SCHWEINFURT

Opfer oft bis ans Lebensende

Johannes Heibel: Der Buchautor gab im Interview mit Doro Schönrock-Kirchner Einblicke, wie die Kirche mit dem Thema sexuellem Missbrauch umgeht.
Johannes Heibel: Der Buchautor gab im Interview mit Doro Schönrock-Kirchner Einblicke, wie die Kirche mit dem Thema sexuellem Missbrauch umgeht. Foto: Helferich

Im kürzlich erschienenen Buch „Der Pfarrer und die Detektive“ haben Johannes Heibel und andere Autoren den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen am erschütternden Beispiel zweier katholischer Pfarrer festgemacht (wir berichteten). Auf Einladung der Kolpingfamilie hat Heibel nun in Schweinfurt aus seinem Buch gelesen. Er berichtete, warum ihn das Thema nicht mehr loslässt und informierte über die bundesweit tätige „Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch“. Heibel, Gründer und heute Vorsitzender, hat so Kontakt zu vielen Opfern. Einige waren auch unter den Zuhörern im Kolping-Zentrum.

Heibel, 59, verheiratet, Vater zweier Kinder, von Beruf Sozialpädagoge, erfährt 1991 von angeblichen Übergriffen eines Lehrers an einer Zehnjährigen. Heibel, damals Elternsprecher der Schule, geht den Vorwürfen nach. Das Ergebnis ist zunächst ernüchternd: Eine Vertrauenslehrerin, die ihn unterstützt, wird gemobbt, muss die Schule verlassen. Heibel wird wegen übler Nachrede angezeigt. Jahre später wird er von Gerichten vollkommen rehabilitiert, der Lehrer versetzt. Heibel war zuvor dem Rat gefolgt, den Verein zu gründen. Das Thema ließ ihn nicht mehr los. Dann erfährt er von den Übergriffen des Pfarrers W., lange Jahre Seelsorger der Diözese Würzburg.

Der Kleriker wurde 1986 wegen des sexuellen Missbrauchs von Kindern zu einer Geldstrafe verurteilt. Nach seiner Versetzung in zwei weitere Bistümer wurde er erneut straffällig. Vom Landgericht Coburg erhielt er 2000 sogar eine Freiheitsstrafe zur Bewährung. W. wurde 2002 in den Ruhestand versetzt, erst 2009 endgültig suspendiert.

Auch der zweite im Buch beschriebene Pfarrer hat mit unserer Region zu tun. Die aus Schweinfurt stammende Uschi Schäfer – sie lebt mit Familie in Johannesburg – beschreibt ihre Erlebnisse und Recherchen im Fall des katholischen Priesters K. aus Nordrhein-Westfalen, der nach Missbrauchsvorwürfen in ihrer Wahlheimat Südafrika landete. Auch dort wurden wieder Vorwürfe bekannt. Schäfer ging ihnen nach, betrieb mit Unterstützung von Roland Breitenbach die Aufklärung. Deshalb auch der Auftritt von Heibel bei Kolping. Breitenbach hatte ihn lange vor seinem Radunfall eingeladen.

Doro Schönrock-Kirchner, zweite Vorsitzende der Kolpingfamilie, ist Heibels Interviewpartnerin. Zwischen ihren Fragen liest der Herausgeber und Autor Passagen aus dem Buch. Etwa den „Kanzelsturm“. Ein Vater, dessen Sohn von Pfarrer W. am neuen Dienstort im Coburger Raum missbraucht worden war, steht während eines Gottesdienstes 1999 auf und berichtet der perplexen Kirchengemeinde von den Übergriffen des neben ihm stehenden Pfarrers.

Heibel wirft der Diözese Würzburg vor, gegen W. nicht schon 1985, als erste Vorwürfe laut wurden, eingeschritten zu sein. Viel Leid wäre verhindert worden. Wie im Fall des Lehrers. „Die Systeme gleichen sich“, sagt Heibel. Schuld suche man erst mal bei „Anderen“, die Opfer lasse man allein. In drei Bistümern sei W. Pfarrer gewesen, über 20 Jahre habe es gedauert, bis man seinem Treiben ein Ende gesetzt habe. Richtig reagiert habe das Kloster Heidenfeld, schildert Heibel: Pfarrer W. sollte dort eingesetzt werden, das Kloster lehnte ab.

Heibel weiß, dass viele der Opfer und ihre Angehörigen bis heute leiden. Einige Opfer stehen auf und bestätigen das. Besonders beeindruckend der Mut einer jungen Frau. Sie und ihre Familie seien im Dorf des Täters geblieben, würden aber heute wie „Aussätzige“ behandelt.

Damit es anderen nicht so geht, muss es mehr geben als eine Opferentschädigung. Dabei, sagt Johannes Heibel, dürfe es der Staat nicht belassen, das sei „ein Herausstehlen“. Es sei nötig, ein Bundesamt für „Opferschutz und Prävention“zu schaffen. Selbst kleinste Übergriffe, vor allem in jungen Jahren, hätten verheerende Folgen, zerstörten Leben und machten unfähig für Beziehungen.

Die erste Auflage seines Buches ist vergriffen. Eine zweite, überarbeitete wird es geben, so Heibel. Denn seit der Veröffentlichung hat sich viel getan. Pfarrer K. ist mittlerweile an Deutschland ausgeliefert worden. Der Prozess gegen ihn beginnt im Januar 2015. Außerdem haben sich weitere mutmaßliche Opfer von Pfarrer W. gemeldet. Dieser leugnet bis heute alles. Vor kurzem, so Heibel habe er in Würzburg sein Buch vorgestellt. W. kam zu dieser Veranstaltung, dementierte alles und nannte öffentlich die Namen von Opfern. Ein „permanenten Grenzverletzer“, sagt Heibel.

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