem Selbsthilfegruppen und Behindertenverbände auf das Leben mit Trisomie 21 aufmerksam machen, wie die Krankheit auch genannt wird. Trisomie 21 ist die häufigste Form der Behinderung, jedes 600. Kind kommt damit zur Welt. Der Name leitet sich ab von der Ursache. Bei diesen Menschen ist das Chromosom 21 oder Teile davon dreimal, statt zweimal vorhanden. Der Name Down-Syndrom geht zurück auf den englischen Neurologen John Langdon-Down, der das nach ihm benannte Syndrom 1866 beschrieb.

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