Schweinfurt

Organspende: Warum Aufklärung so wichtig ist

Reicht eine Gesetzesänderung aus, damit mehr Menschen Organspender werden? Bei einer Diskussion im Leopoldina wird klar, dass es viel mehr braucht, um zu überzeugen.
In solchen Boxen werden gespendete Organe transportiert.  Foto: Jens Kalaene/dpa

Wahrscheinlich kam der wichtigste Satz aus dem Publikum, als es beim regelmäßig stattfindenden Organspende-Mini-Symposionam Leopoldina um das hochaktuelle Thema "Widerspruch oder Zustimmung:  Die Organspende im Spannungsfeld Medizin-Recht-Ethik " ging. "Man sollte das Thema rechtzeitig mit seiner Familie besprechen, sich Gedanken machen", sagt eine Frau. Und zwar unabhängig davon, welche gesetzlichen Regeln es geben wird, wurde im Gespräch klar.  Egal, wie sich jemand entscheidet, für die Angehörigen ist die Konfrontation damit immer schwer, emotional belastend. "Liegt ein Angehöriger auf der Intensivstation, ist das ein Blackout für alle", fügt die  Frau hinzu. 

Belastung für Mediziner und Angehörige 

Was hätte der Patient gewollt? Wer  könnte wissen, ob er für oder gegen eine Organspende war? Eine Situation, die für Mediziner und Angehörige extrem belastend ist, zeigt sich bei Diskussion, die Klaus Dötter, der Transplantationsbeauftragte der Klinik leitet. Was sich aber auch  zeigt: Das Thema ist unfassbar komplex. Und es ist emotional. Wer erlebt, wie jemand auf ein  Spenderorgan wartet, vielleicht regelmäßig zur Dialyse muss, steht dem Thema natürlich aufgeschlossener gegenüber, macht Hannelore Seitz, Vorstandsvorsitzende der Interessengemeinschaft Niere Schweinfurt/Haßberge deutlich. "Es wird viel zu wenig für Aufklärung getan", ist sie sich sicher. Mit ihrem Verein geht sie in Schulen und Vereine, erzählt das Thema Organspende aus der Perspektive von Betroffenen. "Wenn Du ein Organ bekommst, bist du frei."

Gesetzliche Regelung nur ein kleiner Baustein 

Die gesetzliche Regelung könne nur ein kleiner Baustein sein, um die Spendebereitschaft zu erhöhen, ist sich auch Alexandra Greser, Ärztliche Koordinatorin der Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO), sicher. 

Mehr Wissen: Auch für Dr. Johannes Mühler, Chefarzt der Neurologie am Leopoldina, ist das ein Ansatz, die Zahl der Organspenden zu erhöhen. Mediziner und Pflegekräfte werden regelmäßig mit dem Sterben, mit Tod konfrontiert. Sie wissen, was ein irreversibler Hirnfunktionsausfall bedeutet. Außenstehende tun sich dagegen schwerer, das zu verstehen, das zu akzeptieren. Mühler sieht die Widerspruchslösung, also dass jeder potenziell Organspender ist, es sei denn, er hat widersprochen, schwierig. Einerseits könnte das Menschen zusätzlich verunsichern, es könnte einen gegenteiligen Effekt haben: Aus dem Gefühl heraus, Mittel zum Zweck zu werden, Nein zu sagen.  Außerdem setze Widerspruch überhaupt erst mal die Befähigung zum Widerspruch voraus. Könne man davon ausgehen, dass jeder davon weiß, dass er widersprechen muss?

Das Beispiel Spanien zeige aber, dass die Widerspruchslösung zu mehr Organspenden führt. Auf der anderen Seite könne man diese Lösung im Widerspruch zum Grundgesetz sehen, als starken Eingriff ins Selbstbestimmungsrecht und in die Menschenwürde. "So ein Grundgesetz wie wir hat halt keiner." 

Sandra Schmitt, Leiterin des Schwerpunkts Medizinrecht der Kanzlei Waldhorn und Partner, Würzburg, kann sich vorstellen, dass das Bundesverfassungsgericht angerufen wird, sollte sich der Gesetzgeber für eine Widerspruchslösung entscheiden. Auf der einen Seite gebe es das Selbstbestimmungsrecht des Spenders, auf der anderen Seite die Aufgabe des Staates, sterbenskranke Bürger zu schützen. "Das wird eine heiße Diskussion werden." Sie führt einen Punkt an, der in der Diskussion öfter vorkommt und die Diskussion um Spendebereitschaft erschwert: Viele Menschen haben das Vertrauen verloren, dass alles mit rechten Dingen zugeht, zum Beispiel durch den Skandal 2012, als es um Manipulationen bei Wartezeiten für Transplantationen ging.   

Wie komplex und verwirrend die Sache ist, zeigt Dr. Alexander Koch, Transplantationsbeauftragter am Leopoldina, an einem Beispiel: Ohne Zustimmung darf niemand Fotos von jemandem verbreiten. Aber Organe solle man ohne Zustimmung entnehmen dürfen? Prof. Dr. Ingo Klein, Leiter Transplantations- und heptabobiliäre (Leber, Gallengänge und Bauchspeicheldrüse) Chirurgie an der Uni Würzburg hat später ein Gegenargument. "Wenn ich kein Testament mache, greift der Gesetzgeber auch ein".

Wie läuft eine Transplantation ab? 

65 Patienten stehen in seinem Bereich zur Zeit auf der Warteliste für eine Leber, 31 für ein Herz. Seit 2011 wurden 110 Lebern transplantiert, seit 2013 30 Herzen. Klein zeigt an einem Fall, wie eine Verpflanzung abläuft, von der Information durch Eurotransplant, dass eine Leber zu Verfügung steht, bis zur OP. Innerhalb von 30 Minuten muss die Entscheidung fallen, ob das Organ verpflanzt wird. In diesem Fall fiel die Entscheidung um  20.19 Uhr , dann folgten 42 Anrufe bei den Leuten, die involviert sein werden. Um 21.40 kam die Patientin in die Klinik, um 2.15 Uhr war das Organ aus Österreich da, von 2.30 bis 3.15 Uhr wurden Organ und Patientin vorbereitet, von 4 bis 9.30 Uhr war die Operation. 

Information, Aufklärung ist auch für Klein ein Schlüssel, die Spendebereitschaft zu erhöhen. Ein Spender kann potenziell acht Leuten auf der Warteliste zu einem neuen Leben verhelfen. Wer das weiß, ist vielleicht eher bereit, seine Organe zu spenden.  

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